
Der Sport ist nicht nur hier, aber insbesondere in Mönchengladbach ein Politikum. Zu wenige Sportanlagen für zu viele Vereine, zu wenige Hallen für zu viele Schulen und Hallensportler: In Mönchengladbach trifft starker Amateursport auf eine unterdimensionierte Infrastruktur.
Der Fußballverein SV Blau-Weiss Meer, dessen Heimatgelände an der Schnittstelle der Stadtteile Dahl und Westend ab 2020 zugunsten des Neubaus eines Firmencampus des Anlagenbauers SMS group weichen musste, kann seit jeher ein Lied davon singen. Der SMS Campus ist fertig und wurde erst vor wenigen Tagen feierlich eröffnet, der Verein zieht seitdem jedoch von Interimsspielstätte zu Interimsspielstätte. Eine neue Heimat gibt es immer noch nicht. Dennoch ist Bewegung in der Sache, auch wenn die für die Mitglieder des SV Blau-Weiss doch gerne deutlich an Intensität zulegen könnte.
Dabei steht schon länger fest, dass Meer an der Ernst-Reuter-Sportanlage, die zunächst modernisiert werden soll, hinterher gemeinsam mit dem 1. FC Mönchengladbach eine neue Bleibe erhält. Der mittlere Kunstrasenplatz, etwas oberhalb des großen Naturrasenplatzes mit Leichtathletikanlage gelegen, ist als neue Spielstätte für Blau-Weiss vorgesehen. Im Gegensatz zum Rasenplatz, der auch zum Kunstrasenplatz werden soll, ist der mittlere Platz jedoch gar nicht zentraler Gegenstand der Modernisierung, sondern kann gegenwärtig und künftig weiterhin genutzt werden. Blau-Weiss darf dies aber noch nicht, sondern soll die Modernisierung der gesamten Anlage abwarten. Auch der Kabinentrakt an der Hügelstraße soll mal dem Verein gehören, ist aber zurzeit auch noch nicht für ihn vorgesehen.
Im Sommer 2023 wurden die Einzelheiten über die ursprüngliche Planung des Bauvorhabens bekannt. „Vergangenes Jahr wurden wir noch informiert, dass es um den Jahreswechsel losgehen würde“, berichtet Rolf Fränzen, Zweiter Vorsitzender von Blau-Weiss Meer. Seitdem ist aber im Westend kaum etwas passiert, außer dass, laut Fränzen, auf dem Gelände einige Sträucher im Winter entfernt wurden. In der Tat sind auf der Ernst-Reuter-Anlage auch aktuell noch augenscheinlich keine Baumaßnahmen erkennbar.
Der damals von der Stadt vorgesehene Zeitplan mit Baubeginn Anfang 2024 und Eröffnung Anfang 2025 ist nicht mehr einzuhalten, wie auch die Stadt auf Nachfrage bestätigt: „Eine konkrete Zeitschiene ist dabei auch abhängig vom Ergebnis der Ausschreibungen. Nach bisherigen Erfahrungen gehen wir davon aus, dass der Baustart im Herbst dieses Jahres erfolgen und die Bauzeit etwa ein Jahr betragen wird“, heißt es. Den Grund für die Verzögerung gibt eine Sprecherin der Stadt ebenfalls an, so sei die voraussichtliche Zeitschiene für die Baumaßnahme eng an den Eingang eines Zuwendungsbescheides für die finanzielle Förderung verknüpft: „Da dieser Zuwendungsbescheid deutlich später als erwartet eingegangen ist, konnten die Ausschreibungen auch erst im Anschluss erfolgen und alles verschiebt sich entsprechend“, teilt die Stadt mit. Man werde Vereine und die Öffentlichkeit informieren, sollte sich der Baustart konkretisieren.
Und so wird der Schwebezustand für Meer wohl noch mindestens in ein fünftes Jahr gehen. Nachdem man 2020 für kurze Zeit bei Grün-Weiß Holt unterkam, nutzen die Mannschaften mittlerweile die Sportplätze des Campusparks in Rheydt, hier als Untermieter des Rheydter SV und des FV Mönchengladbach. Eine mehr als unbefriedigende Situation für Fränzen und Kollegen, da man als dritter Verein in puncto Trainings- und Spielzeiten stets hinter den anderen zurückstehen müsse. „Wir sind das fünfte Rad am Wagen. Senioren, Zweite und Dritte Mannschaft müssen häufiger zusammen trainieren“, beschreibt Fränzen. Auch um Sozialräume kämpft man aussichtslos. Zwar gebe es eine Küche am Grenzlandstadion, zu der man aber keinen Schlüssel habe. Bei einem Spiel einen Kaffee zu trinken, sei also nicht möglich.
Ebenso fehle es Eltern und Kindern an Sitz- und Unterstellmöglichkeiten, gerade an wetterbedingt weniger gemütlichen Spieltagen. „Dass die so lange mit unseren Trainern zusammenarbeiten, da muss man wirklich Danke sagen“, wundert sich Fränzen beinahe angesichts der schwierigen Situation. Kinder habe man aber genug, Treue und Bindung zum Verein hätten die vergangenen Jahre keinen Abbruch getan. Doch beinahe täglich erreichten Fränzen Anfragen von Spielern und Eltern, die nachfragten, wann es denn endlich weitergehe.
Swen Siegers, Jugendleiter und Trainer der D-Jugend, kennt all die Probleme aus dem Alltag. „Es ist sehr schwierig, Zeiten zu kriegen, wir kriegen die Zeiten, die keiner will“, sagt er. 18 Uhr bis 19.30 Uhr sei für die jüngeren Mannschaften schon sehr spät. „Erst seit kurzem und nach langem Hin und Her haben wir einen kleinen Kabinenraum bekommen, der aber am Campuspark ist. Wenn wir oben an der Breiten Straße trainieren, ist das schon eine gewisse Entfernung“, sagt Siegers. Vom Stadion des Rheydter SV, wo sich der Raum befindet, bis zum nördlicher gelegenen Sportplatz sind es einige Hundert Meter. Im Winter könne man auch den Hockeyplatz neben dem Stadion nutzen. „Aber man muss sich alles selber erfragen“, moniert Siegers. Er habe den Eindruck, der Wunsch der Stadt sei, dass man mit einem anderen Verein fusioniere oder sich auflöse, um so die Platzproblematik aus der Welt zu schaffen. „Wir geben aber nicht auf. Wir sind ein Traditionsverein seit 1962, das wollen wir nicht“, so Siegers.
Nach einigen schweren Jahren, in denen man nach ehemals neun Jugendmannschaften nur noch drei oder vier Teams aufbringen konnte, befinde man sich jetzt schon wieder auf einem aufsteigenden Ast, Bambini, F-, D- und C-Jugend-Teams gebe es jetzt wieder. „Aber es ist schwierig, neue Leute zu motivieren und seine Spiele muss man immer um die Pläne der anderen herumplanen“, sagt Siegers. Freundschaftsspiele würden ohnehin fast nur noch auswärts stattfinden. „Wir haben alle das Ziel, wieder eine Heimat zu schaffen. Nur durch die Gemeinschaft in den Teams können wir zusammenhalten“, bekräftigt er.
Ein weiterer wunder Punkt für den Verein: Ein richtiges Vereinsheim wird es wohl auch am neuen Standort nicht geben: „Wir haben so viele Pokale und Bilder, die gerade irgendwo deponiert werden, das sind Erinnerungen“, beklagt Fränzen, der aber betont, man habe weiterhin Geduld. Ein Hoffnungsschimmer ist, dass es tatsächlich vorangeht an der Ernst-Reuter-Sportanlage.
Das Bauamt schreibt zurzeit einen Auftrag für Kunststoffbelag-Arbeiten aus, es geht um Zugangswege von der Hügelstraße und der Vitusstraße. Das Quartiersmanagement zeigt online unter qm.mg/buergerbeteiligung-ernst-reuter-sportanlage die Sanierungspläne der Anlage.