Geschlossen: Der Fußball im großen Amateurbereich ruht derzeit. Foto: imago images/Hanno Bode
Geschlossen: Der Fußball im großen Amateurbereich ruht derzeit. Foto: imago images/Hanno Bode

Die Furcht vor der Generation C

Wie Corona Kinder- und ambitionierte Jugendfußballer ausbremst

Die Spielpause im gesamten Amateurfußball trifft vor allem Kinder und Jugendliche, betroffen ist mit dem „Projekt Zukunft“ auch das wichtigste Vorhaben von DFB und DFL. Schon ist von einer für den Fußball verlorenen Generation C die Rede.

Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass Christian Seifert beim Neujahrsempfang der Deutschen Fußball-Liga (DFL) dringende Reformen empfahl. Im Kern seiner aufrüttelnden Worte ging es um das „Projekt Zukunft“ als das wichtigste Vorhaben des deutschen Fußballs der nächsten zehn bis 15 Jahre. Seifert sagte damals, die Anstrengungen im Jugendbereich würden „elementar sein für die Qualität des deutschen Spitzenfußballs, den wir ab 2030 und darüber hinaus erleben.“ Jetzt geht’s 2021 erst einmal darum, dass überhaupt wieder irgendwann der Ball rollt. Denn wenige Wochen nach der Zusammenkunft in einer Offenbacher Eventlocation kam Corona. Und seitdem sind abgesehen vom Profifußball überall Stoppschilder aufgetaucht, die die Entwicklung hemmen.

Joti Chatzialexiou, der Sportliche Leiter Nationalmannschaften im Deutschen Fußball-Bund (DFB), spürt, dass sich viele Widersprüche zwischen Profis und Amateuren, zwischen Schule und Sport gerade nicht auflösen lassen. Warum können sich die einen in der Bundesliga beim Torjubel küssen, während die anderen nicht mal zu dritt auf den Bolzplatz dürfen? „Ich glaube, dass der Sport in unserem System eine sehr hohe gesellschaftliche Relevanz hat. Wenn ich gesehen habe, dass Kinder vor Weihnachten zwar in die Schule, aber nicht draußen Fußball spielen durften, kam bei mir schon die eine oder andere Frage auf“, sagt der 44-Jährige. „Ich glaube, dass es gerade für die Kinder sehr wichtig ist, dass sie sich bewegen, dass sie an der frischen Luft sind. Und das wirkt sich nur körperlich, sondern auch auf die Psyche aus.“

Bald halbes Jahr Zwangspause

Gerade in Großstädten wie Frankfurt. Der hier geborene Chatzialexiou arbeitete während des Sportstudiums im Leistungszentrum von Eintracht Frankfurt und fuhr bis vor einem Jahr an Wochenenden gerne von einem Sportplatz zum anderen, um sich unverstellte Einblicke zu verschaffen. Nun herrscht fast überall gähnende Leere. Fast 25.000 Vereine ahnen landesweit, dass bis Ostern der Trainings-und Spielbetrieb ausgesetzt bleibt. Das wäre dann bald ein halbes Jahr Zwangspause. Digitale Angebote zur Überbrückung helfen nur bedingt. Am Tabloid, Smartphone oder PC abgeschaute Übungen ersetzen nie den echten Fußball.

Der Sportliche Leiter hat nach dem ersten Lockdown im Frühjahr die ausgefallene Spielzeit mit einem Kreuzbandriss verglichen. Dabei wäre es dringend geboten, aktiv zu werden. Auf vielen Ebenen hat Deutschland im Nachwuchsbereich bereits den Anschluss verpasst, die Rede ist von „historisch schlechten Niveau“ in den unteren Jahrgängen. DFB-Direktor Oliver Bierhoff, verantwortlich für die Nationalmannschaften und die im Bau befindliche Akademie, beklagte, dass in den Auswahlmannschaften von der U17 bis zur U21 die Anzahl „an herausragenden Spielern pro Mannschaft schon extrem gegenüber früheren Jahrgängen abnimmt“. Die Einsatzzeiten deutscher U23-Spieler befinden sich in der Bundesliga gerade auf einem Rekordtief, 75 Prozent der eingesetzten U23-Spieler sind ausländische Akteure.

Generation C

Andreas Nagel aus der DFL-Direktion Sport & Nachwuchs ist mit den 56 zertifizierten Nachwuchsleistungszentren in Kontakt. Je nach örtlicher Verfügungslage ist derzeit für die besten Talente noch ein regelmäßiges Training möglich, aber Patentrezepte für einen Ausweg aus der Pandemie auch seine Institution nicht. Alle Maßnahmen für die U-Nationalmannschaften wie Lehrgänge, Turniere oder Spiele sind ausgesetzt, auch die A- und B-Junioren-Bundesligen spielen nicht mehr. Andreas Möller, Leiter des Nachwuchsleistungszentrums von Eintracht Frankfurt, empfindet die Situation als herausfordernd. „Das ist alles nicht so einfach, dieser Generation fehlte eine ordentliche Portion Fußball“, sagte der Weltmeister kürzlich im Fachmagazin „Kicker“. Im Leistungsbereich dürfen von der U15 bis zur U19 nur jene Teams am Riederwald trainieren, die dem Spitzensport zugeordnet sind „Nichtsdestotrotz gibt es bei circa 120 andere Kinder und Jugendliche, die der schönsten Nebenbeschäftigung in ihrem Leben nicht nachgehen können. Für diese Mannschaft können wir derzeit nur Online-Training anbieten. Das schmerzt, aber da sind uns wie vielen anderen Vereinen die Hände gebunden.“ Er könne keine Prognose abgeben, welche langfristige Auswirkungen das haben wird, aber „sicherlich geht diese Generation sehr gehandicapt in die Zukunft.“ Schon ist die Rede von einer „Generation C“, die diesen Ballast dauerhaft mit sich herumschleppt. „C“ steht für Corona.

Die Gefahr, dass „FIFA 21“ an der Spielekonsole dauerhaft größeren Reiz ausübt als der Fußballplatz ist vor allem für jene Kinder und Jugendlichen riesig, die eher zum Spaß kicken. Kommen diese nicht leistungsorientierten Nachwuchsfußballer, oft auch die „Gänseblümchenpflücker“ genannt, gar nicht mehr wieder? Von der DFB-Spitze ist zu diesem drängenden Problem erstaunlich wenig zu hören. Anfang November vergangenen Jahres sprach sich Präsident Fritz Keller zusammen mit den Präsidenten der Regional-und Landesverbände dafür aus, das „organisierte Sporttreiben für Kinder und Jugendliche unter freiem Himmel“ wieder zu ermöglichen. Seit diesem Appell blieben öffentliche Vorstöße aus. Man wolle keine Extra-Rolle reklamieren, heißt es gerne.

Verloren an die Playstation?

Zuletzt wagte sich Hermann Winkler, Präsident beim Sächsischen Fußball-Verband und kommissarisch auch für den Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) zuständig, in der „Sächsischen Zeitung“ aus der Deckung: „War wir vermissen, ist eine klare Linie in der Politik und wie es weitergeht. Die Unlogik und auch die Unverhältnismäßigkeit vieler Maßnahmen verschafft jedenfalls keine Akzeptanz, geschweige denn eine Motivation in den Vereinen. Und ich sage ganz deutlich: Das Verbot jeglichen Vereinssports für Kinder und Jugendliche ist falsch. Ein Leben ohne Sport und Kultur macht die Gesellschaft kränker als die Pandemie selbst.“ Winkler empfand es für die Ehrenamtlichen, Trainer, Übungsleiter oder Funktionäre sogar als „Schlag ins Gesicht“, dass Sportvereine und Sporttreiben als nicht systemrelevant eingestuft worden sind. Vor der Jahreswende hat der Bayerische Fußballverband (BFV) in einer Umfrage die Auswirkungen der Corona-Krise in seinen Vereinen untersucht. Nicht mal jeder zweite Klub glaubt, dass er die Krise ohne nachhaltige Schäden übersteht. Hauptsorge ist der Verlust von Kindern und Jugendlichen, davor fürchten sich inzwischen vier von fünf Vereinen. Die Kinder, sagte ein Jugendleiter, würden wiederkommen. „Aber bei den Jugendlichen befürchte ich, dass wir eine ganze Generation dauerhaft an die Playstation verlieren.“

Aufrufe: 028.1.2021, 11:00 Uhr
Frank Hellmann / Neue Osnabrücker ZeitungAutor

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