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Von Marburg über Kirtorf nach Bangkok

+++ Hagen Hübner arbeitet seit rund drei Jahren in Thailand als Trainer - und ist trotz Mentalitätsproblemen sehr erfolgreich +++

von Marc O. Steinert · 23.09.2015, 16:45 Uhr · 0 Leser
Hagen Hübner instruiert im Training die thailändische U19-Nationalmannschaft, mit der er Anfang September die prestigeträchtige AFF-Championship gewann. Der Titelgewinn löste eine große Euphorie in Hübners Wahlheimat aus. 	Foto: red
Hagen Hübner instruiert im Training die thailändische U19-Nationalmannschaft, mit der er Anfang September die prestigeträchtige AFF-Championship gewann. Der Titelgewinn löste eine große Euphorie in Hübners Wahlheimat aus. Foto: red

ALSFELD. Großstadtflair ist nicht jedermanns Sache. Gerade in ländlichen Regionen aufgewachsenen Menschen ist er suspekt. Hagen Hübner aus Kirtorf hat sich mittlerweile mit fast allen Unannehmlichkeiten einer Großstadt abgefunden. ,,Dieser Straßenverkehr in den Ballungszentren ist und bleibt aber eine Katastrophe", sagt Hübner. Der 34 Jahre alte Fußballtrainer stammt aus Marburg, wuchs in Kirtorf auf und wohnt seit rund drei Jahren in Thailand - ein 70-Millionen-Einwohner-Land mit einer gigantischen Hauptstadt. Acht Millionen Menschen wohnen in Bangkok, wo sich Hübner in diesen Tagen häufiger aufhält. Nach dem Gewinn der AFF-Championship mit der thailändischen U19-Nationalmannschaft ist er in seiner Wahlheimat in aller Munde.

,,Das Turnier ist vergleichbar mit einer Europameisterschaft, hat aber in Asien einen ganz anderen Stellenwert", erklärt Hübner und fährt fort: ,,Wenn die deutsche U19 Europameister wird, interessiert das keine Sau. Wenn Thailands U19 die AFF-Championship gewinnt, ist die Hölle los." Der Fußballtrainer weiß, wovon er spricht. 25 000 Zuschauer sahen Anfang September den 6:0-Endspielsieg von Thailand gegen Vietnam. Nach der Rückkehr in Bangkok wurde das Team am Flughafen von mehr als 300 Reportern und unzähligen Autogrammjägern empfangen. ,,Ich habe drei Stunden vom Gepäckband zum Bus gebraucht", erinnert sich Hübner, der seit Anfang des Jahres Fitnesstrainer des thailändischen Nachwuchses ist. ,,Ich bin quasi die rechte Hand des Nationaltrainers."

Klare Strukturen fehlen

Davor hatte der 34-Jährige für einen Zweit- und einen Erstligisten des Landes gearbeitet und zudem eine eigene Fußballschule eröffnet. ,,Es war schon einiges los in den vergangenen Jahren", sagt Hübner, der in seiner aktiven Zeit unter anderem für die FSG Kirtorf und den SV Leusel spielte. Verletzungsbedingt beendete er bereits mit 29 Jahren seine Karriere, ehe er ins Trainergeschäft einstieg. Eine seiner Stationen: der DFB-Stützpunkt Alsfeld, wo er zusammen mit Günter Stiebig, Michael Dörr und Jan Krätschmer zusammenarbeitete. ,,Ich habe es bis heute nicht bereut, nach Thailand gegangen zu sein. Aber die klaren Strukturen bei einem Verband wie dem DFB vermisse ich schon sehr", sagt Hübner. So kennt die Begeisterung für den Fußball in Thailand zwar kaum Grenzen, aber es mangelt an der Erfahrung - und an kompetenten Führungspersonen. ,,Das Schlimme ist, dass Trainer nur Marionetten sind", merkt Hübner an und fährt fort: ,,Gerade habe ich einen sicheren Job, aber wer weiß, was in einigen Monaten ist. Im thailändischen Fußball werden Personalentscheidungen noch viel schneller als in Deutschland getroffen." Hagen Hübner will sich in seiner Wahlheimat aber trotzdem durchbeißen - obwohl er ganz genau um die Schwierigkeiten weiß. ,,Die Thais lassen sich nicht gerne etwas sagen. Das Problem ist aber, dass es gerade im Fußball sehr viele Baustellen gibt. Die Liga und der Verband etwa arbeiten fast gar nicht zusammen." Zwischen 2011 und 2013 verbesserte sich mit Winfried Schäfer als Nationalcoach zwar einiges, doch der Verband beendete die Zusammenarbeit mit dem in Deutschland renommierten Übungsleiter. ,,Schäfer hat zu oft den Mund aufgemacht", meint Hübner. ,,Das habe ich am Anfang auch, mittlerweile denke ich mir häufiger meinen Teil."

Hohes Arbeitspensum

Hübner, mit einer B-Trainerlizenz ausgestattet, möchte sich nicht mehr in unsinnigen Debatten verstricken. Er braucht seine Kraft, denn seine Ziele sind hoch gesteckt. Trainer in der höchsten Spielkasse des Landes, der Thai-Premiere-League, will er werden. Und nebenbei will er auch den Ruf seiner Fußballschule ordentlich aufpolieren. Und natürlich auch die A-Trainerlizenz erwerben. ,,Ich habe unheimlich viel zu tun, empfinde meinen Job aber nicht als stressig", sagt Hübner und ergänzt: ,,Ich habe eigentlich keine Freizeit, und wenn ich doch Freizeit habe, dann verbringe ich die auf dem Fußballplatz."

Den Fußball im Vogelsbergkreis verfolgt Hagen Hübner immer noch. Nicht regelmäßig, aber mit großem Interesse. ,,Mit einigen Spielern des FC Bechtelsberg bin ich sogar immer wieder in Kontakt", erzählt der Kirtorfer. Einmal jährlich lässt sich Hübner auch im Vogelsberg blicken. Für höchstens zehn Tage. ,,Mehr ist bei meinem Arbeitspensum nicht drin", weiß Hübner. Noch hat er von der Hire-and-Fire-Mentalität in seiner Wahlheimat nicht genug. ,,Es kann aber natürlich sein, dass ich in fünf Jahren wieder mehr Ruhe brauche." In seiner alten Heimat kann er sie bekommen. In seiner Wahlheimat muss er hingegen mit reichlich Trubel leben. Auf dem Fußballlatz, abseits des Fußballplatzes - und natürlich auch im Straßenverkehr.