Die Entscheidung pro Saisonfortführung sorgt weiter für Diskussionsbedarf
Die Entscheidung pro Saisonfortführung sorgt weiter für Diskussionsbedarf – Foto: Alexander Fischer

Den Fokus aufs Wesentliche verloren

Kommentar zum "Zustand des Amateurfußballs": Warum die Entscheidung pro Fortsetzung der Saison 19/20 sich immer mehr als falsch herausstellt

Um im Leben seine eigenen Interessen durchzusetzen, ist es keine Seltenheit, mit möglichst vielen Pro-Argumenten zu werben und vielleicht auch das eine oder andere Contra-Argument zu entkräften oder ganz unterm Tisch verschwinden zu lassen. Die aufgrund der Corona-Pandemie notwendig gewordene Abstimmungs-Prozedur im Bayerischen Amateurfußball ist das beste Beispiel dafür, wie man eine Abstimmung in die - für sich - "richtige" Richtung lenken kann. Doch der Fußball an sich ist zum "Mittel zum Zweck" geworden.

Bei den "Webinaren" - die unmittelbar vor der Vereins-Abstimmung im April stattfanden - wurde kaum ein Wort darüber verloren, dass es womöglich gar keine Spielzeit 2020/2021 geben wird. Unbestritten, dass niemand vorhersagen kann, ob es eine zweite Corona-Welle geben wird. Und sollte dieser Fall eintreten, wäre es ein Ding der Unmöglichkeit, eine "normale" Saison durchzubekommen. Also: Punkt pro BFV!? Nein, denn schließlich gibt es etliche Baustellen, die durch den gewählten Weg erst entstehen. Und: es hätte Alternativen gegeben, die aber gar nicht erst andiskutiert wurden. Es hätte eine Meinungsbildung stattfinden können, die weit weniger eingeschränkt gewesen wäre wie die vom Verband gewählte Vorgehensweise. Ein Beispiel: Zahlreiche Spieler, Trainer und auch Verantwortliche haben bereits vor Monaten ihren Rückzug bzw. Wechsel zum Saisonende - das eigentlich in diesen Tagen gewesen wäre - bekanntgegeben. Müssen Spieler oder Trainer nun also doch, ein weiteres Jahr beim bisherigen Verein bleiben, weil keine Freigabe seitens des abgebenden Vereins erfolgt? Und bringt sie das nicht in durch die Entscheidung konstruierte, unnötige Konflikte? Zum Abstimmungszeitpunkt gingen viele Vereinsvertreter davon aus, dass die laufende Runde im Herbst 2020 zu Ende gebracht werden kann und dann eine neue Spielzeit - in reduzierter Form - gestartet wird.

Pro Saisonfortsetzung-Votum Mitte April, aber: Die Situation muss neu bewertet werden.


"Das kriegen wir schon, wir werden gemeinsame Lösungen finden", hieß es in den Webinaren. Mit vorhergesagten Abbruchs-Klagewellen wurden die Klubs nervös gemacht. Der BFV hatte aber in Wirklichkeit massive Bedenken, ob ein gewiefter Jurist eines Regionalliga-Anwärters seine schon im Vorfeld angekündigte Drohung wahr machen würde und den Verband bei einem Abbruch zu verklagen. Der bekannte Anwalt hat seinen Klub schließlich vor etlichen Jahren erfolgreich zum damaligen Landesliga-Klassenerhalt geklagt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Die FuPa-Redaktion in Fürstenstein war sich im April noch weitgehend einig, dass die Saison-Fortführung die fairste und sinnvollste Entscheidung ist - wenngleich das einseitige Werben auf den Webinaren schon damals kritisch beäugt wurde und für Kopfschütteln gesorgt hatte. Die Situation muss nun aber neu bewertet werden, denn es wird viele Vereine geben, die aufgrund des Mini-Programms Spieler verlieren oder finanziell - aufgrund der fehlenden Zuschauereinnahmen - in eine gehörige Schieflage geraten. Von einer befürchteten mangelnden Attraktivität der "Restsaison" für zahlreiche nicht mehr in Auf- und Abstiegskampf verwickelte Teams ganz zu schweigen. Ein "Re-Start" bei 0 würde - wann auch immer der Start erfolgen kann - flächendeckend ganz sicher mehr Vorfreude auf den Amateurfußball bieten, als die Fortführung einer mental bereits abgehakten Saison nach mittlerweile - für die allermeisten - mehr als einem halben Jahr.

Zahlreiche Spiele bis Sommer 2021 ohne sportlichen Wert.


Für sehr viele Klubs stehen bis Sommer 2021 nur mehr eine Handvoll Liga-Heimspiele auf dem Programm - ein absolutes Fiasko. Attraktive Alternativmöglichkeiten will der Verband den Vereinen anbieten. Die Realität sieht aber so aus, dass es auch bei einem konstruierten "Pokalspiel" zwischen zwei Nachbarvereinen keine dreistelligen Zuschauerzahlen geben wird. Die "ad-hoc"-Etablierung eines neuen Wettbewerbs ist illusorisch, erst recht wenn die Anreize fehlen. Und der Stellenwert für Zuschauer und Amateurfußballinteressierte. Bittere Erfahrungen, die im Profi-Fußball auch die UEFA Nations League machen musste. Oder kann mir einer von euch in zwei Sätzen erklären, warum man sich diese Pseudo-Freundschaftsspiele anssehen soll!?

Zahlreiche A-Klassen- und Reservemannschaften haben nur noch sieben, acht Pflichtspiele zu bestreiten... Pro Monat rechnerisch etwas mehr als ein Pflichtspiel - von September bis Mai 2021. Fakt ist: die Saison 2020/21 wird es in Bayern im Herrenbereich nicht geben. Und Fakt ist: zahlreiche dieser Spiele werden keinen sportlichen, sondern nur einen statistischen Wert haben. Warum wurden keine (sinnvollen) Lösungen wie im Juniorenbereich angestrebt? Der BFV hätte die vom Punkteschnitt besten Teams jeder Liga aufsteigen lassen können. Auf Absteiger hätte verzichtet werden können oder: eine weitere Option wäre es gewesen, in jeder Gruppe nur den Letzten einer Liga nach unten zu schicken. Ausnahme-Situationen erfordern nunmal besondere Maßnahmen. Ein Lösungsansatz wäre es gewesen, in jeder Ligaebene - analog zu den Junioren - mehr Spielgruppen zu bilden. In den niederbayerischen Bezirksligen hätte es in der Übergangssaison beispielsweise vier statt zwei Staffeln geben können, die - regional zusammengestellt - halt dann mit 9 oder 10 Teams bestückt werden müssten. Eine normale Serie mit Hin- und Rückrunde wäre unter Einhaltung der in der Vorwoche vom BFV publizierten und für realistisch gehaltenen 20 Rahmentermine bis Mai 2021 möglich gewesen...

Wieso nicht ein Beispiel an Österreich nehmen!?


Im (Corona-)Notfall wären im April oder Mai auch Partien unter der Woche kein unlösbares Problem gewesen. Klar: Es hätte mit einem solchen Modell auch in jeder Gruppe wohl mindestens zwei Absteiger geben müssen, um ab Sommer 2021 wieder möglichst die normale Liga-Sollstärken zu erreichen. Die wäre aber spätestens eine Spielzeit später - mit leicht erhöhtem Abstieg - realisierbar gewesen. Die BFV-Arbeitsgruppen hätten genug Zeit gehabt, um Vorschläge und Lösungen im Sinne der Vereine zu finden. Passt man beispielsweise den Rahmenterminkalender an, wären weitere Spieltermine verfügbar, die noch Luft für weitere Spieltage garantiert hätten. So könnten die einzelnen Staffeln sogar vergrößert werden. Warum orientieren wir uns in Sachen Rahmenterminkalender eigentlich nicht an die von uns Bayern oft belächelten Österreicher? Die "Ösis" sind uns aktuell scheinbar in sehr vielen Dingen einen Schritt voraus - auch im Fußball! In der Alpenrebublik startet die Saison schon immer im August, dafür wird bis in den Juni des darauffolgenden Kalender-Jahres gespielt.

Ein Modell, über das man auch in Bayern zumindest mal hätte nachdenken bzw. eine offene Diskussion darüber zulassen können. Aber die Verbandsspitze, die es vorzüglich versteht, ihre vorgefertigten Vorschläge durchzuboxen, hat einmal mehr ihren Willen durchgesetzt. Futsal lässt grüßen. Im Falle der Saisonfortsetzung 19/20 zumindest mit scheinbar demokratischen Mitteln. Die Mehrheit hat sich der BFV aber auch dank einer sehr frühzeitigen Abstimmung gesichert. Zu einem Zeitpunkt, als sich kritische Meinung noch nicht gebildet hatten bzw. noch nicht bilden konnten. Und Pro-Argumente für die BFV-Pläne von Vereinsseite noch nicht kritisch hinterfragt wurden. Schließlich hatten zahlreiche Vereinsfunktionäre kurz nach Ausbruch der Pandemie ganz andere, viel persönlichere Sorgen. Und Treffen der Vereinsgremien waren aufs Digitale beschränkt.

68 Prozent also. Eine stolze Zahl. So viele stimmten Mitte April für die Fortsetzung der Saison 2019/20. Doch mittlerweile liegen die "echten" Argumente für alle deutlich auf dem Tisch, und die Diskussion darüber ist erlaubt und wichtig. Denn schließlich geht's um unser aller Amateurfußball. Um den's in München, im Haus des Fußballs, seit langem meist nur noch am Rande geht. Dort geht's viel zu sehr um Politik, um die Vorreiter- und Ausnahmerolle des bayerischen Landesverbands. Darum, mit der frühesten Entscheidung, andere Landesverbände in seine Richtung zu ziehen. Der Fußball an sich scheint zum Mittel zum Zweck geworden zu sein. Und nein, an der sinkenden Attraktivität des Amateurfußballs hat nicht allein der demographische Wandel schuld, oder größer gewordene Alternativbeschäftigungen der Kids. Der Stellenwert des Amateurfußballs, in der Halle wie im Freien, leidet. Weil der BFV in München sich "verselbstständigt" und den Fokus aufs Wesentliche verloren hat: die Vereine, die Aktiven, das Spiel.







38164 Aufrufe9.6.2020, 10:25 Uhr
Thomas SeidlAutor

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