
Als Kilic zum ersten und vorerst letzten Mal dort war, stellte er eine große Sporttasche ab. Er kam direkt vom Flughafen. Kilic hatte seinen Urlaub in der Türkei abgebrochen, nachdem er die Einladung für ein Bewerbungsgespräch bei der Alemannia bekommen hatte. Er wollte diese Chance nicht verpassen. Als er das Kasteel eine Stunde später verließ, informierte er seine Familie telefonisch, dass der Regionalligst einen neuen Cheftrainer hat. Das war in den letzten Tagen des Jahres 2015, am 1. Januar 2016 trat er sein Amt an, und weil der Verein seinen Trainer seitdem nicht mehr austauschte, wird der 46-Jährige nun Rekordhalter: Kilic ist der Trainer mit der längsten durchgehenden Amtszeit am Tivoli.
Der 1. Januar ist sein Tivoli-Tag 1461. Kilic überholt damit Hermann Lindemann, der die Trainerkabine vom 1. Juli 1951 bis zum 30. Juni 1955 belegte, um einen Tag. Der unvergessene Werner Fuchs war insgesamt länger am Tivoli, aber er brauchte dafür zwei Amtszeiten. So lange wie Kilic haben sie bei der Alemannia noch keinen Trainer durchgehend im Amt gelassen. 1461 Tage sind eine bemerkenswerte Bilanz für einen Verein, der in den vergangenen Jahren die sportlich Verantwortlichen so regelmäßig wie seine Trikots wechselte. „Ich bin – ehrlich gesagt – schon stolz auf diesen Rekord“, sagt Kilic. „Es ist ungewöhnlich, über einen so langen Zeitraum das Vertrauen geschenkt zu bekommen. Es passt einfach.“
Damals in der Weinbar war Kilic der letzte Kandidat. Der heutige Chefscout von Eintracht Frankfurt, Ben Manga, hatte Alemannias Sportdirektor Alexander Klitzpera den Namen zugesteckt, eine Art Geheimtipp. Manga und Kilic waren sich häufiger begegnet, sie schätzen sich sehr. Kilic jedenfalls überzeugte den Vorstand mit seinem Temperament und seinem Jugend-forsch-Konzept.
Der Verein erlebte damals wieder einmal komplizierte Zeiten. Trainer Christian Benbennek musste nach nur fünf Monaten seine Sporttaschen wieder packen, das Publikum murrte, drei Spieler wurden suspendiert, weil sie einen Aufstand organisiert haben sollten. Der eher unbekannte Kilic jedenfalls stand aus Sicht des Vorstands für den nächsten Neustart. Und so fiel das Votum für den Kandidaten einstimmig aus. Auf der Zielgeraden im Kasteel war Kilic noch an Stefan Emmerling vorbeigezogen, auch der war damals einer der Kandidaten. Der Ex-Profi mit Tivoli-Vergangenheit zog weiter, Emmerling hat in den vergangenen vier Jahren vier neue Arbeitgeber gefunden, Trainer sind in der Fußballbranche Wanderarbeiter, die bei ausbleibendem Erfolg schnell geopfert werden von Vorständen, die sich von solchen Maßnahmen immer Ruhe versprechen.
Kilic dagegen hat den Verein auch in turbulenten Zeiten durchaus beruhigt. Im Sommer 2017 stand zwar die Trennung bevor, als der Klub erneut in eine Insolvenz geschlittert war. Die Fans aber machten sich stark für den Trainer, und schließlich beugte sich auch der Insolvenzverwalter dem Druck der Kurve. Kilic gehört zu den wenigen Trainern, die vom Fanvolk verpflichtet wurden. „Der Zuspruch in dieser Phase war einzigartig“, erinnert er sich. Der Verein hat sich in seiner Ära stabilisiert, schlechter als Platz 7 schnitt das Team in der Regionalliga nie ab, obwohl einmal sogar neun Punkte abgezogen wurden.
Dass sich zum Ende des ersten Halbjahres in dieser Saison die Enttäuschung eingenistet hat, hat auch mit der neuen Fallhöhe zu tun. Die Mannschaft hat im Sommer den Pokal des Fußballverbandes Mittelrhein geholt, sie ist erstmals nahezu komplett zusammengeblieben, sie hat höhere Ziele formuliert. Bislang ist die Saison unbefriedigend verlaufen, „gerettet“ werden kann sie mit einer stabilen Rückrunde und dem erneuten Pokalgewinn.
Vor einem guten Jahr hat Kilic selbst den kommenden Sommer als seine „Deadline“ für die Regionalliga herausgegeben. „In die Alemannia habe ich mich quasi verliebt“, sagt er. Eine Liebe für diese merkwürdige Regionalliga dagegen ist bei ihm nie erwacht. Im Sommer ist Schluss, sofern es mit dem Aufstieg nicht klappe, hat er gesagt. Bleibt es bei der Zielmarke? Schon in den ersten Januartagen steht ein perspektivisches Gespräch mit dem Vorstand an. „Mein Entschluss ist klar“, sagt er, „aber ich werde diesem Gespräch nicht öffentlich vorgreifen.“
Die Wege werden sich vermutlich im Sommer nach langen viereinhalb Jahren dann trennen, wenn der Vertrag ausläuft. Bis dahin aber, will er mit seinem manchmal schwer zu bändigen Ehrgeiz den Trainerrekord bei Alemannia Aachen weiter ausbauen.