
Ein Selfie mit Lukas Podolski, ein Handschlag mit Toni Kroos und ein Plausch mit Christoph Kramer – sowohl die Anfang 2024 gestartete Hallenfußball-Liga „Baller League“ und als auch die wenige Monate später ins Leben gerufene, ähnliche „Icon League“ setzt auf große Namen und eine spektakuläre Show. Zwölf beziehungsweise 14 Mannschaften, angeführt von prominenten Trainern und Teammanagern, treten aktuell jeden Montag in Berlin und Düsseldorf in Gruppenspielen gegeneinander an, ehe Mitte Mai die jeweils besten Teams beim Finalturnier um den jeweiligen Titel kämpfen.
Neben ehemaligen Profis wie Daniel Caligiuri, Christian Clemens, Moritz Leitner, Richard Sukuta-Pasu oder Bastian Oczipka laufen regelmäßig zahlreiche aktuelle Spieler aus der Regional- und Oberliga bei den Hallenturnieren auf, die vor allem junge Zuschauer in ihren Bann ziehen und in den Livestreams auf Twitch und YouTube hohe Reichweiten erzielen.
Bei den Amateurvereinen stößt die Teilnahme ihrer Akteure größtenteils auf Unmut. „Die Hallenfußballligen profitieren davon, die Spieler profitieren davon – nur die Clubs, die die Spieler abstellen, haben gar nichts davon“, betont Samir Sisic, Trainer von Oberligist TSV Meerbusch.
In Kolja Pusch und Yassin Benktib treten aktuell zwei Spieler der Blau-Gelben in der „Icon League“ an. Die Spieltage finden jeden Montagabend im Düsseldorfer Castello statt – also genau einen Tag nach den Meisterschaftsspielen des TSV und einen Tag vor der ersten Trainingseinheit der Woche. „Die Belastung für diese Spieler ist deutlich höher, und damit steigt natürlich auch die Verletzungsgefahr“, sagt Sisic.
In Kevin Weggen, Jimmy Can Atilla, Daud Gergery und Alexander Lipinski sind gleich vier Akteure des FC Büderich 02 jeden Montag bei der „Baller League“ vertreten. „Die Jungs spielen sonntags bei uns, fahren montags morgens nach Berlin und gut 24 Stunden später wieder zurück. Es ist ja logisch, dass sie dann dienstags bei uns nicht wieder frisch auf dem Trainingsplatz stehen“, sagt FCB-Coach Sebastian Siebenbach.
Doch als Verein habe man aktuell keinerlei Handhabe: „Auch wenn wir davon nicht begeistert sind, können wir niemanden die Teilnahme verbieten.“
Ein weiteres Problem neben der erhöhten Belastung ist, dass die teilnehmenden Spieler ihr Hauptaugenmerk möglicherweise verschieben. In der „Baller League“ und „Icon League“ bekommen sie pro Spieltag zwischen 400 und 800 Euro – das übersteigt teils deutlich die Summen, die sie monatlich bei ihren Vereinen erhalten.
Zudem können sie sich in den stark von Social Media und bekannten Influencern geprägten Wettbewerben – anders als in der Oberliga – einem größeren Publikum präsentieren. „Aus objektiver Sicht kann ich es keinem Spieler verübeln, da mitzumachen. Du kannst gutes Geld verdienen und einen gewissen Ruhm erlangen“, sagt Siebenbach.
Auch Sisic zeigt Verständnis: „Für einen Spieler ist es eine coole Sache, dort gesehen und dafür auch noch gut bezahlt zu werden.“ Jedoch gehe das zu Lasten der Amateurvereine, bei denen all diese Akteure unter Vertrag stehen.
„Die Spieler trainieren bei uns drei- oder viermal pro Woche. Nur deshalb sind sie fit und fußballerisch gut genug, um überhaupt an diesen Ligen teilzunehmen – das darf man nicht vergessen“, betont Sisic.
Mehrere Clubs haben bereits knallhart durchgegriffen. So trennte sich Mittelreinligist FV Bonn-Endenich Mitte der Vorsaison von fünf Leistungsträgern. „Der Fokus auf den Abstiegskampf hat sich verschoben, es ging nur noch um die ,Baller League‘. Wie ein Virus hat sich das Ding bei uns durch die Kabine gezogen“, erklärte Sportdirektor Markus Köppe.
Fünf von sechs Endenicher Spielern entschieden sich damals bei der Wahl zwischen „Baller League“ und Oberliga für das Hallenfußballprojekt und standen dem Bonner Verein damit nicht mehr im Abstiegskampf zur Verfügung.
Aufgrund der lukrativeren Verdienstmöglichkeiten zogen diverse etablierte Regionalliga- oder Oberliga-Kicker nach. Für Sisic eine gefährliche Entwicklung: „Viele Spieler denken nur kurzfristig. Was ist, wenn du zweimal dabei bist, dann aber nicht mehr berücksichtigt wirst? Der Weg zurück vom Klein- auf das Großfeld dürfte extrem schwierig werden.“
Sowohl beim TSV Meerbusch als auch beim FC Büderich hält sich der Kampf der beiden verschiedenen Fußballwelten zumindest bislang in Grenzen. „Aktuell stelle ich noch nicht fest, dass bei uns in der Kabine Unruhe entsteht, weil einige unserer Jungs in der ,Baller League‘ spielen. Solange die vier weiter gut trainieren und sonntags ihre Leistungen bringen, sehe ich aktuell keine größeren Probleme“, sagt Siebenbach, fügt aber im gleichen Atemzug an: „Grundsätzlich stehen diese Ligen in großer Konkurrenz zum Amateurfußball. Daher müssen wir die Entwicklung sehr genau beobachten.“
Sisic wünscht sich für die nahe Zukunft, dass die Verantwortlichen der „Baller League“ und der „Icon League“ in den Dialog mit den Vereinen treten, um gemeinsame Lösungen zu erarbeiten. „Ich finde, dass den Clubs etwas zurückgegeben werden muss. Anderenfalls wird es auf lange Sicht keine Alternative dazu geben, dass sich Aktive zukünftig entscheiden müssen, ob sie Amateur- oder Hallenfußball spielen möchten.“
Leagues Die „Baller League“ haben Mats Hummels und Lukas Podolski initiiert. Die „Icon League“ wurde von Toni Kroos und Streamer Elias Nerlich ins Leben gerufen. Bei beiden Formaten wird in der Halle auf Kleinfeld gespielt. Durch zufällig bestimmte Effekte und Sonderregeln gelten die Spiele im Vergleich zum klassischen Fußball als abwechslungsreicher, actionreicher und schneller.