Boykott Katar ...

...auch wenn es eigentlich nichts bringt

Vor ein paar Tagen habe ich mir, bei einem großen Elektronik-Händler, einen Beamer gekauft.

Mit meinem Sohn auf den Schultern stand ich an der Kasse. Als die Transaktion erledigt war und der Sohnemann die Kassiererin mit seinen großen, blauen Augen zum Schmelzen gebracht hatte, sagte sie (noch leicht verliebt): "Na, der Beamer ist doch bestimmt für die WM.”

Schlagartig wurde die Situation finster. Also jedenfalls aus meiner Sicht. Die Verkäuferin himmelte immer noch meinen Nachwuchs an, als ich sie anpflaumte: Ja! Für Fußball ist der zwar, aber nicht für diesen Zirkus. Der ist für richtigen Fußball!”. Mit diesen Worten ließ ich die arme Frau perplex stehen.

Nun steigt es also: Das Fußballfest in der Wüste.

Worüber reden wir? Das sich Katar die WM offenbar erkauft hat?

Darüber, dass dieses Land keine Fußballkultur hat? Gut, das wäre für mich kein Kriterium, weil eine Begeisterung für diesen schönen Sport ja auch durch so ein Turnier erwachsen kann.

Reden wir über tausende von toten Gastarbeitern, die wie Sklaven gehalten wurden?

Ich verlasse mich hier absichtlich nicht auf die Aussage von Herrn Beckenbauer, dass er keine Sklaven gesehen hat.

Regen wir uns darüber auf, dass Menschenrechte verletzt werden? Dass Homesexualität unter Strafe steht? Dass das Presserecht stark beschnitten ist und die freie Meinungsäußerung einen ganz schnell in den Knast bringen kann?

Alles Dinge, für die Katar schon vor der ganzen Aufmerksamkeit rund um die WM 22 stand.

Es war so, bevor sich Katar bewarb, es war so,als die Bewerbung eingereicht wurde, es war so,als sie den Zuschlag bekamen und es war so, als sie anfingen, die Stadien und Städte für das Event aus dem Boden zu stampfen.

Nur dass Gastarbeiter sterben, das ist relativ neu. Wobei ich mir auch da vorstellen könnte, dass es in der Vergangenheit auf diversen Großbaustellen in dem Wüstenstaat auch nicht besser für Bauarbeiter aussah.

Über diese Dinge wurde immer leise in den Bart gegrummelt. Aber wirklich geärgert hat sich, gefühlt, kaum jemand. Eher wurden Witze gerissen, dass das Public Viewing ja auf den Weihnachtsmärkten stattfinden könnte. Oder dass Glühwein zum WM gucken ja nicht so gut passt, wie ein Bier.

Der erste richtig große Aufschrei erfolgte dann, als es hieß, es gäbe keinen Alkohol während der WM in Katar. Total überraschend, in einem muslimischen Land und auch bezeichnend, dass erst dieses Thema für große Diskussionen sorgte.

Fast schon lachhaft kam dann noch das Verbot der FIFA, politische Slogans auf Spielerbekleidung zu bringen. Als würde auch nur ein Scheich sein Verhalten ändern und als würde auch nur ein Gastarbeiter dadurch plötzlich gute Arbeitsverhältnisse bekommen, wenn auf einem Aufwärmleibchen “Human Rights” stünde.

Ob nun jemand das Turnier guckt oder nicht, die bezahlten “Fans” werden durchs Land ziehen. Die Bosse der FIFA werden ein positives Zeugnis für die WM ausstellen und die Grenzen für die Vergaben in Länder, die weder Ahnung vom Fußball noch von Menschenrechten haben, sind eingerissen. Natürlich war auch die WM 18 in Russland fragwürdig, da die Annektion der Krim kurz vorher erfolgte.

Ein wenig hat es den Anschein, dass man immer weiter ausgereizt hat, was geht und ab wann der gemeine Fußballfan nicht mehr mitspielt.

Nun also wird in einem Land gespielt, welches durch den Bau ganzer Städte und Stadien eine kleine ökologische Katastrophe verursacht hat. Es wird in einem Land gespielt, indem man selbst im Winter die Stadien klimatisieren muss und es wird in einem Land gespielt, wo jeder willkommen ist. Außer er ist Homosexuell, eine selbststiommte Frau oder ein Systemkritiker.

Es werden trotzdem genug Leute gucken, es gibt Sticker zum Sammeln und Spielpläne zum Eintragen der Ergebnisse und es wird ein Weltmeister ausgespielt.

Ich kann es Leute nicht mal verübeln, wenn sie den Fernseher einschalten. Denn ich glaube nicht, dass es etwas ändern würde, wenn die TV Geräte ausbleiben.

Das heißt nicht, dass ich es gutheiße, wenn man sich dieses Horror-Event zu Gemüte führt. Ich denke nur, dass jede Statistik mit dem entsprechenden Einsatz von Kohle gefälscht werden kann. Denkt nur an die “Fanmärsche”. So lächerlich und offenkundig falsch, wie sie waren. Katar behauptet steif und fest, sie seien echt gewesen.

Ja, ich habe vor der Entwicklung des Fußballs resigniert und ziehe da meine Konsequenzen für mich raus.

Versteht mich nicht falsch: Dieser Blödsinn muss boykottiert werden. Ich fürchte nur, auch eine Einschaltquoten von null wird nichts ändern

Ich habe mit dem Beamer übrigens eine Fahne für den Amateurfußball gemalt. Und das ist auch gut so, liebe Genossen und Genossinnen.

Aufrufe: 021.11.2022, 17:23 Uhr
Jörn KutschmannAutor

Verlinkte Inhalte