2026-05-15T09:36:57.455Z

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Arian Gerguri: „Am Anfang wurde mir gesagt: ‚Du erwartest zu viel‘“

Der Bezirksliga-Aufstieg ist für den Rheydter SV und Arian Gerguri geschafft. Im Interview spricht Gerguri über seine Trainerzeit im hochklassigen Nachwuchsfußball, wie ihn der 1. FC Mönchengladbach geprägt hat und er sich beim Rheydter SV anfangs an den Seniorenfußball „anpassen“ musste.

von Daniel Brickwedde · Heute, 14:30 Uhr · 0 Leser
Das sagt Arian Gerguri zum Aufstieg
Das sagt Arian Gerguri zum Aufstieg – Foto: ..

Am 2. Mai brachte der Rheydter SV mit einem 6:0-Sieg bei der SpVg Odenkirchen II vorzeitig den Aufstieg in die Bezirksliga unter Dach und Fach. Vater des Erfolgs ist Arian Gerguri, seit 2023 Trainer beim RSV. Im Gespräch mit unserer Redaktion spricht er darüber, wie ihm mit dem Team dieser Aufstieg gelungen ist.

HERR Gerguri, wie lange feiert ein Trainer bei einer Aufstiegsfeier mit?

ARIAN GERGURI Solange, bis alle Gäste weg sind und die Jungs in die Altstadt gegangen sind. Ich stoße gern mit den Jungs an und feiere mit, aber alles im Rahmen. Es gab tolle Gespräche – mit Fans und Spielern – und insgesamt war es eine sehr schöne Feier mit leckerem Essen. Es war vor allem die Feier der Jungs, die sie organisiert hatten.

Zu Saisonstart galt der Rheydter SV bereits als klarer Aufstiegsfavorit – und stand den Großteil der Spielzeit auf Platz eins. Wie haben Sie verhindert, dass es Saisonverlauf keinen Spannungsabfall gab?

GERGURI Das Schöne ist, dass ich kaum eingreifen musste. Mit Kevin Adrovic, Melih Karakas, Durukan Celik, und Vitali Kwitko haben wir Säulen, die die Jungs immer wieder erden. Es gab mal eine Trainingssituation: Da wollte ein junger Spieler mit der Hacke spielen – da musste ich gar nicht eingreifen, Kevin hat das geregelt. Wir haben außerdem nach jedem Training einen festen Ablauf: Wir kommen noch einmal kurz im Kreis zusammen und besprechen ein, zwei Dinge. Solche Themen werden dort angesprochen. Wenn die Kapitäne im Hintergrund so viel abfangen, kann sich der Trainer besser auf seine Aufgaben konzentrieren.

Was waren Meilensteine auf dem Weg zum Aufstieg?

GERGURI Als ich im Herbst 2023 übernommen habe, standen wir auf einem Abstiegsplatz. Da ging es erst einmal darum, das Team so zu stabilisieren, dass wir drinbleiben. Im zweiten Jahr gab es dann einen kompletten Umbruch, der nur teilweise gut lief. In der Winterpause hatten wir dann das Glück, dass wir einige Jungs vom SC Waldniel verpflichten konnten, die aber eigentlich Gladbacher Jungs sind. Mit den meisten davon hatte ich bereits in Jugendteams zu tun. Die Aufgabe bestand dann darin, daraus ein Team zu bilden. Denn wir hatten plötzlich eine halbe neue Mannschaft. Wir haben die Rückrunde als Einspielphase genutzt: testen, zusammenfinden, schauen, ob es für alle passt.

Und der Aufstieg mit diesem Kader war diese Saison dann ein Selbstläufer …

GERGURI Nein. Das ist viel Arbeit. Mir war wichtig, die Spannung hochzuhalten und konzentriert zu arbeiten – das hat super geklappt. Die Jungs haben immer Gas gegeben. Es gab im August das Pokalspiel gegen den ASV Süchteln (2:1, Anm. d. Red.) – da haben wir alle gemerkt, dass wirklich etwas Großes entstehen kann. Gleichzeitig steckt extrem viel Arbeit von ganz vielen Leuten hinter diesem Erfolg. Angefangen bei Markus Horsch (Sportlicher Leiter, Anm. d. Red.) über Karsten Waniek (Co-Trainer, Anm. d. Red.), dann unser Torwarttrainer Timo Böcken und unser Fitnesstrainer Xhevat Kastrati sowie Teammanager Fabian Bohlen. Und Jasmin Yamac, die im Hintergrund alles organisiert. Dazu kommt der Vorstand, der im Hintergrund die Fäden zieht. Ohne sie wäre es schwierig gewesen, diesen Turnaround zu schaffen.

Wie sind Sie überhaupt Trainer geworden?

GERGURI Das fing ganz simpel an: Mein jüngerer Bruder kam nach Hause und sagte, das Training sei schlecht gewesen, er sei nur gelaufen. Da habe ich gesagt: „Ich kann das besser.“ So bin ich ins Trainersein reingerutscht.

Wie alt waren Sie?

GERGURI Sechzehn Jahre. Ich war zuerst einige Jahre bei Viktoria Rheydt und habe den Jahrgang 1992 von der E- bis zur A-Jugend begleitet. Danach bin ich in die Jugend zum RSV und von dort zum 1. FC Mönchengladbach gewechselt, wo ich die Mannschaft in der Niederrheinliga betreut habe. Emil Neunkirchen war zu jener Zeit sportlicher Leiter in der Jugend beim 1. FC. Das hat mich sehr geprägt.

Inwiefern?

GERGURI Ich bin sehr emotional, Emil war eher sachlich und ruhig. Bei mir ist es inzwischen besser geworden – oder anders: Ich gehe heute analytischer an Dinge heran. Unter Emil haben wir im Kreis alles gewonnen, was man gewinnen konnte. Zu der Zeit waren beim 1. FC Trainer wie Kevin Kreuzberg, Benni Weeks, Marcel Winkens, Oliver Glogau, Carlos Miguel oder Marco Saremba tätig. Wir haben uns nichts geschenkt, alle wollten besser werden. Emil hat die Zügel eng gehalten. Es gab sogar Vorgaben, wie wir bei Ecken stehen. Wir Trainer hatten dann unseren eigenen Weg: Bei Heimspielen haben wir es so gemacht, wie Emil es sehen wollte; auswärts haben wir unser Ding gemacht (lacht). Und ich erinnere mich an Spiele, da hat er sich schon über ein Gegentor aufgeregt – er liebte die Null. Das ist bei mir nicht anders.

Sie sind erst 2023 in den Seniorenbereich zum Rheydter SV gewechselt. Hat Sie der Seniorenbereich vorher nie gereizt?

GERGURI Mein Ziel war eigentlich – und ist es irgendwo immer noch –, eher Richtung Nachwuchsleistungszentren zu gehen und dort zu arbeiten. Aber manchmal kommt es anders. Während meiner Zeit in Straelen, als der Rheydter SV nach dem Bezirksliga-Rückzug im Neuaufbau war, saßen wir schon einmal zusammen. Ich war damals sportlicher Leiter der U19 in Straelen und habe mit Carlos Miguel die U17 trainiert. Wir sind Meister und Pokalsieger geworden. Es gab zu der Zeit auch eine Anfrage vom NLZ des MSV Duisburg, aber ich hatte in Straelen zugesagt: Wenn ich mein Wort gebe, bleibt es dabei. Das galt auch für das Interesse des RSV.

Was hat Sie später dann überzeugt, zum Rheydter SV zu wechseln?

GERGURI Es ist irgendwo eine Herzensangelegenheit. Ich bin in Rheydt aufgewachsen, mein Elternhaus ist hier, und mein Bruder lebt und arbeitet in Rheydt. Ich glaube nicht, dass ich bei einem anderen Kreisligisten zugesagt hätte. Ohne das abwertend zu meinen: Beim RSV ging es um Identifikation – und damals auch um eine echte Krisensituation mit Abstiegsplatz. Ich musste mich anfangs im Training allerdings stark umstellen.

Sie meinen das in Bezug auf Ihre vorherige Arbeit im höherklassigen Nachwuchsfußball?

GERGURI Es gab zu Beginn ein Gespräch, da sagte Markus: ‚Du erwartest zu viel.‘ Intensität, taktische Ausrichtung, Anlaufen, Pressing – das sei in der A‑Liga anders. Mit der jetzigen Mannschaft kann ich anders trainieren, weil Spieler dabei sind, die Oberliga gespielt haben und eine starke Ausbildung haben. Aber am Anfang musste ich lernen, im Training viel zu vereinfachen, häufiger zu unterbrechen und Dinge anders aufzubauen. Als wir im Abstiegskampf waren, wollte ich eine Videokamera. Da haben manche mich erst belächelt. Aber es hat uns nach vorne gebracht: Wir können dann anders mit den Spielern reden und anders arbeiten.

Ist auch der Umgang mit der Mannschaft ein anderer?

GERGURI Mir ist offene Kommunikation wichtig. Wenn jemand etwas hat, musst du da sein. Als Nils Schleszies nach seinem Kreuzbandriss operiert wurde, gehörte es für mich dazu, ihn im Krankenhaus zu besuchen. Es gibt beim DFB einen Ausbilder, der mal gesagt hat: Der eine Spieler will Kritik nur unter vier Augen, ein anderer will die Kritik vor der ganzen Mannschaft hören. Du musst wissen, wie du die Leute nimmst. Ich schlage manchmal auch über die Stränge, werde zu Hause aber immer gut eingefangen: Meine Frau ist meine größte Kritikerin und mein Rückhalt, denn sie hält mir den Rücken frei. Dazu kommt viel Austausch mit den Betreuern und mit Markus – oft bis spät abends. Daraus nehme ich viel mit.

Viele verbinden den RSV immer noch mit seiner großen Vergangenheit in der Oberliga. Inwiefern erschwert das die Anspruchshaltung?

GERGURI Das merke ich jedes Mal bei unseren Edelfans, wie ich sie nenne. Die sind immer da, auch auswärts. An denen kommst du nicht vorbei, im positiven Sinne: Ich habe immer einen sehr guten Austausch. Aber natürlich gibt es auch kritische Fragen, und oft wird vom RSV von früher gesprochen. Gerade in der Anfangszeit, als wir im Abstiegskampf steckten, kam viel mehr Druck von außen als von innen – der Vorstand hat hingegen nie gezweifelt. Der Verein wird attraktiver, wenn wir weiter Gas geben. Wir sind zum Beispiel in der kommenden Saison wieder im Niederrheinpokal. Ich sage immer: Ein Traum wäre ein Spiel gegen den MSV Duisburg.

Kommen wir zur Bezirksliga. Wie groß ist der Sprung von der A‑Liga in die Bezirksliga?

GERGURI Der Sprung wird riesig. Es wird physischer und härter. Ich habe einige Spiele gesehen: Es geht ordentlich zur Sache. Wenn ich das Pokalfinale gegen Neuwerk nehme: Da mussten wir mehrere Spieler zum Arzt schicken – wegen einer ausgekugelten Schulter und Knieproblemen.

Es gibt warnende Beispiele: Odenkirchen ist souverän aufgestiegen und fast wieder abgestiegen. Lürrip war von vornherein chancenlos, Türkiyemspor steigt nach einer Spielzeit wieder in die A‑Liga ab. Warum ist der RSV konkurrenzfähiger?

GERGURI Wichtig war, den Kader gezielt zu verstärken – nicht mit Masse, sondern mit Spielern, die zu uns passen. Wir haben ein starkes Gefüge und ein tolles Miteinander. Seit November gab es fast jeden Abend Gespräche auf der Anlage: Spiele anschauen, Spieler beobachten, scouten.

Es gibt aber auch Abgänge ...

GERGURI Unser Kapitän Kevin Adrovic geht beruflich nach Dubai, das müssen wir kompensieren. Außerdem geht Mats Schleszies. Trotzdem haben wir nach vorne etwas getan, beispielsweise mit Branimir Galic. Und wir werden noch mehr machen. Unser Ziel ist, den Schwung und die Euphorie mitzunehmen und am Ende auf einem einstelligen Tabellenplatz zu landen. Wichtig ist aber vor allem, schnell zu punkten, um nicht in den Abstiegsstrudel zu geraten.

Was haben Sie in dieser Aufstiegssaison über sich als Trainer gelernt?

GERGURI Dass ich in manchen Spielen ruhig sein kann. Und dass man – egal was ist – an seine Leute glauben sollte. Du brauchst ein klares Umfeld, klaren Austausch, klare Rollen. Es war schön, zu merken, dass es läuft, und sich auf die Qualität der Mannschaft verlassen zu können – auch wenn man mal unter Druck gerät. Was ich besonders feiere: Im Abschlussspiel schenkt sich niemand auch nur einen Meter – und das setzt sich fort bei kleinen Strafen und Challenges: Liegestütze, Bauchübungen, egal was. Die Spieler ziehen das durch.

Sie scheinen ein Faible dafür zu haben, intern Competitions einzubauen.

GERGURI Total. Das ist extrem wichtig. Beispiel: In einer Mannschaftsbesprechung habe ich gesagt: Wir wollen die 100 Tore knacken. Dafür brauchen wir im Schnitt etwa 3,5 Tore pro Spiel. Wenn ihr das schafft, zahle ich 100 Euro in die Mannschaftskasse. Solche Challenges nehmen die Jungs mit. Und wenn wir zusätzlich die beste Abwehr stellen, zahlt unser Co-Trainer Karsten Waniek, den ich lieber „Mittrainer“ nenne, auch 100 Euro in die Kasse. Das motiviert.