2026-10-21T06:47:00.136Z

Spielbericht

Der Abpraller

von Olaf Kozany · Gestern, 22:15 Uhr · 0 Leser
Gemeinsam zum Erfolg: Eng umschlungen feiern die Spieler des SSV Happerschoß einen Treffer gegen die SG Grün-Weiß Mühleip. Ein Moment, in dem nicht der einzelne Torschütze, sondern die Mannschaft im Mittelpunkt steht.
Gemeinsam zum Erfolg: Eng umschlungen feiern die Spieler des SSV Happerschoß einen Treffer gegen die SG Grün-Weiß Mühleip. Ein Moment, in dem nicht der einzelne Torschütze, sondern die Mannschaft im Mittelpunkt steht. – Foto: Olaf Kozany

SSV Happerschoß – GW Mühleip 2:2 (1:2) | Kreisliga C, Staffel 6 | 25. Oktober 2026

Es läuft die vierte Minute der Nachspielzeit. SSV Happerschoß liegt gegen Grün-Weiß Mühleip mit 1:2 zurück, spielt seit einer Viertelstunde in Unterzahl und bekommt noch einen Eckball. Niklas Pinzek bringt ihn herein. Christoph Hammerstingl kommt zum Schuss, doch ein Mühleiper Verteidiger steht im Weg. Der Ball prallt zurück in den Strafraum.

Es war ein ungemütlicher Sonntagnachmittag auf dem Happerschoßer Sportplatz. Der Kunstrasen war nass, der Wind blies in kräftigen Böen über das Feld. Und mit Grün-Weiß Mühleip kam eine Mannschaft, deren bisherige Bilanz wenig Anlass zu Optimismus bot: acht Siege aus neun Spielen, 58 erzielte Tore und gerade einmal sieben Gegentreffer. Beide Vereine waren im Frühjahr aus der Kreisliga B abgestiegen, doch ihre Wege hatten sich seitdem deutlich voneinander entfernt. Während Mühleip bereits wieder in der Spitzengruppe stand, hatte Happerschoß nach neun Spieltagen erst neun Punkte gesammelt.

Eine Woche zuvor allerdings hatte der SSV in Schladern mit 3:0 gewonnen. Es war der erste Sieg ohne Gegentor in dieser Saison gewesen. Und wer am Sonntag genauer hinsah, konnte erkennen, dass die Begegnung in Schladern nicht nur wegen ihres Ergebnisses Bedeutung hatte.

Happerschoß verteidigte anders.

Die Gastgeber verzichteten weitgehend darauf, Mühleips Abwehrspieler früh und mit großem Aufwand unter Druck zu setzen. Die Gäste durften den Ball zunächst in den eigenen Reihen halten. Erst ungefähr ab der Mittellinie wurden die Räume enger. Die Happerschoßer Mannschaftsteile standen dichter beieinander, verschoben gemeinsam zur Ballseite, und auch die offensiven Außenspieler beteiligten sich konsequent an der Arbeit gegen den Ball.

Das war bemerkenswert, weil der SSV in früheren Begegnungen häufig das Gegenteil versucht hatte. Mitunter liefen mehrere Spieler weit in die gegnerische Hälfte hinein, ohne dass die übrige Mannschaft geschlossen nachrückte. Ein schneller Pass aus der gegnerischen Abwehr genügte dann, um die erste Linie zu überspielen. Dahinter entstanden Räume, in denen Happerschoß seinen Gegenspielern hinterherlaufen musste.

Gegen Mühleip waren solche Situationen zunächst seltener.

Nach dem Spiel bestätigte Spielertrainer Lars Rasten, dass diese Veränderung beabsichtigt war. Schon vor der Partie in Schladern habe sich die Mannschaft vorgenommen, nicht mehr unkontrolliert vorne anzulaufen, sondern tiefer und kompakter zu stehen und vor allem in der eigenen Hälfte die Räume zu verdichten.

Mühleip hatte dadurch zwar viel Ballbesitz, fand aber zunächst nur selten einen direkten Weg hinter die Happerschoßer Abwehr. Die Gäste ließen den Ball durch ihre hinteren Reihen laufen, suchten lange Zuspiele und mussten immer wieder neu aufbauen. In der 32. Minute fing Daniel Exner einen Distanzschuss von Silas Schlögl problemlos ab. Aus dem Mühleiper Lager kam der ungeduldige Ruf: „Endlich mal!“

Zu diesem Zeitpunkt führte Happerschoß bereits.

In der 23. Minute hatte der SSV ungefähr auf Höhe der Mittellinie den Ball gewonnen. Joshua Kozany bekam ihn auf der rechten Seite und spielte einen präzisen Pass hinter die Mühleiper Abwehr. Simon Jonas startete im richtigen Augenblick, lief allein auf Torhüter Johannes Wenz zu und verwandelte zum 1:0.

Der Anfang des Führungstreffers: Joshua an der Seitenlinie, auf Höhe der Mittellinie. Sekunden später spielt er einen tiefen, halbhohen Ball auf Jonas und leitet damit das 1:0 des SSV Happerschoß ein.
Der Anfang des Führungstreffers: Joshua an der Seitenlinie, auf Höhe der Mittellinie. Sekunden später spielt er einen tiefen, halbhohen Ball auf Jonas und leitet damit das 1:0 des SSV Happerschoß ein. – Foto: Olaf Kozany

Es war ein Angriff, wie ihn Happerschoß schon länger beherrschte: nach dem Ballgewinn möglichst schnell in die Tiefe, bevor sich der Gegner wieder ordnen konnte. Die defensive Ausrichtung hatte sich verändert, die Bereitschaft zum unmittelbaren Umschalten nicht.

Dass ausgerechnet Jonas traf, hatte zudem eine Vorgeschichte. Schon im Rückspiel der vergangenen Saison hatte er gegen Mühleip die Happerschoßer Führung erzielt. Seitdem war er zu einem der auffälligsten Offensivspieler des SSV geworden. Nun brachte er seine Mannschaft erneut gegen denselben Gegner in Führung.

Und diese Führung war nicht unverdient.

Bereits in der neunten Minute hatte Jonas nach einer Ecke knapp über das Tor geköpft. Wenig später klärte Mühleips Christian Meißner einen weiteren Abschluss des Happerschoßer Angreifers nur etwa einen Meter vor der Torlinie. Auch Niklas Pinzek hatte Wenz mit einem Freistoß beschäftigt. Die Gastgeber überließen Mühleip zwar längere Ballbesitzphasen, blieben bei eigenen Angriffen aber gefährlich.

Das Spiel entwickelte sich damit anders, als es die bisherigen Saisonstatistiken vermuten ließen. Mühleip war häufiger am Ball, Happerschoß hatte jedoch eine erkennbare Vorstellung davon, welche Räume es verteidigen und wie es nach Ballgewinnen nach vorne kommen wollte.

Bis zur 40. Minute ging diese Rechnung auf.

Dann foulte Lorenz Thissen den Mühleiper Lars Hoogkamer halblinks am Strafraum. Hoogkamer legte sich den Ball zurecht und schoss den Freistoß hoch in die Torecke. Exner war geschlagen, es stand 1:1.

Vier Minuten später hatte Mühleip das Spiel gedreht. Florian Lohmberg brachte einen Eckball von rechts herein, der Ball gelangte durch den Strafraum bis zum langen Pfosten. Dort verwertete Kevin Kader aus kürzester Entfernung zum 1:2.

Zwei Standards hatten aus einer Happerschoßer Führung einen Rückstand gemacht.

Die kompaktere Ordnung hatte bis dahin vieles von dem verhindert, was Happerschoß in früheren Spielen Schwierigkeiten bereitet hatte. Mühleip konnte nicht nach Belieben hinter die Abwehr spielen, und auch die Räume zwischen den Mannschaftsteilen waren schwerer zu finden. Doch das Verteidigen endet nicht mit einer funktionierenden Grundordnung. Thissens Foul verschaffte Hoogkamer eine gefährliche Freistoßposition, beim anschließenden Eckball bekam Happerschoß die Hereingabe nicht geklärt. Beides gehörte ebenso zur Abwehrarbeit wie das gemeinsame Verschieben zuvor.

Die neue Spielweise zeigte Wirkung. Die beiden Gegentore zeigten, wie viel Arbeit trotzdem noch blieb.

Zur Pause lag der SSV zurück.

Nach dem Seitenwechsel wurde Mühleip zielstrebiger. Die Gäste kombinierten häufiger durch das Zentrum und fanden zunehmend Wege in gefährliche Abschlusspositionen. Zugleich unterliefen Happerschoß mehr Ballverluste, die den Gegner zu schnellen Angriffen einluden. Hinzu kamen die schwierigen äußeren Bedingungen: Hatte der starke Wind in der ersten Halbzeit noch den Gastgebern in Angriffsrichtung geholfen, blies er nun auf das Happerschoßer Tor. Die wachsende Gefahr ließ sich keinem dieser Faktoren allein zuschreiben.

Ganz verschwunden war die eigene Torgefahr allerdings nicht. In der 53. Minute gewann Kozany auf der rechten Seite in der eigenen Hälfte den Ball. Über Sebastian Schilling und Pinzek gelangte er zu Jonas, dessen direkter Abschluss knapp über die Latte strich.

Zwei Minuten später wechselte Rasten Fabian Klein ein. Jonas rückte dafür auf die linke Seite, Klein übernahm die Sturmspitze. Der Wechsel gab dem Happerschoßer Angriff eine weitere Möglichkeit. Kurz nach seiner Einwechslung behauptete Klein etwa 25 Meter vor dem Mühleiper Tor einen Ball mit dem Rücken zum Gegner, drehte sich und schickte Kozany in den Strafraum. Ein Verteidiger konnte nur zur Ecke klären.

Doch je seltener Happerschoß für Entlastung sorgte, desto häufiger wurde es vor Exners Tor gefährlich. In der 68. Minute tauchte Hoogkamer nach einer schnellen Kombination frei vor dem Happerschoßer Schlussmann auf, brachte den Ball aber nicht im Tor unter. Kurz darauf zog er aus halblinker Position ab, diesmal in Richtung Torecke. Exner tauchte ab und hielt den Schlenzer. Auch gegen Kader musste der Torwart noch eingreifen.

Mühleip hätte seine Führung in dieser Phase ausbauen können.

Besonders deutlich wurde die Gefahr nach einem Ballverlust im Mittelfeld in der 72. Minute. Die Gäste schalteten schnell um, Benedikt König warf sich in einen Abschluss. Mühleip reklamierte ein Handspiel, der Schiedsrichter ließ weiterspielen. Der anschließende Versuch von Kader ging vorbei.

Auch auf der anderen Seite gab es eine umstrittene Strafraumszene, als Christoph Hammerstingl nach einem Kontakt zu Boden ging. Ein Elfmeterpfiff blieb ebenfalls aus.

Dann kam die 79. Minute.

Fabian Klein versuchte nahe der Mittellinie, den Ball gegen David Brandes und Finn Adolph zu behaupten. Er verlor ihn, Brandes wollte davonziehen, und Klein setzte mit einer Grätsche von hinten nach. Der Schiedsrichter zeigte sofort die Rote Karte.

Ein Duell mit Folgen: Fabian Klein (Mitte) im Zweikampf mit Dirk Brandes (links) und Finn Adolph von der SG Grün-Weiß Mühleip. Wenig später sollte es erneut zum Aufeinandertreffen zwischen Klein und Brandes kommen – mit bitteren Konsequenzen für den Happerschoßer: Nach einem Foul an Brandes sah Klein die Rote Karte.
Ein Duell mit Folgen: Fabian Klein (Mitte) im Zweikampf mit Dirk Brandes (links) und Finn Adolph von der SG Grün-Weiß Mühleip. Wenig später sollte es erneut zum Aufeinandertreffen zwischen Klein und Brandes kommen – mit bitteren Konsequenzen für den Happerschoßer: Nach einem Foul an Brandes sah Klein die Rote Karte. – Foto: Olaf Kozany

Eine Woche zuvor hatte Klein in Schladern mit seinem Treffer zum 3:0 einen wichtigen Beitrag zum Happerschoßer Erfolg geleistet. Nun musste er vorzeitig vom Platz. Die Mannschaft, die ohnehin einem Rückstand hinterherlief, hatte die verbleibenden Minuten mit zehn Spielern zu bestreiten.

Rasten reagierte mit weiteren personellen Veränderungen. Jonas, zwischenzeitlich ausgewechselt, kehrte zurück und übernahm wieder die Sturmspitze. Dahinter mussten Hammerstingl und Pinzek im Zentrum zusätzliche Defensivarbeit leisten.

Mühleip bekam weiterhin Gelegenheiten, das Spiel zu entscheiden.

In der 84. Minute rutschte Schilling bei einer Ballannahme weg. Der Ball gelangte zu den Gästen, die sofort Hoogkamer in die Tiefe schickten. Er stand allein vor Exner, schoss aber vorbei.

Lars Hoogkamer (Nr. 6) kommt in der Schlussphase frei vor SSV-Torhüter Daniel Exner zum Abschluss. Mühleip vergibt die Gelegenheit, auf 3:1 zu erhöhen.
Lars Hoogkamer (Nr. 6) kommt in der Schlussphase frei vor SSV-Torhüter Daniel Exner zum Abschluss. Mühleip vergibt die Gelegenheit, auf 3:1 zu erhöhen. – Foto: Olaf Kozany

Auch in der ersten Minute der Nachspielzeit bot sich Mühleip noch einmal eine große Möglichkeit. Marcel Greweling spielte den Ball im Aufbau direkt zum Gegner. Brandes setzte sich gegen König und Thissen durch, brachte seinen Abschluss jedoch nicht auf das Tor.

Das 1:2 hatte Bestand.

Und Happerschoß kam noch einmal nach vorne.

In der vierten Minute der Nachspielzeit erarbeiteten sich die Gastgeber auf der rechten Seite einen Eckball. Pinzek brachte ihn in den Strafraum. Hammerstingl kam zum Schuss, doch ein Mühleiper Verteidiger stand im Weg.

Der Ball prallt zurück in den Strafraum.

Dort fällt er Joshua Kozany vor die Füße. Sein Schuss ist auf dem Weg ins lange Eck, als Mühleips Louis Phil Steiner ihn abfälscht und ins kurze Eck lenkt.

2:2.

Happerschoß hatte mit zehn Spielern ausgeglichen, nachdem Mühleip über weite Strecken der zweiten Halbzeit die besseren Möglichkeiten besessen hatte. Der späte Treffer machte die vergebenen Chancen der Gäste nicht ungeschehen.

Aber er veränderte diesen Nachmittag.

Denn selbst danach war die Begegnung noch nicht zu Ende.

In der sechsten Minute der Nachspielzeit kam Jonas im Mühleiper Strafraum zum Schuss. Ein Verteidiger blockte den Ball zur Ecke. Pinzek ging erneut zur Ausführung.

Seine Hereingabe fand Jonas.

Der Stürmer stieg zum Kopfball hoch.

Der Ball flog wenige Zentimeter über die Latte.