
Wenn von Mitte Dezember bis Anfang Januar im Londoner Alexandra-Palace wieder die Pfeile durch die Halle fliegen, dann läuft die Darts-Weltmeisterschaft auf Hochtouren – und mit ihr erreicht das Fieber längst auch Deutschland. Täglich mischen sich im Schnitt 800 bis 900 deutsche Fans unter die rund 3.000 durstigen und feierlustigen Zuschauer im stimmungsvollen Ally Pally, wo jede „One hundred and eighty“ (180) frenetisch bejubelt wird. Lukas Kothe war selbst noch nie live vor Ort, doch in der für Darts-Fans „heiligsten Zeit des Jahres“ verpasst der Budberger kaum eine Session vor dem Fernseher. Rund um die Scheibe kennt sich der 28-Jährige in Rheinberg wie kaum ein anderer aus. Dabei begann seine eigene Darts-Reise erst vor zweieinhalb Jahren.
Überredet vom Schwiegervater seines jüngeren Bruders stieg Kothe von null auf hundert in den Ligabetrieb ein. „Zu Hause hat mich mein Bruder früher vermöbelt“, sagt er lachend. Doch statt Frust entwickelte sich Ehrgeiz – und der zahlte sich schnell aus.
Die Entwicklung seines Drei-Dart-Averages ist beachtlich. Die durchschnittliche Gesamtpunktzahl gilt als wichtigster Statistikwert in der Szene: Von anfänglichen 40 bis 45 Punkten steigerte sich Kothe kontinuierlich in Richtung 70, mit Ausreißern in die 80er oder sogar 90er. „Natürlich sind die Zahlen noch nicht so konstant wie bei den Profis“, ordnet der 28-Jährige ein, „aber für die kurze Zeit ist das gar nicht so schlecht.“
Seine ersten Ligaspiele absolvierte Kothe beim TV Mehrhoog. Vor zwei Monaten folgte über einen befreundeten Spieler der Wechsel zum DC Lobberich. Das Team von der niederländischen Grenze hat sich von der zweitniedrigsten bis in die höchste Spielklasse Nordrhein-Westfalens hochgearbeitet. Das Ziel: der Aufstieg in die Zweite Bundesliga.
Der Spielbetrieb ist intensiv. Alle zwei Wochen geht es um Punkte, Auswärtsspiele führen schon jetzt quer durchs Bundesland ins Siegerland oder nach Münster. Pro Spieltag stehen zwei Einzel und ein Doppel an. In der zweiten Liga würden sogar Doppelspieltage im ganzen Bundesgebiet warten.
Um Schritt zu halten, investierte Kothe im Oktober 2024 in ein Scolia-System. Der digitale Trainingspartner begleitet ihn seither täglich. Mindestens eine Stunde Training steht auf dem Programm: Basis-Übungen, Power-Scoring, Doppel, Zwei-Dart-Finishes oder Online-Duelle gegen andere Spieler. Genutzt wird die Technologie auch von Profis der jüngeren Generation, wie den mehrfachen WM-Teilnehmern Ricardo Pietreczko oder Florian Hempel.
Parallel misst sich der HSV-Fan in offenen Turnierserien, sammelt Ranglistenpunkte und reist zu Finalturnieren – etwa nach Gevelsberg, wo sich aus rund 25.000 Teilnehmern jährlich die besten 48 qualifizieren. Der Darts-Boom beschränkt sich längst nicht mehr nur auf die WM-Wochen und wächst im semi-professionellen Bereich stetig. Gleiches gilt für die Anzahl der sogenannten „Keller-Darter“, die ohne Vereinszugehörigkeit auf Turniere fahren und dort überraschen.
So fokussiert Kothe am Oche steht, so laut wird seine Stimme am Rand des Fußballplatzes. Sein Herz schlägt für den Landesligisten SV Budberg. Bei fast jedem Spiel steht er direkt neben der Trainerbank von Tim Wilke. Zwei Siege zum Jahresabschluss haben den SVB nach einer schwierigen Zwischenphase in der Hinrunde wieder in Schlagdistanz zur Spitzengruppe gebracht.
Budberg ist für Kothe mehr als nur sein Heimatverein. Sein Vater spielte dort in der ersten und zweiten Mannschaft, später bei den Alten Herren. Auch Lukas durchlief alle Jugendteams, spielte zuletzt dritten oder vierten Mannschaft – meist als Innen- oder Linksverteidiger. „Ich war wohl etwas zu faul“, sagt er selbstkritisch und hing 2021 seine Schuhe an den Nagel: „Der Körper hat nicht mehr mitgemacht“, verrät der Tischler der Firma Caniels in Rheinberg.
Fußball und Darts verbinden im Übrigen noch einen weiteren Fußballer aus der Umgebung. Auch Silas Baumbach, langjähriger Torjäger von Concordia Rheinberg, gilt als ambitioniert. Der 27-Jährige ist vor allem in der elektronischen Variante aktiv, tritt mit den „Dart Haien Rheinberg“ im Solvaybad-Bistro an und greift parallel in Regionalliga im Steeldart bei „Triple Inn“ in Issum ein. „Er wirft konstant Mitte 70 und kann sicher höher spielen“, lobt Kothe. Ein direktes Duell zwischen beiden gab es bisher nicht.
Anfang 2026 steht für Kothe der nächste große Schritt an. Er versucht sein Glück bei der Q-School im Kernwasser Wunderland in Kalkar, wo um die begehrten Tourcards gekämpft wird (siehe Infobox). „Das wäre natürlich ein Traum“, sagt er, bleibt aber realistisch. Sein Wunsch: die Vorrunde überstehen und wichtige Erfahrungen gegen favorisierte Gegner sammeln.
Zudem stehen „Next-Gen“-Events in Hildesheim, Sindelfingen oder Kalkar an – meist gemeinsam mit Freunden. „Man fährt zusammen, spielt Turniere – das macht es aus“, schwärmt Kothe. Die Rheinberger Hallenfußball-Stadtmeisterschaften am ersten Januar-Wochenende muss sein SV Budberg dann einmal ohne ihn bestreiten.
Und wer holt den WM-Titel im Darts? „Der Satzmodus kommt Luke Littler am meisten entgegen“, meint Kothe über das Ausnahmetalent. „Brutales Scoring, über 100 Punkte im Average, perfektes Timing. Das kannst du nicht lernen, das musst du haben.“ Aus deutscher Sicht traut er Martin Schindler viel zu – bis ins Viertelfinale sei alles möglich.
Der Weg von Lukas Kothe zeigt: Im Darts geht es wie in jeder Sportart um Fleiß, Talent – und ein bisschen Glück. Ob es irgendwann bis in den Profibereich reicht, bleibt offen. Mit dem passenden Ehrgeiz und ersten Sponsoring-Partner an seiner Seite ist der Anfang für den großen Traum gemacht.
Q-School Bei der jährlichen Q-School der Professional Darts Corporation (PDC), die direkt nach der Weltmeisterschaft ausgetragen wird, kämpfen Spieler ohne automatische Qualifikation an mehreren Austragungsorten um eine begehrte Tourcard. Diese berechtigt zur Teilnahme an den großen Profi-Turnieren des Weltverbands und öffnet den Weg in den internationalen Darts-Zirkus. Die Hürden sind hoch: In Deutschland werden pro Jahr lediglich bis zu zwölf Tourcards vergeben – entsprechend groß sind die Konkurrenz und der Stellenwert dieses Qualifikationsturniers.
