
Wir erinnern uns an 2015. Der FC Erding hatte beste Aufstiegschancen in die Landesliga, doch die Mitgliederversammlung war das reinste Chaos. Der Höhepunkt: Die meisten Spieler der zweiten Mannschaft boykottierten die Wahl des zweiten Abteilungsleiters, „weil der uns doch nicht mal kennt“. Keine drei Jahre später muss der FCE um den Klassenerhalt in der Bezirksliga kämpfen. Aber das tun die Spieler gemeinsam. „Zwischen Erste und Zweite passt kein Blatt“, sagt Mathias Köppen. Er muss es wissen, er ist Abteilungsleiter und zugleich Spieler der Zweiten.
„Mir macht’s noch Spaß. Mal schauen, wie lange die alten Knochen noch herhalten“, sagt der 37-Jährige. Die Zeiten, dass die Reserve ohne ihn keine elf Spieler mehr zusammenbekommen hätte, sind allerdings vorbei. Im vergangenen Jahr ist aus der A-Jugend der JFG Sempt Erding gut ein Dutzend Spieler zu ihrem Stammverein gewechselt. Und damit wurde möglich, was der FC nach den jüngsten Erfahrungen ohnehin anstrebte: der Erdinger Jugendweg – koste es, was es wolle.
Und damit ist nicht das Geld gemeint. Denn das fließt eben nicht mehr so wie in den Jahren zuvor. Mit dem Ausstieg der wichtigsten Sponsoren verlor der Verein nahezu alle Leistungsträger. Wenige blieben übrig, und mit denen begann der Neuanfang: Spielertrainer Fabian Aupperle und Kapitän Charlie Sattelmayer, beide keine Eigengewächse, aber längst in Erding sesshaft geworden. Und da wäre noch Timo Dörhöfer, Torhüter, Stimmungskanone und seit vergangenem Jahr zweiter Abteilungsleiter – natürlich einstimmig gewählt.
Der Aderlass von hochkarätigen (aber auch ausnahmslos auswärtigen) Spielern sowie die Tatsache, „dass wir dieses Jahr gesegnet sind mit vielen und guten Spielern“, so Köppen, hatte den Bezirksligisten quasi zur Entscheidung getrieben, auf den eigenen Nachwuchs zu setzen. Das werde die Abteilungsleitung, zu der auch der seit vielen Jahren engagierte Ralf Sandner gehört, konsequent durchziehen. „Auch wenn wir – was ich nicht glaube – in die Kreisliga absteigen sollten, werden wir diesen Weg weitergehen“, kündigt Köppen an. Das ist gemeint mit „Koste es, was es wolle“.
Das Ziel des Vereins sei nicht, den Erdinger Zuschauern Bezirksliga-Fußball anzubieten, „sondern, dass sie die eigene Jugend spielen sehen“, so Köppen, der klarstellt: „Wir werden kein externes Geld reinhauen. Aber wir wollen natürlich auch unsere Talente nicht verlieren. Um die werden wir kämpfen.“
Wer ist überhaupt ein Erdinger? Aupperle und Sattelmayer, die inzwischen in der Semptstadt wohnen, aber ihre sportliche Blütezeit woanders verbracht haben? Oder jene JFG-Spieler mit dem FCE als Stammverein, die aber in der Jugend auch schon woanders gespielt haben? „Natürlich ist Tobi Bartl ein Erdinger, auch wenn er in Kirchasch wohnt und dort in der E-Jugend gespielt hat“, meint Köppen. Das gleiche gelte für den Forsterner Maxi Buchauer, der seit der C-Jugend in Erding kickt. Andere wieder, wie die Erdinger Cay-Brüder, sind nach ihrer Zeit in Unterhaching und Freising wieder zu ihrem Heimatverein zurückgekehrt.
Gemeinsam mit den Bucher- und Geigerseder-Brüdern sowie Hannes Dornauer stehen sie für den Neubeginn, der so verläuft, wie es Spielertrainer Aupperle vorausgesagt hat: mit vielen Höhen und noch mehr Tiefen, weshalb das Team der Hochbegabten nur auf Platz 13 der Bezirksliga steht – ein direkter Abstiegsplatz.
„Wir hatten einen sehr guten Start“, erinnert sich Köppen. Und damit meinte er nicht nur die Punktausbeute (zwei Siege, zwei Unentschieden in den ersten vier Spielen), sondern auch das Engagement der Spieler in beiden Teams.
Aber dann kam der angekündigte Durchhänger. „Da hat’s bei manchem an der Disziplin gefehlt. Wir haben innerhalb von wenigen Wochen mehrere Rote Karten kassiert“, kritisiert Köppen. Übrigens nicht nur von übermotivierten Jungspunden. In den folgenden „Sechs-Augen-Gespräche“ hätten die Rotsünder zu spüren bekommen, das der so verständnisvolle Spielertrainer nicht für alles Verständnis hat, lässt Köppen durchblicken. Über umstrittene Schiedsrichterentscheidungen und unglückliche Niederlagen wolle er aber nicht reden.
Die Talfahrt habe das Team nun eben in diese Situation gebracht, aus der sie jetzt wieder rausmüsse. Und das ohne zusätzlich Hilfe. Die von Aupperle zum Ende des vergangenen Jahres angekündigten Neuzugänge (wir berichteten) werde es nicht geben, sagt Köppen. „Der Kader bleibt, wie er ist.“ Allerdings könne nun Aupperle, der sich über ein Jahr mit Verletzungen rumplagte, wieder voll eingreifen. Mit den Münchnern Ediz Alci und Nicola Mavracic verfüge der FCE zwar über zwei gute Innenverteidiger. Aber verletzungs- oder berufsbedingt müsse immer einer passen.
Und außerdem: Aupperle hat einst bei Großaspach in der 3. Liga gespielt. „Er kann ein Spiel super lesen. Die Leute hören auf ihn“, schwärmt Köppen, der sich auch auf die Rückkehr von Torjäger Bartl nach dessen mehrmonatigem Asien-Aufenthalt freut. Der einzige echte Neuzugang Christian Baumgartner (FSV Steinkirchen) sei eher für den Kader der Zweiten in der A-Klasse eine Verstärkung.
Wie schwer ist es überhaupt, Spieler zum FCE zu holen? „Wir haben mit Fabian Aupperle und Matthias Kurz zwei Trainer, die gute Kontakte haben und deren gute Arbeit bekannt ist“, erklärt Köppen. Außerdem kämen immer wieder mal Männer, die es beruflich nach Erding verschlagen hat, zum Probetrainng. „Und auch für Flüchtlinge, die bei uns kicken wollen, ist die Tür immer offen“, erklärt Köppen. Auf dem Transfermarkt aber spiele der FCE keine Rolle mehr, denn, so erklärt der Erdinger Fußballchef: „Wir haben beim Geld klare Linien. Es gibt für Spieler keine Gehälter, sondern ausschließlich Punktprämien.“
Ehemalige Bayernliga-Spieler lockt man so nicht nach Erding, aber das scheint dem örtlichen Publikum egal oder sogar gerade recht. „Es kommen jetzt wieder Zuschauer, die wir längere Zeit nicht gesehen haben“, erzählt Köppen. Vor allem anfangs seien die Zahlen nach oben gegangen. Im tristen Herbst seien es dann weniger gewesen. Fazit: 100 bis 150 Zuschauer im Schnitt seien „keine extreme Explosion. Aber bis die Zuschauer mitkriegen, wie sehr sich die Jungs mit dem Verein identifizieren, dauert es halt“, sagt Köppen, der seine beiden Trainer in den höchsten Tönen lobt.
Kurz sei ein noch sehr junger Spielertrainer, der es schnell geschafft habe, aus der Zweiten einen eingeschworenen Haufen zu machen. Trainiert werde zwar getrennt, aber inzwischen seinen Erste und Zweite wieder ein gemeinsames Team, das auch außerhalb des Fußballs viel gemeinsam unternehme. Und Aupperle? Ein Glücksfall, „der hier eine komplett neue Mannschaft aufgebaut hat, sehr gute Arbeit leistet, mit den Jungen viel redet und – wenn er wieder spielen kann – die Mannschaft sportlich stabiler macht“, sagt Köppen, der den Coach über die Saison behalten möchte. „Nach der Vorbereitung – das ist bei uns so üblich – werden wir das Gespräch führen.“
Spieler aus der eigenen Jugend: Timo Dörhöfer, Paul und Robert Bucher, Kaan und Mehmet Cay, Sebastian Hinz, Hannes Dornauer, Markus Ianos, Sebastian Herrmann und Eddy Ryan.
Wohnhaft in Erding, aber nicht aus der eigenen Jugend: Sebastian Sattelmayer, Fabian Aupperle, Markus Lehmer, Stefan Weiß.
JFG-Spieler mit Wurzeln in anderen Vereinen: Marco Bertsch (FC Moosinning), Tobi Bartl (SC Kirchasch), Dominik und Marcel Geigeresder (VfB Forstinning). Maxi Buchauer (FC Forstern), Markus Egner (DJK Ottenhofen).
Auswärtige Spieler: Nikola Mavracic (Hallbergmos), Ediz Alci, Denis Aksoy (beide München).