2025-12-03T05:51:34.672Z

Team Rückblick
Die mächtige Stehtribüne im Weismainer Stadion
Die mächtige Stehtribüne im Weismainer Stadion – Foto: Michael Horling

Der Star ist noch immer das Stadion

Der später pleite gegangene SC Weismain war mal eine große Nummer in Süddeutschland

Immer am 12. April jährt sich seit ein Fußballspiel, bei dem man es damals schon nicht fassen konnte: Diese beiden Mannschaften in einer Liga? Und auch heute klingt es unglaublich, dass es zwischen dem SC Weismain und dem 1. FC Nürnberg an diesem Tag doch tatsächlich um Punkte ging.

18.000 Fans sahen im Waldstadion den Club um Spieler Frank Baumann und Trainer Willi Entenmann zwar mit 2:0 siegen. Doch die Hausherren waren irgendwie der heimliche Sieger. Nach langen Jahren in unteren Ligen war der insgesamt dreijährige Ausflug der Oberfranken in die damals drittklassige Regionalliga Süd ein echtes Märchen für den idyllisch Ort zwischen den Städten Bayreuth, Bamberg, Kulmbach, Coburg oder Lichtenfels.

Bauunternehmer und Vereinsfunktionär Alois Dechant war der Macher des Fußball-Wunders. Als Weismain Bayernliga-Meister wurde, ließ er mit seiner Firma, die damals um die 2800 Mitarbeiter hatte, das kleine Waldstadion ausbauen. Die mächtige Felstribüne am Hang lockt heute noch Groundhopper sogar aus anderen Ländern an. Von oben blickt man auf das 5000 Einwohner-Städtchen. Zwei weitere Tribünen wurden sogar überdacht.

Greuther Fürth, Ulm oder Darmstadt hießen andere große Gegner. Gerd Klaus, damals Spieler und danach unter anderem Trainer bei Schweinfurt 05, erinnert sich: "Das war schon geil damals mit den Riesen-Zuschauerzahlen in dem Dorf, wo die Stimmung immer bestens war und wo in einem familiären Verein Wert gelegt wurde auf die Kameradschaft. Ich glaube, gegen Nürnberg hat man sogar 3000 Leute mehr ins Stadion gelassen als eigentlich erlaubt waren..."

2010 kamen rund 800 Schweinfurter Fans mit nach Weismain zu einem Relegationsspiel gegen Ansbach
2010 kamen rund 800 Schweinfurter Fans mit nach Weismain zu einem Relegationsspiel gegen Ansbach – Foto: Michael Horling

Platz zehn sprang am Ende heraus. In der Saison 1997/98 wurde der SC Weismain Elfter, ein Jahr später stieg er als Vorletzter wieder ab. Trotz eines 2:1-Sieges am letzten Spieltag beim Tabellen-14. FC Augsburg - bei deren erster Mannschaft. 1996 bis 1999 dauerte also das dreijährige Gastspiel. Sponsor und Vorstand Dechant hatte mit seiner Firma finanzielle Probleme. 2003/04 musste der SC Weismain Insolvenz anmelden.

Dechant dachte in einem Bericht 2017 "natürlich auch wehmütig an diese Zeit zurück. Aber ein Erfolg lässt sich nicht konservieren", weiß er. Der Gründer des Weismainer Märchens erinnerte sich noch gerne an die alten Zeiten, gibt aber auch Fehler in der Hochphase zu. "Sehr vieles war auf meine Person zugeschnitten, und das war nicht gut. Die Verantwortlichkeit hätte verteilt werden müssen und dann wäre der baldige Abstieg und natürlich auch die Insolvenz vermeidbar gewesen", sagt er heute. Dechant engagierte sich danach vorübergehend bei der Spvgg Bayreuth. Sein Sohn Thomas unterhielt danach über die wieder gut laufende Firma Dechant Hoch- und Ingenieurbau GmbH das Stadion, das als eines der schönsten in Deutschland gilt.

Die Weismainer Stehtribüne mit Zuschauern
Die Weismainer Stehtribüne mit Zuschauern – Foto: Michael Horling

Dauerhaft großen Fußball wird man darin aber wohl nie mehr sehen. Das wusste vor sieben Jahren auch Paul Hupp, anfangs der Erfolgstrainer, der später gehen musste. Der Würzburger sagte: "Leider hatte man es damals nicht verstanden, das Niveau zu halten oder zu entwickeln. Das Umfeld ist stehen geblieben und man hat teilweise die Realität verloren. Der Spielerkader wurde ohne klare Linie ständig verändert - und das ging mit mir gar nicht. Nach meinem Rücktritt ging es deutlich abwärts, bis zum Abstieg. Die Trainer kassierten hohe Gehälter für sehr wenige Punkte. Das war sehr schade. In Weismain hätte einiges wachsen können. Aber..."

Der nach der Pleite schnell neu gegründete SCW Obermain verpasste 2017 mit einem 1:4 gegen den FSV Unterleiterbach den Aufstieg in Bezirksliga. Damals Vizemeister der Kreisliga Kronach hinter der SpVgg Lettenreuth und mit Gegnern wie dem SV Friesen 2, dem FC Schwürbitz oder der SG SV Rothenkirchen / 1. FC Pressig. Mit anderen Namen also als damals Kickers Offenbach, SV Waldhof Mannheim, SSV Ulm 1846 oder dem 1. FC Nürnberg... Zumindest Bayern München füllte bei zwei Freundschaftsspielen weitere zwei Mal das auch für internationale Spiele genutzte Stadion nochmals bis auf den letzten Platz.

Blick von oben auf das Weismainer Stadion
Blick von oben auf das Weismainer Stadion – Foto: Michael Horling

Der SCW Obermain fing 2023 in der B-Klasse neu an, stieg gleich wieder auf und startet kommenden Sonntag in die neue Saison der A-Klasse 2 Coburg-Kronach-Lichtenfels. Auswärts bei der SG Theisenort/ Weißenbrunn 2. Eine Woche später heißt der erste Gegner zuhause SpVgg Lettenreuth 2. Die Zeit der großen Namen beim Gegner - lange Jahre schon vorbei...

Borkenkäfer vor Fulda

Dieter Wirsching (44) spielte unter anderem auch für den FC Schweinfurt 05 und war vor Bernd Hollerbach Erfolgstrainer der Würzburger Kickers. Zusammen mit seinem Bruder Reiner stand er in der Hochzeit im Kader des SC Weismain und erinnert sich:

Dieter Wirsching
Dieter Wirsching – Foto: Michael Horling

„Es war der 27. Spieltag in der Regionalliga Süd, ein Freitagabend und zu Gast war die Spitzenmannschaft von Borussia Fulda. Als wir unsere Spieler-Sitzung zur Spiel-Vorbereitung beendet hatten, kam unser Märzen und Präsident Alois Dechant und hat uns auf einen „kurzen“ Spaziergang eingeladen. Dies war schon sehr kurios, allerdings die Story dazu noch viel kurioser! Denn wir sind in den Wald am Stadion spaziert und Herr Dechant hat uns einen Vortrag über Borkenkäfer und Schäden der Tiere an den Bäumen gehalten und vorgetragen! Als wir aus dem Wald wieder zurück ins Stadion kamen, haben sich die Spieler von Borussia Fulda bereits aufgewärmt. Wir sind in die Kabine gehetzt, haben uns umgezogen und sind schnell ins Stadion zum Aufwärmen gegangen. Das Irre an dieser Geschichte ist, dass wir nach 20 Minuten völlig zu Recht 2:0 geführt haben und wir dieses Spiel sehr souverän und hochverdient mit 2:0 gewonnen haben. Ein Meilenstein zum späteren Klassenerhalt. Tja, so etwas gab es wohl nur in Weismain und bei Präsidenten Alois Dechant."

Reiner und Dieter Wirsching und dazwischen der viel zu früh verstorbene Keeper Marius Todericiu: Sie alle spielten mal in Weismain...
Reiner und Dieter Wirsching und dazwischen der viel zu früh verstorbene Keeper Marius Todericiu: Sie alle spielten mal in Weismain... – Foto: Michael Horling

Erinnerungen

Ex-Spieler Oliver Kröner, heute Trainer der DJK Dampfach, erinnert sich. An...

.... den Wechsel nach Weismain nach zuvor immerhin sechs Bundesligaspielen für Fortuna Düsseldorf:
Kröner: Ich kam damals von zurück nach Franken, unter anderem weil ich mein Studium unbedingt beenden wollte. Ich kannte den damaligen Trainer Paul Hupp sehr gut.

... die Spiel, die ihm noch am meisten im Gedächtnis hängen:
Kröner: Eigentlich alle Flutlicht-Heimspiele, unter anderem das gegen Darmstadt 98. Oder die Flutlicht-Auswärtsspiele unter anderem bei den Offenbacher Kickers.

... Besonderheiten diesbezüglich, dass es halt ein Dorfverein war? Gab´s das wirklich mal: Ein verschneites Kleinziegenfelder Tal oder endloser Stau dort?
Kröner: Weismann ist wirklich etwas abgelegen, aber dies war auch sein Flair. Das Kleinziegenfelder Tal ist immer eine Reise wert.

Oliver Kröner
Oliver Kröner – Foto: Michael Horling

Ex-Trainer Paul Hupp : "Man hat teilweise die Realität verloren!"

Trainer in der Weismainer Anfangszeit in der Regionalliga war der Würzburger Paul Hupp. Ihm fallen ein paar kuriose Erinnerungen ein.

Welches ist die Partie, die Ihnen am meisten im Gedächtnis haftete? Und warum?
Paul Hupp: Es gab einige Partien, die mir im Gedächtnis geblieben sind. Das erste Spiel gegen die Bayern Amateure, die damals mehrere Kaderspiele mit nach Weismann gebracht haben. Leider ging es nur 2:2 aus. Am Spieltag wurden die Flutlichtmasten noch mit Hubschrauber aufgestellt. Und natürlich das Spiel gegen den 1. FC Nürnberg. Riesen-Kulisse mit einer starken Leistung unserer Mannschaft. Wir hätten den Sieg verdient. Das Drumherum war ein Spektakel.

Wie kamen Sie damals überhaupt nach Weismain? Also: Wie kam das Engagement zustande?
Paul Hupp: Auf Empfehlung vom Bayerischen Verbandstrainer Reinhard Klante. Ich betreute neben den Würzburger Kicker die Bayern-Auswahl mit lauter Jungprofis. Ich machte einen guten Job und so wurde man nicht nur in Weismain auf mich aufmerksam. Ich hatte in dieser Zeit mehrere Angebote, auch von größeren Vereinen als Assistent. Die ersten Gespräche mit den Verantwortlichen in Weismain war natürlich auch sehr interessant…

Was war die Besonderheit damals bei diesem Verein? Gab´s das wirklich mal: Ein verschneites Kleinziegenfelder Tal oder endloser Stau dort?
Paul Hupp: Der Verein wurde für damalige Verhältnisse noch sehr familiär geführt. Man musste sich mit vielen unterschiedlichen Charaktertypen auseinander setzen. Jede Woche war ein neues Erlebnis. Aber es war einfach schön und ich denke gerne daran zurück. Und das Kleinziegenfelder Tal hatte es in sich. In meiner Trainerzeit habe ich dort zwei Autos zu Schrott gefahren. Die Mitfahrer, die Gebrüder Reiner und Dieter Wirsching und Peter Deisenberger, kamen unbeschädigt heraus. Die Fahrten waren immer ein Erlebnis.

Wieso musste der Höhenflug wieder enden?
Paul Hupp: Leider hatte man es damals nicht verstanden, das Niveau zu halten oder zu entwickeln. Das Umfeld ist stehen geblieben und man hat teilweise die Realität verloren. es wurde ständig versucht, den Spielerkader zu verändern, ohne klare Linie, und das ging mit mir gar nicht. Nach meinem Rücktritt ging es deutlich abwärts, bis zum Abstieg. Die Trainer kassierten hohe Gehälter für sehr wenige Punkte. Das war sehr schade. In Weismain hätte einiges wachsen können. Aber...

Was machen Sie heute sportlich?
Paul Hupp: Ich spiele heute mit Begeisterung Golf und schaue mir immer wieder mal ein Spiel an. Ich freue mich über den Erfolg in Würzburg und schaue auch immer, was meine ehemaligen Vereine so machen.

Die zwei überdachten Tribünen des Weismainer Stadions
Die zwei überdachten Tribünen des Weismainer Stadions – Foto: Michael Horling

"Das war ein Traum für das kleine Städtchen!"

Alois Dechant, der Gründer des Weismainer Fußball-Märchens, erinnerte sich 2017 gerne an die alten Zeiten, gab im Interview aber auch Fehler zu.

Herr Dechant, wie denken Sie heute über dieses rund 20 Jahre dauernde "Fußball-Märchen"?
Alois Dechant: Sicher war dieses Fußball-Märchen ein Traum für das kleine Städtchen Weismain mit seinen knapp 5000 Einwohnern, als wir in der Regionalliga um Punkte in einer Saison gegen den 1. FC Nürnberg, Greuther Fürth, Offenbach, Ulm, Kassel, Darmstadt, Bayern München II, 1860 München II und viele andere Vereine wie Burghausen, Mannheim.... spielten.
Das Stadion wurde ausgebaut mit großer Kraftanstrengung und man kann heute mit Stolz sagen, dass es mit seinem Fassungsvermögen zwischen 15.000 bis 20.000 Zuschauern Zweitliga-tauglich ist. Es ist heute noch für jeden Fußballer ein Erlebnis, in diesem Stadion zu spielen. Bayern München spielte zweimal in dieser Zeit in Weismain, wie auch der 1. FC Nürnberg und viele ausländische Mannschaften wie Glasgow Ranchers, Slavia Prag, Aston Villa, spanische Spitzenmannschaften, die Frauenweltmeister-Mannschaft um den Nordkap gegen Italien, Spanien, Frankreich, England und Schweden, U 21, U 20, U19, U18, Länderspiele gegen Finnland, Norwegen etc.. Dies war sicher ein Höhepunkt des Fußballvereins SCW Obermain Weismain. Natürlich profitierten hieraus sehr viele fußballbegeisterte Weismainer.
Ich persönlich denke natürlich auch wehmütig an diese Zeit zurück. Aber ein Erfolg lässt sich nicht konservieren und man muss mit den heutigen, bescheideneren Erlebnissen auf diesem Gebiet zufrieden sein.

Hätten Sie irgendetwas anders machen müssen, um die Abstiege und die Insolvenz zu vermeiden?
Alois Dechant: Natürlich hätte man vieles anders machen können und mit einer anderen leitenden Führung wäre sicher vieles vermeidbar gewesen. Sehr vieles war auf meine Person zugeschnitten, und das war nicht gut. Die Verantwortlichkeit hätte verteilt werden müssen und dann wäre der baldige Abstieg und natürlich auch die Insolvenz vermeidbar gewesen.

Sind Sie auch heute noch irgendwo im Fußball engagiert?
Alois Dechant: Ich war einige Jahr bei der Spielvereinigung Bayreuth engagiert mit meinem Freund Franz Stegner. Aber leider lebt Franz Stegner heute nicht mehr und das hat sich auch auf mein Engagement ausgewirkt.

Können Sie sich vorstellen, wieder größer einzusteigen beim SCW Obermain?
Alois Dechant: Durch die Firma dechant hoch- und ingenieurbau gmbh mit dem Stadion, das von meinem Sohn Thomas Dechant unterhalten wird, wird natürlich noch einiges für den SCW Obermain getan. Allerdings werden die Amateurvereine durch das Überangebot an großen Spielen, insbesondere Bundesliga-Spielen und internationale Spielen, enorm in den Zuschauerzahlen eingeschränkt und die Vereine können von den Eintrittsgeldern nicht mehr leben. Auch Sponsoren sind rückläufig. Ein größerer Einstieg von unserer Seite wird sicher nicht möglich sein.

Gibt es irgendwelche Pläne, um das schöne Waldstadion wieder mit Leben zu füllen?
Alois Dechant: Es gibt sicherlich Pläne um das schöne Waldstadion, das ja auch im Buch der schönsten Stadien Deutschlands enthalten ist und als atemberaubend bezeichnet wird. Man versucht, das Stadion mit mehr Leben durch Veranstaltungen zu füllen. Nachdem ich jetzt 77 Jahre alt bin, ist es der Jugend vorbehalten, hier in der Zukunft wieder mehr Leben in das schöne Stadion zu bringen. Die Voraussetzungen sind da.

Aufrufe: 025.7.2024, 18:49 Uhr
Michael HorlingAutor