2026-03-10T10:11:42.421Z

Interview

"Ich fühle mich pudelwohl"

Eine schwere Aufgabe übernahm Roy Beck beim Landesklasse-Absteiger SV Blau-Weiß Niederpöllnitz.

von Harry Suhr // SV BW Niederpöllnitz · 16.11.2023, 08:00 Uhr · 0 Leser
– Foto: Gerhard Suhr

Nach einigen Startschwierigkeiten hat der erfahrene Coach seine Jungs auf Kurs gebracht und spricht im Vereinsinterview über die Mannschaft, Saisonziele und die bisherige Saison...

Das Interview führte Harry Suhr

Hallo Roy, zunächst die wichtigste Frage: Wie geht es dir? Unter der Woche warst du ja krank, so dass Kapitän Lukas Müller das Training übernehmen musste.
Roy:
Hallo Harry. Vielen Dank für deine Anfrage. Es geht mir jetzt wieder gut. Ich hatte zusammen mit meiner Frau eine starke Erkältung und Corona. Es hat sich aber seit Mittwoch stetig verbessert, so dass ich gestern zum Altenburg-Spiel wieder an der Seitenlinie stehen konnte.

Du bist nun rund 120 Tage im Amt. Am 11.07. hast du als verantwortlicher Übungsleiter das Training einer Mannschaft übernommen, die wie ein Überraschungs-Ei daherkam: etliche Abgänge von Leistungsträgern und jede Menge Zugänge aus der 1. Kreisklasse mussten in der Kreisoberligasaison doch erst einmal für Bauchschmerzen gesorgt haben, oder? Was war dein erster Eindruck vom Verein, vom Umfeld und der Mannschaft?
Roy:
Den Verein kenne ich ja schon lange. Da ich seit 2006 Trainer bin, war ich ja auch des öfteren schon zu Gast da. Kontakt und Anfragen von Steffen Rüdiger und Marcel Peters hatte ich in den letzten Jahren, wir waren nur noch nicht zusammen gekommen, weil ich noch als Trainer bei der Wismut tätig war.
Positiv überrascht war ich vom Umfeld. Es ist sensationell wie hier jeder völlig uneigennützig mit anpackt und Aufgaben übernimmt. Es ist eine große Gemeinschaft und ein starker Zusammenhalt. Torwarttrainer, Mannschaftsleiter, Mannschaftsbetreuer packen alle mit an, damit alles reibungslos funktioniert. Ich kann mich völlig auf die Aufgabe als Coach konzentrieren. Dass hatte ich so noch nie. Ganz große Klasse und ganz großen Dank an unsere Helfer!!!
Große Bauchschmerzen hatte ich nicht, was die Mannschaft betrifft. Die Jungs sind Fussballer mit viel Herz und haben viel Charakter. Dass passte schon. Schwierig ist es eher, aus Spielern mit einem doch unterschiedlichen Niveau eine Mannschaft zu formen. Dass war am Anfang noch etwas holprig, aber jetzt sind wir auf einem guten Weg.
Gegen Eurotrink geriet BW am ersten Spieltag unter die Räder. Jonas Fritzsche schoss das Ehrentor.

Damals hast du es als „spannende Aufgabe“ bezeichnet, „junge Spieler heranzuziehen“. Tatsächlich war zum letzten Landesklassenspiel (Weimar 3:4) der Altersdurchschnitt 32,4 Jahre. Nur 7 Wochen später, beim 1:7 gegen Eurotrink stand eine Mannschaft auf dem Feld, die 25,9 Jahre alt war. Wer von den jungen Wilden hat dich bisher am meisten überzeugt?
Roy:
Ich finde es grundsätzlich wichtig, junge Spieler aus den eigenen Reihen heranzuziehen. Sie können sich am Besten mit dem Verein identifizieren und ihn für die nächsten Jahre prägen. Den größten Sprung haben bisher Niels Vogel und Fabian Sindermann gemacht. In den letzten 3 Monaten haben sie einen großen Schritt nach vorne gemacht in ihrer Entwicklung als Spieler. Sie sind mittlerweile Stammkräfte. Aber auch Richard Hilbert kommt immer besser zurecht. Bemerkenswert finde ich, dass er zusätzlich zu den Trainingseinheiten zweimal die Woche mit Steffen Rüdiger Einzeltraining macht, um sich noch mehr zu verbessern. Dass ist ganz stark!! Nils Schmeisser ist leider nach München gezogen wegen des Studiums, aber er kommt trotzdem zu den Spielen und spielt mit, wenn er am Wochenende mal nach Hause kommt. Tim als Torhüter hat auch einen qualitativen Sprung nach vorne gemacht. Dass gezielte und verbesserte Torwarttraining zahlt sich aus. Einzigst auf den Wiedereinstieg von Luca Aulich warte ich noch. Ich hoffe, dass er zur Wintervorbereitung dann aktiv wieder dabei ist.
Ganz wichtig ist mir noch zu erwähnen, dass Jonas Fritzsche auch ganz klar auf dem guten Weg nach vorne war. Leider hat die schwere Knieverletzung diesen Aufwärtstrend erstmal beendet. Wir alle hoffen, dass Jonas so schnell wie möglich wieder mitmachen kann. Aber erstmal soll er in Ruhe Reha machen und zu 100 Prozent wieder fit werden.
Richard Hilbert ist einer jungen Wilden, die immer besser KOL können. Auch beim letzten 2:1-Sieg gegen Altenburg zeigte er eine gute Leistung.

Als eines deiner Saisonziele hast du herausgegeben, „so früh wie möglich nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben“. Sind wir auf einem Weg, der deinen Vorstellungen entspricht?
Roy:
Wir sind auf dem richtigen Weg, Harry. Es ist nicht ganz meine Philosophie, so Fußball zu spielen. Aber als Trainer muss man auch seine Philosophie der Mannschaft anpassen und dass funktioniert immer besser.

BW war etliche Spieltage die Schießbude der Liga. Es war ja nicht nur das Auftakt-1:7, es war auch das unglaubliche 1:6 gegen Aufsteiger VfL oder das 1:4 gegen Rasensport Altenburg. Und auch das 0:3 gegen Roschütz war wieder ein Schritt zurück. Machen wir zu einfache Fehler oder siehst du andere Gründe?
Roy:
Natürlich sehe ich verschiedene Gründe. Man muss auch jedes Spiel für sich betrachten.
Gegen Eurotrink war es schwer, weil wichtige Spieler gefehlt haben. Es war für viele Spieler das erste Spiel in der KOL. Eine Halbzeit haben wir gut gegen gehalten, danach sind wir leider eingebrochen. Gegen den VFL war es ein kollektiver Blackout. Den Gegner unterschätzt, Warnungen ignoriert, viel zu hoch verteidigt. Aus diesem Spiel haben wir die richtigen Schlüsse und Veränderungen der letzten Wochen gezogen. Beim RSV Altenburg waren wir mindestens gleichwertig. Wir haben unsere Chancen nicht genutzt, der Gegner am Ende schon. In Roschütz dürfen wir nie verlieren. In der 1. Halbzeit müssen wir 3 Tore machen, dann passiert auch nichts mehr. 2.Halbzeit dann verkrampft, unkonzentriert, zu früh aufgemacht und zweimal ausgekontert. Roschütz war nicht besser, nur cleverer. Natürlich machen wir noch einfache Fehler. Dass ist aber auch menschlich. Wir haben junge Spieler, die letzte Saison noch 1.Kreisklasse gespielt haben. Es ist ein Lernprozess und die Jungs müssen auch Erfahrungen sammeln. Deshalb müssen wir da auch geduldig sein.
"Kollektiver Blackout" gegen den VfL Gera. Auch der Einsatz von Niels Vogel konnte die 1:6-Niederlage nicht verhindern.

„Guten und attraktiven Fußball zu spielen“ – das war Roy Beck vor 120 Tagen. Ich denke, in einigen Spielen haben das unsere Jungs auch hervorragend umgesetzt. Hinzu kommt, dass unser Kapitän wie befreit auftritt und laut diversen Internetplattformen an der Spitze der Torjäger steht – allerdings unter Berücksichtigung des Köstritz-Spieles. Was kennzeichnet die erfolgreiche Niederpöllnitzer Mannschaft?
Roy:
Wir haben wirklich in einigen Spielen attraktiven Fussball gezeigt und man konnte erkennen, welches Potenzial in der Mannschaft steckt.
Lukas Müller ist unglaublich!! Es freut mich wirklich sehr für ihn, dass er in diese erfolgreiche Spur zurück gefunden hat, die er vor Jahren schon mal hatte. Seit dem Weggang von Rico konnte er in die zentrale Stürmerrolle zurückkehren und dass liegt ihm einfach. Ich schenke ihm und Paul Menzel sehr großes Vertrauen beim Führen der Mannschaft und sie zahlen es mit sehr guten Leistungen zurück. Klasse!!!
Blühte in dieser Saison wieder richtig auf und ist in der Torjägerliste ganz vonr dabei - Kapitän Lukas Müller.

Zusammenfassend: Wie fällt deine Analyse der nun fast gespielten ersten Halbserie der Meisterschaft aus?
Roy:
Es war sehr durchwachsen, am Anfang noch holprig. Aber wir haben uns immer besser als eingeschworener Haufen zusammen gerauft. Ich hatte versprochen bis zur Winterpause 20 Punkte zu holen. Wenn ich Bad Köstritz mitzähle, hätten wir jetzt 19 Punkte. Also wir liegen gut im Soll. Natürlich ist immer Luft nach oben für Verbesserungen. Aber wie tun gut daran bei unserem Weg zu bleiben und der lautet: step by step.

Welche Schwerpunkte setzt sich das Trainerteam, denn wir wollen ja auch nicht den neuen Torwarttrainer Ronny Giesemann vergessen, für die nächsten Spiele? Wird es Ergänzungen im Kaderbereich geben? Und was möchte Roy Beck den Fans sagen?
Roy:
Zum ersten Punkt: Nicht nur Ronny ist Torwarttrainer auch Thomas Hörteis kam als Torwarttrainer dazu. Beide unterstützen mich beim Training und kümmern sich speziell um den torwartspezifischen Part des Training, was auch bei Tim Engelbrecht in seiner Leistungssteigerung zu sehen ist. Natürlich arbeiten wir stetig an unseren Stärken und Schwächen.
Thomas Hörteis kam während der Saison und ist - wie das ganze Funktionsteam - ein unterstützender Faktor des Coaches
Kader: Beim meinem ersten Gespräch mit Steffen und Frank wurde mir von einer Kaderstärke von 22-24 Spielern erzählt. Dies stellte sich ganz schnell als unrealistisch dar. Es waren dann doch nur ca. 16 Spieler. Dass ist natürlich nicht ausreichend für eine ganze Saison. Wir haben 2 Spieler mit Kreuzbandrissen. Wir müssen also zur Winterpause etwas tun um noch Spieler zu holen. Dass machen wir aber intern und mit Bedacht. Die Spieler müssen zu uns passen, jung sein und eine gewisse Grundqualität haben. Darauf würden wir aber genauer eingehen, wenn Spieler fest da sind und wir sie vorstellen.
Für die Fans: Ich finde es absolut spitze, wie ihr uns zu jedem Spiel unterstützt. Lasst uns weiterhin die Ruhe bewahren und die Jungs sich weiter entwickeln,dann werden wir alle zusammen noch viel Freude haben. Generell fühle ich mich pudelwohl bei euch. Danke nochmal an dieser Stelle für die herzliche Aufnahme!!!
Die BW-Fans sind ein dankbares Publikum und motivieren ihre Jungs bei allen Spielen.

Ach ja: In einigen Lige ist es ja Sitte, dass man als Neuling in der Kabine ein Lied singen muss. War das bei dir der Fall und wenn nicht – auf welchen Song dürften sich die Kicker nachträglich freuen?
Roy:
Ich musste nicht singen. Glücklicherweise. Ich könnte unter Alkohol singen, aber ich glaube, dass will keiner. Lach!!!

Danke für das Interview, Roy und weiterhin viel Erfolg!