
Am Sonntag erwartet Kreisligist SV Haselbachtal ab 15 Uhr auf dem Sportplatz in Reichenbach die SG Oßling/Skaska. Eigentlich eine Partie, die keinen vom Stuhl reißt, denn der Tabellenneunte trifft auf den Zwölften. Doch diesmal ist alles anders, denn Ex-Dynamo Andreas „Meppe“ Wagenhaus ist vor Ort. Und der 51-Jährige kommt nicht als Ehrengast. Fast unbemerkt hat der SVH den ehemaligen Bundesliga-Profi als Trainer verpflichtet.
Mario Wehnert, rühriger Fußballchef der Haselbachtaler: „Wir haben die schlechteste Herbstrunde seit 2002 gespielt und waren mit nur zehn Punkten in die Winterpause gegangen. Wir mussten handeln.“ Und der Landesliga-Schiedsrichter ergänzt: „Andreas Wagenhaus ist seit dem 1. Januar unser Trainer und hat einen tollen Start hingelegt.“ Dreimal trat der SV Haselbachtal in diesem Jahr auswärts an, gewann beim Thonberger SC (2:0), in Großröhrsdorf (2:1) und schaffte ein 2:2 beim Tabellendritten in Arnsdorf. „Sieben Punkte aus drei Partien sind schon in Ordnung“, sagt Wagenhaus gelassen und schmunzelt.
Offensichtlich kommt der sportliche Aufschwung für den vierfachen Familienvater nicht sehr überraschend. „Ich hatte Haselbachtal im letzten Punktspiel vor der Winterpause gesehen. Das Spiel ging mit drei Toren Differenz verloren und ich habe den Verantwortlichen gesagt, dass das eine völlig unnötige Niederlage war. Die haben nicht schlecht gestaunt, aber ich wusste, dass in der Truppe viel mehr Potenzial steckt, als es der Tabellenplatz aussagte.“
„Inzwischen“, so der neue SVH-Coach, „läuft eigentlich schon die Vorbereitung auf die neue Saison“. Drei Sommer-Neuzugänge stehen bereits fest. Und natürlich bleibt „Meppe“ Wagenhaus das Zugpferd. Unter dem ehemaligen eisenharten Vorstopper zu trainieren, der 50 Bundesligaspiele für Dynamo Dresden absolvierte und später in der Türkei und der Schweiz aktiv war, ist für junge Kicker ganz sicher etwas Besonderes.
Warum es um „Meppe“ so lange Zeit ruhig war, lässt sich einfach erklären. „Wir haben viele Jahre in Österreich gelebt, sind erst im Herbst 2015 wieder in die Heimat zurückgekehrt“, erzählt der 1,87-Meter-Hüne, der als Monteur bei Möbel Höffner arbeitet und dessen Eltern immer noch in seinem Geburtsort Naumburg leben. „Nach jedem Besuch gab es Tränen. Es war wirklich an der Zeit, wieder nach Hause zu kommen.“ Zumal seine Frau Janine, die er 2011 heiratete, aus der Kamenzer Gegend stammt und hier auch eine neue berufliche Herausforderung fand.
Zu Dynamo war Andreas Wagenhaus 1989 gewechselt. Er kam vom Halleschen FC. Ein Wechsel, der in der Saalestadt wenig Freude auslöste. „Ich wollte unbedingt nach Dresden, für mich war das der geilste Verein.“ Mit Trainer Eduard Geyer und Dynamos Clubchef Bernd Kießling hatte er alles klar gemacht. Auch sein HFC-Mitspieler Dariusz Wosz sollte mit in die Elbestadt umziehen, „aber die SED-Politiker in Halle drehten am Rad“, erinnert sich Wagenhaus. „Die Eltern von Dariusz hatten einen Blumenladen. Der sollte bei einem Wechsel innerhalb von 24 Stunden geschlossen werden. Und man drohte der Familie, dass sie nach Polen zurückkehren müsse.“
Wosz blieb in Halle, Wagenhaus spielte fortan für Dynamo. Er wurde mit den Dresdnern DDR-Meister und -Pokalsieger, schaffte mit den Schwarz-Gelben 1991 die Qualifikation zur 1. Bundesliga. Und er bestritt die letzten drei Länderspiele unter „Ede“ Geyer für die DDR, stand dabei unter anderem mit Matthias Sammer, Jörg Stübner, Heiko Scholz und Detlef Schößler auf dem Platz.
„Meppe“ – den Spitznamen bekam er von einem seiner ersten Übungsleiter in Naumburg verpasst, musste in seiner ersten Bundesligaserie unfreiwillig lange pausieren. Im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt hatte er Andreas Möller von den Beinen geholt und wurde für acht Pflichtspiele gesperrt. Aber Wagenhaus ließ sich nicht verbiegen und stand auch seinen Kollegen zur Seite. „Wir spielten in Leverkusen. Mein Gegenspieler Heiko Herrlich sah die Rote Karte wegen eines Kopfstoßes. Aber er hatte mich gar nicht getroffen und ich habe das öffentlich gemacht. Er wurde freigesprochen.“
Seinen großen Traum, einmal in England zu spielen, konnte sich Andreas Wagenhaus nicht verwirklichen, „obwohl sich Trainer Klaus Sammer damals für mich stark machte“. Er durfte in der Winterpause zu Norwich City zum Probetraining, „aber Präsident Rolf-Jürgen Otto ließ mich nicht ziehen“. Später musste „Meppe“ gehen: für 1,2 Millionen D-Mark zu Fenerbahce Istanbul. „Das war ein total verrücktes Jahr in der Türkei.“
Wagenhaus spielte danach noch für Waldhof Mannheim, für den FC Gossen (Schweiz) und den VfL Halle 96. Nach einem Kreuzbandriss landete er zur Reha am Bodensee. Und blieb. „Ich habe bis 2010 noch aktiv gespielt. Nach der Geburt meiner Tochter Kim Janine hat meine Frau dann aber ein Machtwort gesprochen“, erzählt er lachend. Als Trainer in Krumbach und Doren blieb er dem Fußball aber treu.
Nun also der SV Haselbachtal. Die „Regierung“ hätte ihm sofort grünes Licht erteilt, meint Andreas Wagenhaus mit einem Augenzwinkern. „Wir trainieren zweimal in der Woche, da kommt das Familienleben nicht zu kurz. Zumal meine Frau den Fußball auch liebt.“ So ist die Familie, wenn es die Zeit erlaubt, in Dresden als Zuschauer dabei und fiebert dem Zweitligaaufstieg der Dynamos entgegen – im K-Block! „Ich weiß, dass mir als ehemaligen Bundesligaspieler eine VIP-Karte im DDV-Stadion zusteht. Aber wir sind meist vier Leute, und es macht einfach Spaß, im Fanblock mitzufiebern.“ Wer „Meppe“ in diesen Tagen erlebt, spürt sofort, dass der Ex-Profi authentisch ist. Und man kann dem SV Haselbachtal nur gratulieren, dass ihm dieser Coup gelungen ist.