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Symbolbild – Foto: fcp (Archiv)

Chaos im Sport während der Pandemie: Man muss es den Kindern erklären

Der Wert der Bewegung

Wie soll man Kindern das Chaos im Sport während der Pandemie erklären? Man muss es wenigstens versuchen. Die Merkur-Kolumne „Zwischentöne“ von Reinhard Hübner.

München - Aus aktuellem Anlass wenden wir uns heute an die Jüngsten unter uns. Ihnen nämlich wollen wir erklären, wie das nun so ist mit dem Sport. Das heißt, wir wollen es versuchen, denn auch wir verstehen ja so vieles nicht mehr, weil uns die ständig wechselnden Corona-Regeln völlig irre gemacht haben. Aber wir bemühen uns.

Erst mal ganz prinzipiell, liebe Kinder: Der Sport, also nicht der, den euch die Glotze zeigt, ist wichtig für eure Gesundheit. Auch wenn er bei den Gesprächen auf höchster politischer Ebene als unwichtigste Nebensache der Welt behandelt, meist nicht einmal erwähnt wird. Dabei wissen Mediziner und Soziologen, dass Bewegung für Menschen, gerade für Kinder essenziell ist, präventiv wirkt gegen gesundheitliche und auch psychische Störungen. Und gerade jetzt sei Sport und Spaß an frischer Luft wahnsinnig wichtig, weil Immunsystem und Psyche gestärkt werden. Virologen aber, und nur die gelten gerade als systemrelevant, fordern, dass ihr daheim bleibt, vor dem Bildschirm Bildung und Sport virtuell konsumiert.

Wie sinnvoll ist ein Fußballtraining für Kinder ohne Körperkontakt?

Was meist, aber nicht immer gilt. Manchmal dürft ihr, frisch getestet, in die Schule und seit ein paar Wochen, vorausgesetzt, ihr seid unter 14 und am besten, damit sich Kontrolleure leichter tun, nicht über 1,50, wieder ins Fußballtraining. So richtig kicken geht aber nur, wenn ihr im Saarland lebt. Bei uns sind nur Übungen mit vorgeschriebenem Abstand erlaubt. Und auch nur dann, wenn die Inzidenz drei Tage in Folge unter 100 gelegen ist. Rutscht sie drüber, ist bald wieder alles dicht. Sucht am besten jeden Morgen im Netz, nicht in der Tagespresse, die ist nicht so aktuell, nach dem Ort, an dem das Training stattfinden soll und führt Buch, ob die Inzidenz dort nun drei Tage über oder unter 100 liegt. Sollte sie drüber liegen, könnte euer Verein noch versuchen, in den Nachbarkreis auszuweichen, der unter 100 ist.

Ist aber ein ziemlicher Aufwand und reichlich kompliziert. Wobei sich die generelle Frage stellt, wie sinnvoll ein Fußballtraining für Kinder ohne Körperkontakt ist. Ihr wollt doch spielen, kämpfen, rennen, Tore schießen und Zweikämpfe gewinnen, was aktuell nur Profis dürfen, nicht nur öde Passübungen machen. Mannschaftssport mit Abstand funktioniert ja nicht mal beim Basketball richtig, der als körperloser Sport gilt.

In Zukunft mehr virtuelle Sportler: Ganze Jahrgänge werden webrechen

Aber sogar bei Individualsportarten unter freiem Himmel ist alles nicht so einfach. Bestimmt habt ihr auch gedacht, Skifahren wäre gerade in diesen Zeiten ziemlich cool. Leider aber waren die Lifte zu und Langlauf ist auch nicht das, was allen Kids Spaß macht. Vor allem nicht allein. Immerhin hatten die Politiker dann, kurz vor der Schneeschmelze, ein Einsehen. Anfang März durften nämlich immerhin die Kinder, die einen Startpass des Verbandes hatten, also unsere künftigen Ski-Asse, wieder auf die Piste. Allerdings erst mal nur kurz, dann hat man die Lifte wieder geschlossen und schließlich doch nochmal aufgemacht. Wohl, weil der Winter eh fast vorbei ist. Und natürlich nur, wenn die Inzidenz passt, die aber inzwischen fast überall in Bayern über 100 oder nur knapp darunter liegt. Also heute so, morgen so?

Alles ein bisschen kompliziert und in seiner Gänze wohl nur für einen Juristen oder Verwaltungsfachmann zu verstehen. Oder für Politiker, die sich in der Abwägung der Risiken für einen Weg entschieden haben, der wohl ältere Leute schützt, dafür aber eine ganze Generation bewegungsarmer Einzelgänger großzieht, deren mehr oder weniger schweren physischen und psychischen Schäden aber erst weit nach der Bundestagswahl im Herbst virulent werden sollten. Dass wir künftig weniger Medaillen und Titel werden feiern können, weil dem Sport ganze Jahrgänge wegbrechen, ist da das geringere Problem. Dafür werden wir echt starken Nachwuchs an virtuellen Sportlern haben, die in den letzten Monaten mehr als genug Zeit an der Konsole verbracht haben. Soll auch spannend sein. Aber halt nicht ganz so gesund.

(Reinhard Hübner)

655 Aufrufe10.4.2021, 15:37 Uhr
Münchner Merkur / Reinhard HübnerAutor

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