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"Sobald ein Problem gelöst ist, entsteht ein neues"

Emotionales Gespräch: Rolf Schmitt erzählt, mit welchen Schwierigkeiten die SV Dernau aus dem Ahrtal mehr als fünf Monate nach der Flutkatastrophe noch zu kämpfen hat

von Pascal Affelder · 31.12.2021, 06:00 Uhr · 0 Leser
Das Foto zeigt den Sportplatz des SV Dernau am Abend der Hochwasser-Katastrophe im Ahrtal. Später stieg das Wasser noch um weitere fünf Meter an.
Das Foto zeigt den Sportplatz des SV Dernau am Abend der Hochwasser-Katastrophe im Ahrtal. Später stieg das Wasser noch um weitere fünf Meter an. – Foto: Rolf Schmitt/SV Dernau

Ahrtal. Das Telefonat mit der Presse unterbricht Rolf Schmitt. Der 60-Jährige hat Wichtigeres zu erledigen. Durch den Hörer sind Schritte, Stimmen und Gerümpel zu hören. Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks schließen im Hintergrund Rohrheizungen an, damit die Wasserleitungen des provisorischen Wohncontainers, in dem Rolf Schmitt wohnt, nicht einfrieren. Probleme lösen – das ist Teil seines Alltags, seit die Hochwasser-Katastrophe am 14. Juli seinen Heimatort Marienthal an der Ahr verwüstet hat.

Aufstehen, E-Mails checken, frühstücken und schauen, wo im Ort gerade Hilfe gebraucht wird. Jeden Tag das Gleiche, es gibt immer etwas zu reparieren. „Sobald man glaubt, ein Problem gelöst zu haben, entsteht direkt ein neues“, erklärt Schmitt. Die Arbeit als Pressesprecher der Fußballabteilung des im Nachbarort beheimateten SV Blau-Gelb Dernau steht hinten an.

Obgleich dieser ebenfalls von der vollen Breitseite der Flut getroffen wurde. Der Blick zurück fällt auch mehr als fünf Monate nach der Katastrophe nicht leicht. Vier Anläufe benötigte Rolf Schmitt damals, bis er den Mut aufbrachte, sich das zerstörte Sportgeländes aus der Nähe anzuschauen. Was ihn dort erwartete, war zwar kein Geheimnis. Sehen wollte er es aber nicht: „Zehn Jahre Herzblut waren in einer Nacht weg.“ 2015 erhielt der SV Dernau endlich den langersehnten Kunstrasenplatz. „Da steckten mehr als 4000 Stunden eigener Arbeit drin“, sagt der Pressesprecher. Das Sportlerheim wurde im Frühjahr renoviert und mit neuer Technik ausgestattet. Im April freuten sich die Fußballer über eine neue Flutlichtanlage. Alles in einer Nacht zerstört. Nur drei Flutlichtmasten ragten empor aus den Wassermassen. Was sie unter sich begruben, so viel war klar, würde nicht mehr zu gebrauchen sein. „Ich habe noch heute einen Kloß im Hals, wenn ich dort hingehe“, sagt der 60-Jährige.

Fußball ist lange kein Thema

An Fußballspielen war auch einige Zeit nach dieser Nacht nicht zu denken. „Man wird geerdet. Dinge, die vorher wichtig waren, sind jetzt egal.“ Viele Vereinsmitglieder waren persönlich vom Hochwasser betroffen. Ein Team für die Saison 2021/22 in der A-Liga Rhein/Ahr anzumelden, schien lange unrealistisch. „Irgendwann haben wir dann gesagt: Lasst es uns versuchen“, blickt Rolf Schmitt zurück. Um den traditionsreichen Verein am Leben zu halten. Und um den Sportlern die Möglichkeit zu geben, ihrer Leidenschaft wieder nachzugehen. Die Dernauer, die gemeinsam mit dem ebenso von der Flut getroffenen SV Mayschoß in einer Spielgemeinschaft (SG Dernau) auflaufen, riefen einen Notvorstand ins Leben. Clubs aus der Region, deren Sportplätze nicht vom Schlamm bedeckt waren, stellten ihre Spielstätten zur Verfügung. So wurde das Unmögliche möglich. Am 19. September absolvierte die SG Dernau ihr erstes Saisonspiel. Kaum mehr als zwei Monate, nachdem die Flutkatastrophe das Ahrtal in Mitleidenschaft gezogen hatte. Die Spielgemeinschaft verlor diese erste Partie zwar – ebenso wie auch die fünf Ligaspiele danach –, doch das war Nebensache. „Wir hatten natürlich totalen Trainingsrückstand“, weiß Schmitt.

Der Sportplatz des SV Dernau während der Freilegung des Kunstrasens.
Der Sportplatz des SV Dernau während der Freilegung des Kunstrasens. – Foto: Rolf Schmitt/SV Dernau

Nachdem die Mannschaft diesen aufgeholt hatte, lief es wieder rund. Mit zuletzt zwei Siegen und Tabellenplatz neun verabschiedeten sich die Dernauer sportlich zufrieden ins neue Jahr.
Dass die SG Dernau wieder am Spielbetrieb teilnimmt, verdankt sie nicht zuletzt der enormen Hilfe aus ganz Deutschland. Nicht nur Geld, sondern auch Utensilien wie Sportklamotten, Bälle oder Leibchen wurden gespendet. Alles, was man zum Kicken braucht. Alles, was der Flut zum Opfer fiel. „Die Hilfe war überwältigend.“ Für den SV Dernau ebenso wie für das Örtchen Marienthal. „Vom 18- bis zum 80-Jährigen war alles dabei. Viele, besonders jüngere Leute, standen täglich zwölf Stunden im Schlamm, um zu helfen“, beschreibt Rolf Schmitt das enorme Engagement. „Wir wussten gar nicht, wie wir die verpflegen sollten.“

So sieht der Kunstrasen des SV Dernau nach der Freilegung aus. Das Grün ist jedoch unbespielbar, der Verein muss auf Sportplätze in der Umgebung ausweichen.
So sieht der Kunstrasen des SV Dernau nach der Freilegung aus. Das Grün ist jedoch unbespielbar, der Verein muss auf Sportplätze in der Umgebung ausweichen. – Foto: Rolf Schmitt/SV Dernau

Inzwischen sei der Wiederaufbau in der Region „schon relativ weit“, sagt der Marienthaler. Auch wenn das für Außenstehende schwer nachzuvollziehen ist. „Wenn Leute zum ersten Mal hier sind, sind sie schockiert darüber, wie schlimm es aussieht. Dabei sieht es für uns schon viel besser aus.“ Zumindest auf den Straßen. Viele Häuser stehen zwar noch. Doch das wahre Ausmaß der Zerstörung offenbart sich beim Überschreiten der Türschwelle. Alles verwüstet. Alles unbrauchbar. Wann die Marienthaler wieder ihr altes Zuhause beziehen, weiß niemand.
Unklar ist auch, was mit der Sportanlage des SV Dernau geschieht. Der Kunstrasen ist zwar weitestgehend freigelegt, aber nicht mehr bespielbar. Um ihn herum erstreckt sich eine Schlammwüste. Einige plädieren dafür, die Sportanlage an anderer Stelle neu zu errichten. Rolf Schmitt hätte nichts einzuwenden. Dann würde ihn der Anblick nicht länger an die schreckliche Flut erinnern.