
Binnen weniger Tage reagierte Swift Hesperingen Anfang Januar auf verschiedene Urteile, die der europäische Gerichtshof auf Kirchberg gefällt hatte. In einer ausführlichen Pressemitteilung begrüßte man ausdrücklich die Entscheidungen des EuGH. Wenige Tage später erreichte die Presse ein offener Brief an die FLF, in der man diese regelrecht dazu drängte, anzuerkennen, dass die Regel der „Joueurs sélectionnables“ (die „Homegrowns“) ohne zeitliche Verzögerung abgeschafft werden müsse. Beim Glücksspiel heißt es i.d.R., dass der Rechtsweg ausgeschlossen sei - beim normalen (Fußball-) Spiel - gehört diese Angabe endgültig der Vergangenheit an.
Beim Durchlesen dieser Texte (s. Links) wird dem gemeinen Fußballfan klar, dass es hier nicht mehr um den Sport geht. Es geht ums Geschäft, darum, dass es keine territorialen Beschränkungen für Sportligen mehr geben darf, darum, dass (professionelle) Fußballspieler sonstigen Arbeitnehmern gleichgestellt sind u.ä. Grundsätzlich gibt es zwar durchaus nachvollziehbare Gründe für einige dieser Urteile, andere dagegen stellen den Sportbetrieb an sich, wie er seit Ewigkeiten in Europa funktioniert, grundsätzlich in Frage.
Als hätte er die eingangs erwähnten Schreiben gelesen, erschien wenige Tage nach den Veröffentlichungen von Swift Hesperingen ein Interview im deutschen Fachmagazin „Kicker“, in dem Ottmar Hitzfeld einen Satz preisgab, der die Sache auf den Punkt bringt: „Der Fußball ist und bleibt einfach - und er muss es weiterhin sein, die Fans müssen ihn verstehen.“ Auch wenn er mit dieser Aussage eigentlich auf das Spiel an sich einging und nicht auf die rechtlichen Aspekte, so spiegelt dieser Satz doch genau das wieder, was viele Fans am Fußball so mögen: die Einfachheit - und wird es zu juristisch, verlieren die Anhänger den Appetit.
Im Moment sieht es so aus, als wären in Europa pauschal genau drei Vereine für eine Super League oder zumindest für die Aufhebung der Verbandspflicht, international via UEFA spielen zu müssen bzw. zu können: Real Madrid, der FC Barcelona und eben Swift Hesperingen. Wobei dies sehr wohl überspitzt dargestellt ist, schielen die Hesperinger doch wohl eher auf die Teilnahme einer durch dieses Gerichtsurteil möglich gewordenen Benelux-Liga, auch wenn der KNVB einer solchen vor zwei Jahren bereits eine Absage erteilt hatte.
// Update 24.1.24, 7:40 Uhr //
Was einem aus einheimischer Sicht zu Bedenken gibt ist, dass bislang nicht ein einziger anderer luxemburgischer Fußballverein sich ernsthaft zum Thema geäußert hat, mit Ausnahme von ein paar eher als Witz gedachten entsprechenden Social Media-Posts von unterklassigen Clubs zur Super League. Weiterhin hat auch die FLF öffentlich noch keine Stellung vor allem zum zweiten Brief des FC Swift genommen, genauso steht noch eine Reaktion des Ligaverbandes LFL aus.
Theoretisch könnte es in Zukunft vorkommen, dass wenn x Vereinen etwas in einer Liga y nicht passt, sie eine Liga z gründen um dann nur unter sich zu kicken. Denkbare Szenarien wären eine Red Bull-Liga oder City Football Group-Liga, realistischer aber dann doch eher eine Super League oder Benelux-Liga.
In wieweit diese Gerichtsurteile nicht nur den Fußball sondern den ganzen Sport zerreißen können, ist unvorhersehbar und so weitreichend, dass es beinahe unvorstellbar ist. Dass Fußballvereine in Luxemburg keine kommerziellen Gesellschaften gründen dürfen, scheint durchaus nicht mehr zeitgemäß zu sein. Dass man sich sportlich auf höherem Niveau bewegen möchte, ist ebenfalls legitim. Dass aber seit fünf Jahren kein FLF-Verein mehr in der Gruppenphase eines von der UEFA organisierten Wettbewerbs stand, lässt aber Zweifel aufkommen.
Nun wurde die Büchse der Pandora geöffnet: der Sport und vor allem seine Basis muss sich bald zu seinem aktuellen Ligen-System bekennen, denn ansonsten wird er zumindest innerhalb der EU mit Ausnahme der ganz großen Vereine implodieren und ein Schattendasein neben seinen amerikanischen Konkurrenten oder denen außerhalb der europäischen Union fristen, da nun jeder sein eigenes Süppchen mit Gleichgesinnten kochen kann. Pauschal bleiben die, die keiner mag, auf der Strecke. Und die, die keiner mag, sind in jenem Fall wohl nicht Vereine, die den Nachbarn oder andere Vereinsfarben nicht mögen, sondern jene, die nicht genug zahlen wollen oder können. Nach wirklichem Sportsgeist klingt das nicht.
Scheint dieses Szenario noch in ferner Zukunft zu liegen, so ist eine Benelux-Liga mit Beteiligung aus Luxemburg wohl realistischster umzusetzen. Doch spätestens wenn jedes zweite Wochenende 5.000 Gästefans von Standard Lüttich, Feyenoord Rotterdam o.ä. den „Holleschbierg“ an teuren Villen vorbei hoch pilgern, wird aus einer abstrakten eine sehr reale Vorstellung, was es bedeutet, wenn man solchen Dimensionen eventuell nicht gewachsen ist. Unser Fußball wird das dann auf jeden Fall nicht mehr sein.
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