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Dietmar Hirsch: „Viele hätten ja gesagt: Bist du bescheuert?“

Dietmar Hirsch, Trainer des MSV Duisburg, im großen RP-Interview.

von RP / Daniel Brickwedde und Arnd Janssen · 18.03.2025, 12:00 Uhr · 0 Leser
Dietmar Hirsch ist stets mit vollem Körpereinsatz bei der Sache.
Dietmar Hirsch ist stets mit vollem Körpereinsatz bei der Sache. – Foto: Pressefoto Eibner

Dietmar Hirsch trainiert seit Sommer den MSV Duisburg. Im Niederrheinpokal trifft er nun auf Union Nettetal. Im Interview spricht er über Erinnerungen an den 1. FC Viersen, die heutige Spielergeneration, die Aufgabe beim MSV und sagt welcher Trainer ihn geprägt hat.

Herr Hirsch, was fällt Ihnen eigentlich zum Lobbericher SC und Union Breyell ein?

Dietmar Hirsch: "Die beiden Mannschaften sind jetzt Union Nettetal (1996 fusionierten beide Klubs, Anm. d. Red.). Es gibt aber wenige Verbindungen für mich zu diesen Vereinen. Ich war fußballerisch in meiner Jugend eher im Viersener und Mönchengladbacher Raum unterwegs, und Lobberich und Breyell gehören zum Raum Kempen-Krefeld. Ich habe aber in der Nähe in Niederkrüchten gewohnt und habe mir mal Spiele angeschaut."

Damit wäre die Brücke zum Niederrheinpokal-Halbfinale am 22. März gegen Union Nettetal geschlagen. Sie treffen auf einen Verein aus ihrer Heimat. Verfolgen Sie den Fußball ihrer Heimatregion noch?

Hirsch: "Ich schaue schon auf die Vereine aus dem Viersener Raum, Nettetal gehört ja dazu. Ich kenne auch Lutz Krienen (ehemaliger Co-Trainer in Nettetal, Anm. d. Red.), mit dem ich beim 1. FC Viersen zusammengespielt habe. Kontakte nach Süchteln oder Viersen habe ich allerdings nicht mehr. Das ist ja schon Jahrzehnte her. Für mich ist es aber überraschend: Früher war der 1. FC Viersen im Kreis das Aushängeschild, während Süchteln der kleinere Verein war. Mittlerweile hat sich dieses Verhältnis aber gedreht, in allen Bereichen, auch infrastrukturell sogar."

Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Hohen Busch, dem Stadion des 1. FC Viersen?

Hirsch: "Ich habe fast meine ganze Jugend beim 1. FC Viersen verbracht. Allerdings haben wir immer an der Krefelder Straße trainiert und gespielt, also am ganz anderen Ende der Stadt. Ich war mit meinem Vater aber immer bei den Spielen der ersten Mannschaft am Hohen Busch. Viersen spielte in der Oberliga Nordrhein, damals die dritthöchste Spielklasse – da wollte man hingehen, das war cool. Ich habe bei den Spielen immer mit Stolz den Trainingsanzug des Vereins getragen. Viersen setzte damals aber nicht auf die Jugend. Es war eigentlich ausgeschlossen, in die Oberliga-Mannschaft zu kommen. Deswegen bin ich nach der A-Jugend lieber zum ASV Süchteln gegangen und habe dort Bezirksliga bei den Herren gespielt."

Ein Jahr danach gingen Sie zurück zum 1. FC Viersen und wurden später Stammspieler. Stimmt es eigentlich, dass Sie Viersen damals mündlich schon für ein weiteres Jahr zugesagt haben, als das Angebot von Borussia Mönchengladbach kam – und dann mit schlechtem Gewissen zum damaligen Trainer Willi Kehrberg gingen, was sie machen sollen?

Hirsch: "Ja, genau. Bei Willi habe ich viel gelernt und er kann ja auch ein Stück stolz sein, dass einer aus Viersen, den er trainiert hat, es nach oben geschafft hat. Mir geht es ja nicht anders, wenn ich einen Spieler von mir an die 1. oder 2. Bundesliga abgebe. Der Trainer von Borussias zweiter Mannschaft, Gerd Zewe, wollte mich damals aber unbedingt haben. Wir hatten kurz darauf mit Viersen eine Abschlussfahrt nach Mallorca. Ich war noch sehr jung und die älteren Spieler haben versucht, mich zum Bleiben zu überreden: ‚Warum willst du zu Gladbach II, Viersen ist doch besser?‘ In der Verbandsliga war Viersen damals in der Tabelle und qualitativ tatsächlich vor der zweiten Mannschaft von Borussia. Ich habe geantwortet: ‚Ja, das stimmt, aber ich möchte in die erste Mannschaft.‘ Da haben alle gelacht und gesagt: ‚Das ist die Bundesliga!‘ Ich wollte es aber unbedingt probieren."

Kommen wir zum MSV Duisburg. Als klar war, dass der Verein einen Trainer für die Regionalliga sucht, wie oft haben Sie aufs Handy geschaut, ob Geschäftsführer Michael Preetz sich gemeldet hat?

Hirsch: "Oft. Ich habe mich schon gefragt: ‚Warum rufen die nicht an?‘ (lacht) Ich muss aber ganz ehrlich sagen: In den vergangenen Jahren habe ich es immer mal wieder versucht, wenn es hier um die Trainerposition ging. Es hat sich aber nie ergeben. Im vergangenen Sommer kam aber vieles zusammen. Mein Co-Trainer Marvin Höner und ich sind Vizemeister mit Bocholt in der Regionalliga geworden, haben gute Arbeit geleistet und der MSV ist eben in diese Liga abgestiegen. So passte eins zum anderen, auch wenn der Kontakt relativ spät kam. An einem Samstag hatten wir das letzte Meisterschaftsspiel mit Bocholt, am Sonntag habe ich mit Michael Preetz telefoniert. Es war wahrscheinlich auch die einzige und letzte Möglichkeit für mich, hier Trainer zu werden. Ich habe mir klar gesagt: ‚Wenn es jetzt nicht klappt, dann werde ich keine Mühen mehr dran verschwenden. Dann ist das halt so.‘ Zum Glück ist es anders gekommen."

Nachdem Sie den Vertrag unterschrieben, seien ein paar Freudentränen geflossen, haben Sie mal erwähnt. Was hat Sie so berührt?

Hirsch: "Man möchte als Trainer wissen, wie es für einen weitergeht und dann kommt ein so großer Verein, auf den man immer gehofft hat – ist doch klar, dass man sich da freut. Duisburg ist für mich etwas Besonderes, weil ich hier meine größte Zeit als Bundesliga-Spieler verbracht habe – mit internationalen Spielen und dem Pokalfinale (1998, 1:2-Niederlage gegen Bayern München, Anm. d. Red.). Jetzt ist es ein neuer Lebensabschnitt, aber trotzdem kenne ich hier noch die Gebäude, das Stadion. Es ist wie ein Nachhause kommen. Das ist emotional. Aber ich weiß auch, dass ich hier wohl nicht mein Leben lang Trainer bleibe. Es wäre schön, wenn ich den Christian Streich mache, aber ebenso kann es sein, dass ich mittelfristig wieder woanders bin. Das ist Teil des Jobs."

In Fan-Kreisen löste Ihre Verpflichtung hohe Sympathie-Wellen aus. Sind Sie geschmeichelt von all der Euphorie?

Hirsch: "Es ist doch total schön, wenn jemand sagt: ‚Ey, das ist aber geil, dass der da ist.‘ Mich hat das total gefreut. Wenn du hier Fußball gespielt hast und alles gegeben hast, dann weißt du, was die Leute erwarten. Die wollen ehrlichen Fußball sehen. Du musst dir den Hintern aufreißen. Ich weiß aber auch, dass meine Vergangenheit als Spieler eine große Rolle spielt. Das heißt aber nicht automatisch, dass ich ein guter Trainer bin. Daher habe ich eine Erwartungshaltung an mich selbst und will natürlich alles geben."

Sie strahlen eine für das Trainergeschäft seltene Identifikation und viel Herzblut für den Verein aus. Müssen Sie sich manchmal bremsen, weil Sie zu viel wollen?

Hirsch: "Viele hätten ja gesagt: ‚Bist du bescheuert oder warum machst du das?‘ Als ich zugesagt hatte, hatten wir nur einen 20-jährigen Torwart und zwei Spieler, die aus der U19 hochgekommen sind. Und wenn man hier anfängt, weiß man, dass der Aufstieg das Ziel ist. Gerade in der Sommervorbereitung haben wir im Trainerteam versucht, vieles von dem, was in Bocholt gut geklappt hat, auch hier einzubringen. Aber das ging nicht eins zu eins. Und dann fährst du irgendwann nach Hause und bist deprimiert. Meine Frau sagte dann zu mir: ‚Du wolltest immer Trainer beim MSV werden, wieso hast du jetzt scheiß Laune?‘ Sie hatte völlig recht. In Duisburg ist alles noch ein bisschen professioneller, hier sind Spieler dabei, die höher gespielt haben und die man anders anpacken muss. Der Charakter der Mannschaft ist ganz anders als der in Bocholt. Wir haben es jetzt aber gut hinbekommen. Ich genieße nun jeden Tag – auch wenn die Ergebnisse, wie zuletzt, mal nicht so gut waren. Ich gehe jetzt entspannter und lockerer damit um."

In Ihrer Spielerkarriere haben Sie viele Trainer erlebt. Von wem haben Sie für Ihre eigene Trainerlaufbahn am meisten mitgenommen?

Hirsch: "Ich gebe darauf immer dieselbe Antwort: Friedhelm Funkel. Nicht nur, weil er die längste Zeit mein Trainer im Profibereich war (beim MSV Duisburg und Hansa Rostock, Anm.d. Red.), sondern auch wegen seines Umgangs mit den Spielern. Das hat mich sehr geprägt. Die Art, wie er mit uns gesprochen hat, seine Menschenführung, das habe ich für mich schon mitgenommen. Auch jetzt noch, wo er etwas älter und reifer war, hat er überall Erfolg gehabt, zuletzt in Kaiserslautern, Köln und Düsseldorf. Früher haben wir bei weitem nicht so taktisch und auch anders trainiert als heute. Und zuletzt hat Funkel bei seinen Teams ja auch nicht mehr die tägliche Trainingsarbeit gemacht. Aber er hält die Mannschaft als Ganzes zusammen. Hier ist es ähnlich. Ich betone immer, dass mein Co-Trainer fachlich top ist und mir unheimlich viel abnimmt, sodass ich mich mehr mit Spielergesprächen und der Mannschaft beschäftigen kann."

Gibt es noch Kontakt zu Friedhelm Funkel?

Hirsch: "Ja. Wir sind vor zwei Jahren als Pokalmannschaft von 1998 vom MSV eingeladen worden und haben im Vorfeld eine Whatsapp-Gruppe gegründet. Die existiert immer noch. Wir gratulieren uns darin zum Geburtstag oder wenn jemand einen neuen Verein hat. Und wenn ich Friedhelm Funkel irgendwo sehe, unterhalten wir uns natürlich."

Was haben Ihre Spieler-Jahre beim MSV für Sie ausgemacht?

Hirsch: "Sportlich habe ich mich natürlich als Bundesliga-Spieler etabliert. Bei Borussia Mönchengladbach bekam ich zuvor immer nur ein paar Einsätze, wenn ein Spieler vor mir verletzt war. Ich galt immer als junger Spieler, der aus der zweiten Mannschaft kam. Bernd Krauss war damals Trainer der Borussia und setzte zumeist auf Spieler, mit denen er selbst noch zusammengespielt hatte. Es war politisch ein wenig schwierig, würde ich sagen. Dann kam das Angebot aus Duisburg, das gerade aus der Bundesliga abgestiegen waren. Mir war die Aussicht zu spielen wichtig. Wir sind direkt wieder aufgestiegen, ich wurde Stammspieler und habe vier Jahre erste Liga gespielt. Es war absolut der richtige Schritt. Ich war zwar nicht der filigranste Spieler, aber habe immer alles gegeben, und ich glaube, das kam ganz gut an."

Was hat die damalige Mannschaft ausgezeichnet?

Hirsch: "Der Kern ist über die Zeit eigentlich zusammengeblieben. So wie Funkel die Mannschaft zusammengestellt hat, hat es einfach gepasst. Wir hatten nicht diesen einen Ausnahmespieler, außer vielleicht später Bachirou Salou. Ich kann mich an ganz viele knappe Siege mit 1:0 oder 2:1 erinnern. Wir haben einfach zusammengehalten, uns auf dem Platz zerrissen und wussten, dass wir wahrscheinlich nur vom Kollektiv leben können. Funkel hat das immer gefordert und gefördert."

Ist so eine Kameradschaft heutzutage in einer Mannschaft überhaupt noch möglich oder ticken die Spieler heute ganz anders?

Hirsch: "Die Spieler ticken heute komplett anders. Wenn wir früher ein Spiel verloren haben, hat stundenlang im Bus niemand gelacht. Es gab kein Handy, man musste sich mit seinen Mitspielern beschäftigen oder war einfach nur genervt oder angepisst. Es gab keine direkte Ablenkung durch irgendwelche Instagram-Storys. Heute ist alles schnell vergessen. Das muss man akzeptieren. Ich saß nach Niederlagen immer im Bus und hatte einen Hals bis nach Mexiko. Die heutige Generation ist anders. Es hat sich vieles verändert. Über einiges bin ich auch froh. Nach einem Sieg sind wir früher direkt an die Tankstelle gefahren. So viel Bier konnte man gar nicht transportieren, wie wir da geholt haben. Jetzt hatten wir kurz nach Karneval gleich wieder ein Spiel und die Jungs sind fit. Das wäre früher vielleicht schwieriger gewesen, glaube ich (lacht)."

Wie baut man trotzdem einen Teamgedanken auf? Gerade, wenn die Mannschaft im Prinzip neu zusammengestellt ist.

Hirsch: "Ich war immer ein Teamplayer. Das fordere ich auch von den Spielern. Wir haben ja nicht nur mit 25 Spielern im Sommer gesprochen, sondern mit viel mehr, auch mit Regionalliga- und Drittliga-Spielern. In den ersten Gesprächen habe ich gesagt, was sie von mir bekommen und was ich erwarte. Und es gab auch Spieler, die gesagt haben, sie reden nur mit uns, weil wir der MSV Duisburg sind – normalerweise würden sie nicht mit einem Regionalligisten sprechen. Dann hat es oft nicht gepasst. Wir müssen es als Trainerteam vorleben und authentisch im Umgang mit den Spielern sein. Wenn irgendwo ein Stinkstiefel in der Mannschaft ist, fliegt der raus. Damit habe ich kein Problem und anders funktioniert es nicht. Aber das Problem haben wir bislang noch nicht gehabt."

Sie haben bisher vor allem in der Regionalliga trainiert und verkörpern den Typ, der für diesen etwas „nahbareren“ Fußball steht. Reizen Sie überhaupt die höheren Ligen?

Hirsch: "Ich habe auch 3. Liga in Elversberg trainiert (2014, Anm. d. Red.). Damals habe ich aber viel falsch gemacht, ohne da ins Detail zu gehen. Der Profibereich ist halt auch sehr politisch. Ich habe viel auf die Schnauze bekommen, aber auch viel gelernt. Die 3. Liga ist heute aber ganz anders. Sie ist viel besser geworden, die Vereine sind besser, auch die Stadien. Da wollen wir natürlich hin. Ich bin allerdings kein NLZ-Jüngling wie viele andere. Ich habe keinen Rasenplatz gesehen in der Jugend, sondern war die ganze Zeit nur auf Asche. Ich bin froh über diesen Werdegang und habe von Grund auf gelernt, mit den Leuten nett umzugehen. Selbst, wenn ich Bundesliga-Trainer wäre, würde ich es genauso machen, wie bei meiner ersten Trainerstation in der Verbandsliga Schleswig-Holstein. Und wenn das nicht mehr ankommt, dann bleibe ich zu Hause – ich will ja ich sein."

Sie sind mit dem MSV Duisburg aktuell Erster in Regionalliga – wie von allen erwartet. Ist der Aufstieg jetzt ein Selbstläufer?

Hirsch: "Nein, das ist harte Arbeit. Die Favoritenrolle wurde uns von Anfang an zugeschustert. Jeder konnte sich hinter uns verstecken. Deswegen würdige ich die Leistung meiner Mannschaft noch viel, viel mehr. Denn jedes Spiel ist für uns eine Art Pokalspiel. Die meisten Mannschaften wachsen gegen uns über sich hinaus. Außerdem müssen wir damit zurechtkommen, dass man von uns immer einen Sieg erwartet. Das ist für den Kopf extrem anstrengend und kräftezehrend. Wir hatten ja diese Ergebniskrise, in der alles gekippt ist, was gefühlt wenige Tage davor noch besser lief. Und da rauszukommen, ist auch eine Qualität. Da ziehe ich einen Hut von meinen Jungs."

Ist die Rückkehr in den Profibereich für den MSV nicht alternativlos?

Hirsch: "Ich werde weiterleben, egal ob wir aufsteigen oder nicht aufsteigen. Aber ich werde mich riesig freuen, wenn wir es schaffen. Für das Finanzielle bin ich der falsche Ansprechpartner. Ich weiß nur, dass es von allen erwartet wird. Und wir wollen es ja auch. Wir haben eine gute Ausgangssituation und wollen es einfach bis zum Ende durchziehen."

Interview: Daniel Brickwedde und Arnd Janssen