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Allgemeines

Ehrgeizige Sorben

Bei der Europameisterschaft der nationalen Minderheiten in Südtirol haben die Teams der Männer und Frauen in der Vorrunde lösbare Aufgaben.

von Christian Kluge · 31.05.2016, 09:22 Uhr · 0 Leser

In zweieinhalb Wochen beginnt in Südtirol die Europeada. Bei der Europameisterschaft der autochthonen nationalen Minderheiten gehen die Lausitzer Sorben bei den Männern mit ihrer Wubranka zum dritten Mal an den Start. In sechs Vorrundengruppen sind insgesamt 24 Teams dabei. Für die sechs Frauenmannschaften ist das Turnier 2016 die Premiere.

Beim Blick auf die Gegner haben die sorbischen Männer gute Aussichten, die Vorrunde zu überstehen. Im ersten Gruppenspiel trifft die Mannschaft von Auswahltrainer Frank Rietschel am Sonntag, dem 19. Juni, um 17.30 Uhr auf Nordschleswig, also die deutsche Minderheit in Dänemark. Die war bei der Europeada-Premiere 2008 in der Schweiz auch schon am Start, scheiterte allerdings in der Vorrunde, während die Sorben sich in ihrer Gruppe als Sieger durchsetzen konnten.

Danach unterlag die sorbische Wubranka im Viertelfinale den Dänen in Deutschland mit 1:3 und schied damit ebenfalls aus. Die deutsche Minderheit in Dänemark besteht aus rund 20 000 Menschen, wogegen die Sorben in der Lausitz dreimal so viele Angehörige haben, aber dennoch das kleinste slawische Volk in Europa sind.

Große ungarische Minderheit

Am 20. Juni um 16 Uhr geht es für die Sorben in Südtirol mit dem zweiten Gruppenspiel weiter. Gegner ist dann die ungarische Minderheit in der Slowakei, die erstmals dabei ist und rund 450 000 Angehörige hat. Diese Mannschaft heißt „Felvideki Labdarugo Egyesület“. Schwer einzuschätzen, wie stark die Ungarn sein werden. Auf jeden Fall haben sie bei den Spielern wesentlich mehr Auswahl als die Sorben. Berufsfußballer sind bei der Europeada übrigens nicht zugelassen.

Die schwerste Partie dürfte das letzte Vorrundenspiel am 21. Juni um 18.30 Uhr gegen die slowenische Minderheit in Kärnten sein. Dieses Team wurde 2012 bei der Europeada in der Lausitz Vierter. Die vom Nebelschützer Ex-Profi Frank Rietschel trainierten Sorben mussten sich damals erneut im Viertelfinale geschlagen geben. Sie unterlagen in Panschwitz-Kuckau gegen die Roma aus Ungarn mit 0:1.

Chance für zwei Gruppenzweite

Diesmal qualifizieren sich bei den Männern die sechs Gruppensieger und die zwei besten Zweitplatzierten für das Viertelfinale, das am 23. Juni ausgetragen wird. Das wollen die Sorben auf jeden Fall wieder erreichen. Am 24. und 25. Juni folgen dann das Halbfinale und das Endspiel, das um 16 Uhr in Sand in Taufers stattfindet.

Gänzlich anders ist der Spielmodus für die sechs Frauenteams, die in zwei Dreiergruppen aufgeteilt worden sind. Die Sorbinnen treffen in der Gruppe X auf die Sprachminderheit der Okzitanierinnen aus Frankreich und Gastgeber Südtirol. Okzitanisch wird derzeit noch von rund 600 000 Menschen gesprochen. Das erste Spiel gegen die Französinnen steigt am 19. Juni um 11 Uhr. Einen Tag später wartet zur gleichen Zeit Südtirol auf die Wubranka von Trainer Peter Böhmak.

Frauen trainieren schon seit Oktober zusammen

Die zweite Gruppe besteht bei den Frauen zunächst aus den Ladinerinnen. Deren Sprache wird in den Dolomiten noch von rund 30 000 Menschen gesprochen. Dazu kommen die Rätoromanen aus der Schweiz. Die „Las Rumantschas“ kann ihre Auswahl aus rund 40 000 Angehörigen in Graubünden zusammenstellen. Nummer drei ist die deutschsprachige Minderheit in Russland. Dazu zählen immerhin annähernd 600 000 Menschen.

Die beiden Gruppenersten qualifizieren sich für das Halbfinale am 23. Juni. Einen Tag später findet in Olang ab 13 Uhr das Frauenfinale statt. Die Sorbinnen trainieren schon seit Oktober zusammen, absolvierten im Januar ein Trainingslager und vor Kurzem ein Testspiel gegen den Hoyerswerdaer SV 1919 (1:1). Vom 3. bis 5. Juni steht ein Trainingslager in Cottbus auf dem Programm und am 12. Juni ein letztes Testspiel. Frauentrainer Peter Böhmak: „Es ist eine gute Truppe. Alle brennen vor Ehrgeiz und sind heiß auf die Europeada.“

Abschlusstraining in Ralbitz

Die sorbischen Männer waren im Januar im Trainingslager in Rabenberg und spielten danach kurzfristig einen inoffiziellen Test gegen Usti. Am 20. Mai fand ein Auswahltraining mit 17 Spielern statt. Das Abschlusstraining soll am 10. Juni in Ralbitz stattfinden. Vom dortigen Kreisoberligisten sind immerhin acht Spieler für die Wubranka nominiert worden.

Coach Frank Rietschel ist auf jeden Fall optimistisch. „2012 war bei der Europeada in der Lausitz die Ablenkung für die Spieler viel größer“, sagt der Nebelschützer. „Diesmal können wir uns voll auf den Sport konzentrieren!“ Beim ersten offiziellen Test der Wubranka am 25. Mai in Nebelschütz saß Rietschel allerdings auf der „verkehrten“ Bank, denn er betreute sein Team von Landesligist SV Einheit Kamenz. Die Sorben hatten vor rund 150 Zuschauern allerdings noch nicht den kompletten Kader zur Verfügung.

Unter anderem fehlten in der Europeada-Elf noch die beiden Regionalligaspieler vom FC Oberlausitz Neugersdorf, Karl Petrick und Jonas Krautschick. „Ich werde aber wahrscheinlich auch noch Spieler nachnominieren“, sagte Rietschel letzten Mittwoch mit Blick auf die Minderheiten-EM. So holte er inzwischen noch Landesklasse-Spieler Denny Gloxyn von Budissas U 23 ins Boot.

Im Test gegen den Landesligisten konnte die Wubranka um ihren Ralbitzer Abwehrchef Fabian Koreng bis zur Pause ein 0:0 halten. Erst in der 58. Minute gelang es Thomas Pannach, den zur Halbzeit eingewechselten Torwart Christoph Gloxyn mit einem 18-Meter-Schuss zu überwinden.

Peter Domaschke trifft zum 1:1

Die Antwort der Sorben folgte prompt mit dem Ausgleich von Peter Domaschke (Ralbitz/Horka), der von David Jursch (St. Marienstern) vom Flügel aus bedient wurde. Mit zwei Doppelschlägen von Ondrej Novotny (68./70.) und Stefan Höer (71./88.) stellte Einheit Kamenz den 5:1-Endstand her. Rietschel: „Der Test am Mittwoch gegen mein Einheit-Team war wichtig. Die Jungs müssen gefordert werden!“

Nochmals zurück zur Europeada. Insgesamt leben in Europa über 300 Minderheiten in ihren angestammten Gebieten, die rund 100 Millionen Angehörige haben. Bei der Turnierpremiere 2008 waren 17 Teams am Start, 2012 in der Lausitz waren es schon 19 und in Südtirol werden schon 24 Männermannschaften dabei sein. Titelverteidiger sind die Fußballer der deutschsprachigen Volksgruppe aus Südtirol, die sich vor vier Jahren mit 3:1 gegen die Roma aus Ungarn durchgesetzt hatten und auch 2008 in der Schweiz triumphierten (1:0 gegen die Kroaten aus Serbien). Damit gehören die Gastgeber 2016 zu den Favoriten.