2026-03-13T07:45:35.464Z

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Eine Rückrunde wie im Rausch: Wieso es bei Dynamo Dresden so gut läuft

Spätestens nach dem furiosen 6:0 gegen Preußen Münster hat wohl jeder Fan der 2. Bundesliga die Dresdner auf dem Zettel. Doch wie konnte es der sicher geglaubte Absteiger schaffen, zum Schreck der Liga zu werden?

von fue · Heute, 17:11 Uhr · 0 Leser
Foto: Björn Kaisen, Sportfotografie Rostam
Foto: Björn Kaisen, Sportfotografie Rostam

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Ein furioses 6:0 gegen den direkten Konkurrenten SC Preußen Münster vor 31010 begeisterten Zuschauern markiert den vorläufigen Höhepunkt einer bemerkenswerten sportlichen Wiederauferstehung. Nach 26 Spieltagen findet sich die SG Dynamo Dresden in der 2. Bundesliga plötzlich auf Platz 12 wieder. Dass der Aufsteiger derzeit die Liga aufmischt, glich noch vor wenigen Monaten einer Utopie. Die Mannschaft hat eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen, die genau zum richtigen Zeitpunkt kam und klare Gründe hat.

Vom sicheren Absteiger zum Rückrundenschreck

Blickt man auf die Winterpause zurück, schien das Schicksal der Sachsen bereits besiegelt. Nach einer 1:2-Niederlage bei Holstein Kiel zum Abschluss der Hinrunde lag Dynamo mit mageren 13 Punkten auf dem letzten Tabellenplatz. Der Rückstand auf den Relegationsrang betrug vier Zähler, im Schnitt kassierte die Mannschaft zwei Gegentore pro Partie. Nach nur drei Saisonsiegen und drei Niederlagen am Stück war die Stimmung am Tiefpunkt. Doch anstatt in Panik zu verfallen, bewies die Vereinsführung Weitsicht: Der Vertrag mit Trainer Thomas Stamm war bereits zu Saisonbeginn verlängert worden, und an dieser Kontinuität hielt man fest. Das Vertrauen basierte auf der Erkenntnis, dass die Mannschaft spielerisch oft besser agierte, als es die nackten Ergebnisse und die hohe Gegentorflut vermuten ließen.

Dieses Vertrauen zahlt sich nun in der Rückrunde historisch aus. In der reinen Rückrundentabelle belegt Dresden den zweiten Platz und hätte gar die Spitze erobert, wenn Hannover 96 am vergangenen Sonntag nicht in letzter Minute gegen Schalke ausgeglichen hätte. Mit 16 Punkten in der zweiten Saisonhälfte hat Dynamo bereits jetzt die Ausbeute der kompletten Hinrunde übertroffen.

Nur ein einziges Spiel, gegen den Tabellendritten SV Elversberg, ging verloren. Stattdessen wurden direkte Konkurrenten wie Magdeburg, Fürth und nun eben Münster eindrucksvoll geschlagen. Selbst gegen die Elite der Liga bewies das Team seine neue Reife: Gegen Tabellenführer Schalke 04 (2:2), den Fünften Hannover (0:0) und den Zweiten Darmstadt (3:1) zeigte Dynamo grandiose Leistungen.

Ein goldener Winter auf dem Transfermarkt

Der sportliche Aufschwung ist auch untrennbar mit dem Namen Sören Gonther verbunden. Der Ex-Dynamospieler, der im Dezember als neuer Sportgeschäftsführer von Hessen Kassel kam, entpuppte sich als Architekt des Erfolgs. Ihm gelangen essenzielle Wintertransfers, die die Statik der Mannschaft komplett veränderten. Seit mehrern Partien stehen ein halbes Dutzend der Neuzugänge in der Startformation, die sofort zu Leistungsträgern avancierten.

Defensive Stabilität als Schlüssel

Das neue Prunkstück ist dabei die Defensive: Thomas Keller, aus Heidenheim verpflichtet, bildet nun gemeinsam mit Julian Pauli ein sicheres Bollwerk in der Innenverteidigung und glänzte zudem bereits als dreifacher Torschütze, so konnte er essenzielle Punkte gegen Fürth, Magdeburg und Schalke sichern. Auf der rechten Abwehrseite agiert der von Hannover 96 ausgeliehene Jonas Sterner als Dauerbrenner. Der Aufstiegsheld der vergangenen Drittligasaison und Publikumsliebling schaltet sich auch immer wieder gefährlich in die Offensive ein.

Diese neu gewonnene defensive Stabilität wirkt sich auf das gesamte Team aus. In der Hinrunde wurde in der Viererkette noch viel experimentiert und Spieler wie Julian Pauli, Lars Bünning, Eigengewächs Friedrich Müller, Claudio Kammerknecht oder Lucas Boeder in wechselnden Konstellationen aufgeboten. Nun steht das Fundament. Davon profitiert auch Torhüter Tim Schreiber, der in der Hinrunde noch mit Unsicherheiten zu kämpfen hatte und nun ein sicherer Rückhalt ist. Das Resultat: Bereits dreimal spielte Dynamo in der Rückrunde zu null: ein Kunststück, das in der gesamten Hinrunde nicht ein einziges Mal gelang.

Die neu entfesselte Offensive

Auch im Mittelfeld und Angriff hat Gonther die entscheidenden Puzzleteile gefunden. Der aus Kiel (Leihgabe vom SC Freiburg) gekommene Robert Wagner hat sich als der dringend benötigte Stabilisator im defensiven Mittelfeld etabliert. Er ergänzt Kofi Amoako perfekt und fungiert als taktischer Befreier für Niklas Hauptmann. Von seinen defensiven Fesseln befreit, kann Hauptmann wieder als Mittelfeldmotor schalten und walten, das Spiel an sich reißen und, wie beim Doppelpack gegen Münster gesehen, selbst Torgefahr ausstrahlen.

Auf den Außenbahnen sorgen zwei weitere Neuzugänge für Furore. Der von Elversberg gekommene Linksfuß Jason Ceka wirbelt auf dem rechten Flügel, besticht durch enorme Qualitäten im Eins-gegen-Eins und verzeichnet bereits ein Tor und eine Vorlage. Auf der linken Seite brilliert der Mainzer Leihspieler Ben Bobzien, der nach seinem Doppelpack gegen Münster bereits bei drei Toren und zwei Vorlagen steht.

Im Sturmzentrum profitiert die Mannschaft zudem von Vincent Vermeij in Topform. Der Stürmer, der weite Teile der Hinrunde krankheitsbedingt verpasste, trifft derzeit wie am Fließband und steuerte in den letzten drei Partien drei Tore und zwei Vorlagen bei. Gemeinsam mit seinem Vertreter Christoph Daferner, der in der Hinrunde oft in der Startelf stand und starke sieben Treffer verbucht, kommen die Dresdner Angreifer bereits auf beachtliche 13 Stürmertore.

Schattenseiten und die Wochen der Wahrheit

Trotz der aktuellen Euphorie bleibt die langfristige Perspektive kompliziert. Die entscheidenden Winterneuzugänge sind ausnahmslos Leihspieler, deren Verträge am Saisonende auslaufen. Es dürfte für den Verein ein Kraftakt werden, auch nur einige von ihnen in Elbflorenz zu halten. Erschwerend kommt hinzu, dass mit Kofi Amoako ein absoluter Leistungsträger den Verein voraussichtlich für eine hohe Ablöse verlassen wird. Insgesamt laufen im Sommer 14 Verträge aus, was die Kaderplanung für die kommende Spielzeit zu einer enormen Herausforderung macht.

Umso wichtiger ist es, den Klassenerhalt so schnell wie möglich in trockene Tücher zu bringen. Nur ein weiteres Jahr in der 2. Bundesliga garantiert die finanziellen Mittel und die Verhandlungsposition, um im Sommer einen schlagkräftigen Kader zusammenzustellen. Aktuell beträgt der Vorsprung auf den Relegationsplatz, den Preußen Münster belegt, drei Punkte. Dank des deutlich besseren Torverhältnisses müssten die Münsteraner faktisch sogar vier Zähler aufholen.

Die kommenden Wochen werden richtungsweisend: Zunächst stehen schwere, aber durchaus machbare Aufgaben gegen Paderborn, Hertha BSC und Nürnberg an. Danach warten mit direkten und erweiterten Konkurrenten wie Bochum und Düsseldorf weitere Bewährungsproben. Behält Dynamo die derzeitige Form bei, könnte der Klassenerhalt in dieser Phase bereits vorzeitig festgezurrt werden - und die Rückrunde wie im Rausch fände ihr verdientes Happy End.