
Die Bremer Brücke ist ausverkauft, das Flutlicht wartet – und selbst die Trikots erinnern an einen der größten Pokalabende der Osnabrücker Geschichte. Wenn der VfL am Mittwoch den FC Bayern München empfängt, sind die Rollen eindeutig verteilt. Doch Trainer Timo Schultz setzt auf die besondere Atmosphäre, die defensive Stärke seiner Mannschaft und jene Unberechenbarkeit, von der dieser Wettbewerb lebt. „Ich bin der festen Überzeugung, dass im Fußball alles möglich ist.“
Vielleicht beginnt dieser Pokalabend schon lange vor dem Anpfiff. Wenn sich die Straßen rund um die Bremer Brücke füllen, die ersten Gesänge aus den Kneipen dringen und irgendwann der Mannschaftsbus des FC Bayern München in Richtung Stadion rollt. Keine gewöhnliche erste Pokalrunde, kein gewöhnlicher Gegner – und ganz sicher kein gewöhnlicher Mittwochabend für den VfL Osnabrück.
Um 20.45 Uhr trifft der Zweitliga-Aufsteiger auf den deutschen Rekordmeister und amtierenden Pokalsieger. Auf dem Papier ist die Sache eindeutig. Auf dem Rasen soll sie das nicht sein.
„Das Setting, mittwochsabends, 20:45 Uhr, früh in der Saison, das gibt einiges her“, sagt Timo Schultz. Der VfL-Trainer weiß, wie gewaltig die Aufgabe ist. Er weiß aber ebenso, welche Wirkung die Bremer Brücke entfalten kann, wenn ein Spiel erst einmal seinen eigenen Rhythmus bekommt.
„Wir haben nichts zu verlieren in dem Spiel und wissen, dass einiges zusammenkommen muss. Aber das Spiel geht bei 0:0 los, wir starten im Elf gegen Elf.“
Und dann folgt jener Satz, der über diesem Abend stehen könnte: „Ich bin der festen Überzeugung, dass im Fußball alles möglich ist.“
Sogar das Trikot erzählt diesmal eine Geschichte. Osnabrück läuft gegen Bayern in einem weißen Sonderdress auf – als Hommage an jenen 23. September 1978, der bis heute einen besonderen Platz in der VfL-Historie besitzt. Damals reisten die Osnabrücker nach München und gewannen im Olympiastadion ein spektakuläres Pokalspiel mit 5:4.
Fast fünf Jahrzehnte später sind die Voraussetzungen grundverschieden, die Erinnerung aber bleibt. Diesmal kommt der große Favorit an die Brücke.
Und er kommt als Rekordsieger. 21-mal gewann Bayern den DFB-Pokal. Erst in der vergangenen Saison holten die Münchner den Titel nach sechs Jahren wieder nach München. Gerade in der ersten Runde ist die Bilanz erdrückend: Seit dem 0:1 gegen den TSV Vestenbergsgreuth 1994 hat Bayern kein Auftaktspiel mehr verloren.
Auch der Start in die neue Saison ist gelungen. Auf den 2:1-Erfolg gegen Borussia Dortmund im Supercup folgte ein 5:1 gegen den VfB Stuttgart zum Bundesliga-Auftakt. Der Kader von Trainer Vincent Kompany wurde im Sommer unter anderem mit Ismael Saibari und Nathaniel Brown verstärkt.
Und dann wäre da noch Harry Kane.
Zehn Treffer erzielte der Engländer in der vergangenen Pokalsaison. VfL-Kapitän Jannik Müller kennt ihn bereits aus seiner Bundesliga-Zeit bei Darmstadt 98. Einen besonderen Kane-Crashkurs benötigt der Innenverteidiger deshalb nicht.
„Natürlich ist es so, dass man ihn schon des Öfteren im Fernsehen gesehen hat, allein durch die ganzen Champions-League-Spiele“, sagt Müller. „Ich habe in der Bundesliga auch schon gegen ihn gespielt. Deswegen weiß man so ein Stück weit, was auf einen zukommt.“
Was im Fernsehen manchmal selbstverständlich aussieht, fühlt sich auf dem Platz allerdings anders an. Auch das weiß Müller: „Wenn man dann auf dem Platz ist, hat man nochmal ein anderes Gefühl dafür, was für eine Qualität das ist.“
Angst klingt anders. „Ich freue mich auf das Duell.“
Osnabrücks Hoffnung speist sich nicht nur aus Pokalromantik. Der erste Saisonsieg am Freitagabend beim VfL Bochum hat gezeigt, mit welchem Ansatz der Außenseiter auch gegen individuell stärkere Mannschaften bestehen kann.
Beim 1:0 verteidigten die Lila-Weißen über weite Strecken tief, ließen sich auch von langen Druckphasen nicht aus der Ordnung bringen und retteten den frühen Treffer von Ismail Badjie über die Zeit. Genau diese Qualitäten dürften gegen Bayern noch stärker gefragt sein.
Schultz macht kein Geheimnis daraus, dass sein Team längere Phasen ohne Ball akzeptieren muss. „Ballbesitz ist nicht das Entscheidende. Du musst versuchen, die Räume zu kontrollieren und bei Bayern natürlich auch ihre individuelle Klasse rauszunehmen.“
Der Trainer erinnert dabei an ein Spiel gegen Viktoria Köln, das sein Team trotz deutlicher Unterlegenheit bei Ballbesitz und Eckbällen mit 2:0 gewann. Für Schultz ist das der Beleg, dass Statistiken allein keine Spiele entscheiden.
„Wir fühlen uns wohl, wenn wir auch tiefer verteidigen können, wir fühlen uns wohl, wenn wir auch in der eigenen Box verteidigen können, das haben wir auch in Bochum gezeigt. Von daher ist es für uns nichts Neues.“
Nur wird am Mittwoch jede Unachtsamkeit härter bestraft werden. Schultz spricht deshalb von einer „Mammutaufgabe“. Auch Kompany weiß, was auf seine Mannschaft zukommen kann. „Ich habe schon viel über die Bremer Brücke gehört“, sagt der Bayern-Trainer. Unterschätzen dürfe seine Mannschaft den Zweitligisten keinesfalls: „Es sind nie leichte Spiele.“
Vor allem Osnabrücks defensive Kompaktheit und das Umschaltspiel hat der Belgier ausgemacht. „In den ersten Spielen hat es nicht so geklappt, dann haben sie gegen Bochum aber wieder diese Kompaktheit gefunden.“ Personell kann Schultz dabei aus dem Vollen schöpfen. Auf Münchner Seite fehlt Serge Gnabry mit einer Adduktorenverletzung, der Einsatz von Jamal Musiala ist fraglich. Viel mehr braucht es eigentlich nicht, um die Bühne zu bereiten.
Eine ausverkaufte Bremer Brücke. Flutlicht. Ein weißes Trikot als Erinnerung an 1978. Der Rekordpokalsieger auf der anderen Seite. Und eine Osnabrücker Mannschaft, die gerade erst in Bochum bewiesen hat, wie unangenehm sie werden kann, wenn sie gemeinsam verteidigt. Müller formuliert den Plan für diesen Abend wesentlich einfacher: „Ich freue mich einfach, wie alle, riesig auf das Spiel und werde versuchen, alles auf dem Platz zu lassen.“ Dann fügt er hinzu: „Dann wollen wir mal schauen, was dabei rauskommt.“ Viel mehr Pokal braucht es nicht.