
Nicht nur der TSV 1860 München trauert um Werner Lorant. Der Coach war ein Charakterkopf. Eine kleine Begebenheit zeigt seine erstaunliche Wirkung.
München – Ein Stück Münchner Fußballgeschichte ist gegangen – das werden sogar jene einräumen, die es nicht mit den Blauen halten. Werner Lorant ist tot. Ein Profitrainer seiner Art ist im modernen Fußball wohl nicht mehr denkbar. Und es gibt Gründe, das zu bedauern.
Lorant galt als Vulkan am Spielfeldrand, als „harter Hund“ im Training, auch ein Stück weit als Alleinherrscher. Wie stark Lorants Autorität nachwirkte, zeigt beispielhaft eine Szene vom Anfang der 10er-Jahre – lange nach Lorants Trainer-Hochzeit beim TSV 1860 München also.
Schon im August 2010 war einer der wichtigsten Weggefährten Lorants bei den Löwen beigesetzt worden: Karl-Heinz Wildmoser leitete von 1992 bis 2004 als Präsident die Geschicke des Vereins, von der Bayernliga bis in die Bundesliga. Unter Lorant, wie der vielleicht selbst gesagt hätte: „Er hat gemacht, was ich ihm gesagt habe. Eine Erfolgsgeschichte mit mir als heimlichem Chef”, sagte Lorant dem Kicker in einem späten Interview. Er verbrachte seine letzten Lebensjahre in Waging am See.
Natürlich kamen viele Protagonisten dieser Löwen-Zeit am 4. August 2010 bei der Trauerfeier am Waldfriedhof. Lorant selbst. Aber auch Spieler wie Olaf Bodden, Daniel Borimirov, Horst Heldt, Benjamin Lauth oder Miroslav „Miki” Stevic. Gesteckt voll war es auch in der Aussegnungshalle, lange nicht alle Trauernden fanden an diesem Sommertag Platz im Saal.
Lorant aber hatte den unübersichtlichen Raum im Blick und machte ein Grüppchen ehemaliger Schützlinge aus. Der einstige Löwencoach – im dunklen Anzug, aber ohne Krawatte – schürzte in der ihm eigenen Weise die Lippen, hob die Hand und krümmte wortlos die Finger zu einer „Herkommen”-Geste – und die Gerufenen folgten und drängelten sich mühsam durch die Menschenmenge zu ihrem Ex-Coach.
Ein kleiner Moment nur, an einem emotionalen wie für die Weggefährten Wildmosers schmerzhaften Tag. Aber er verrät etwas über Lorants Wirken.
Es wäre schließlich ein Leichtes gewesen, die Geste zu übersehen. Das Gedränge war groß. Und ein Vorgesetzter im arbeitsrechtlichen Sinne war Lorant schon lange nicht mehr – im Jahr 2010 war seine letzte Trainerstation der DAC Dunajska Streda in der Südslowakei gewesen. Dennoch wirkte die Autorität (oder auch die Treue zum Wort des einstigen Taktgebers) fort. Lorant, so viel lässt sich guten Gewissens sagen, hatte Autorität durch seine Persönlichkeit, nicht durch sein Amt.
Ungezählte andere, aus heutiger Sicht fast skurrile, Momente bleiben in Erinnerung. Lorant und Bayern-Star Mario Basler, die am Spielfeldrand in Streit gerieten und ihre Fäuste vor dem Gesicht des anderen hinwegzischen ließen. Werder- und Bayern-Profi Andreas Herzog erzählte unlängst, wie ihn 60-Verteidiger Marco Kurz einst im Olympiastadion bei einem Einwurf umgrätschte – und von Lorant lautstark Lob erhielt: „Marco, ja, das mag er nicht, der Wiener!” Der Clip der Kronen-Zeitung zu dieser Anekdote ging viral.
Fußball war also Emotion für Lorant – und ohnehin „sein Ein und Alles“, wie seine Schwester berichtete. Jedenfalls, wenn es um das Spiel an sich ging. Anderen, mittlerweile so bedeutsamen, Pflichten abseits des Rasens kam er eher widerwillig nach. Nicht nur bei der Spielvereinigung Unterhaching, wo Lorant 2007 Trainer war, erinnert man sich noch an die Pressekonferenzen mit ihm: Lorant rührte meist demonstrativ in seiner Tasse Kaffee – seine schmallippigen Antworten passten oft zwischen zwei, drei Anschläge des Löffels am Tassenrand.
Offen ist, ob Lorants Art, seine Teams zu führen, im Jahr 2025 noch funktionieren würde – man kann es bezweifeln. „Es fehlt bei vielen die richtige Einstellung, noch besser zu werden“, sagte der einstige Erfolgscoach einmal über die aktuelle Fußballergeneration. Aber seinen Spielern dürfte er auch heute noch in Erinnerung sein. Womöglich würden sie immer noch nahezu jedem Fingerzeig folgen. (fn)