
SC Ostseebad Boltenhagen – SG Dynamo Wismar 4:2
Testspiel Saisonvorbereitung 2022/2023
Samstag, 16.07.2022 14:00 Uhr
Sportplatz Boltenhagen
23 Zuschauer
Dynamo. Der erste Gedanke, wenn dieser Vereinsame ins Ohr krabbelt? Klar: Hooligans, Brandstifter, Kindermörder und Frauenschänder, die in blinder Zerstörungswut brandschatzend durch die Lande ziehen und auf ihrem Weg eine Spur des Chaos und der Zerstörung hinterlassen. Und, seid ehrlich, einige von euch haben sicherlich schon die Hand an der rechten Schublade.
Doch Dynamo steht für so viel mehr. Egal, ob es Dynamo Dresden war, deren gesamte Mannschaft komplett nach Berlin delegiert wurde, um den späteren DDR-Rekordmeister BFC Dynamo zu eben jenem zu machen. Der BFC spielt übrigens nicht mit dem sagenumwobenen “D-Wappen” auf dem Trikot, da man die Rechte daran nicht mehr besitzt und nun mit dem Berliner Bären auf der Brust aufläuft. Ein anderes Beispiel ist Dynamo Dresden, die durch den Verlust ihrer Mannschaft schwer zu leiden hatten und nur durch den sagenhaften Einsatz ihrer Fans bis heute als SG Dynamo Dresden im Profifußball vertreten sind. Im Kleineren sind da zum Beispiel Dynamo Schwerin, die nach einer Vielzahl merkwürdiger Fusionen plötzlich wieder da waren und an den Glanz alter Zeiten anknüpfen wollen. Oder Dynamo Eisenhüttenstadt, die seit 1999 auch wieder an den Glanz alter Zeiten anknüpfen wollen. Nicht zuletzt hätten wir die jüngste Reinkarnation eines ehemaligen DDR Clubs: Dynamo Wismar.
Im Rahmen der Wiedervereinigung wurde die 1953 gegründete Sport Gemeinschaft 1990 in PSV Wismar umbenannt. 19 Jahre lang schlummerte Dynamo Wismar unter dem Mantel des PSV, bis sie am 17.04.2009 geweckt wurde. Seit zwei Saisons (wir Fußballfans rechnen nicht in Jahren) gibt es bei Dynamo Wismar auch wieder eine Fußball-Abteilung. Mit dem Mann, der den Verein neugründete stehe ich seit Jahren in Kontakt und nachdem wir bereits vor zwei Tagen bei einem Spiel auf der Insel Poel einen Snak hielten, besuchte ich heute mit der Familie auch endlich ein Spiel der Dynamo Fußballmannschaft.
Der Familienurlaub erlaubte zwar nur ein Auswärtsspiel von Dynamo, aber das stieg dafür immerhin im Ostseebad Boltenhagen. Der Lütte war ganz begeistert von dem Plan, erst das Spiel zu sehen und anschließend an der Ostsee ein Eis zu bekommen.
Der Sportplatz ist für einen Kunstrasenplatz ganz nett. Man betritt ihn quasi an der Stirnseite, an der auch das Vereinsheim thront. Thront ist hier auch genau der richtige Begriff, denn der Platz liegt tiefer, als das Gebäude. Um ihn zu betreten, muss man einige freistehende Metallstufen heruntersteigen. Da der Platz umzäunt ist, muss man zuerst durch eine Tür im Zaun, um auf diese Treppe zu gelangen. Neben dem Einlass hängt ein Schild, welches einem aufzeigt, was auf dem Platz nicht gestattet ist. Neben Dingen wie Kaugummi, etc. war auch ein Fußballschuh mit dem Wappen eines Lausitzer Vereins darauf durchgestrichen. Sehr sympathisch.
Als wir auf der Bildfläche erschienen machten sich noch warm. Animiert von den Kickern auf dem Geläuf, wollte der Nachwuchs auch Fußball spielen. Also holte ich seinen grünen Fußball aus dem mitgebrachten Beutel. Dieser Ball ist wohl eigentlich sowas wie ein Beach-Fußball und wurde von mir einst in einem Supermarkt in Waren an der Müritz gekauft. Dieser Ball war bereits einige Male über diverse Untergründe gejagt worden und war mittlerweile auch so gut wie Luftleer. Trotzdem mochte der Lütte diesen Ball. Leider erregte er auch die Aufmerksamkeit einer französischen Bulldogge, die einem Boltenhagener Vereinsangehörigem gehörte. Das Viech bekam den Ball zwischen die Zähne und damit war das Schicksal des Spielgeräts besiegelt. Im Alter von nicht mal zwei Jahren aber dafür wenigstens im selben Bundesland verließ uns der Ball. Ich machte dem Herrchen keine Vorwürfe, denn ein Hund ist halt auch nur von seiner Natur gesteuert. Trotzdem wäre eine Entschuldigung nett gewesen.
Mit dem Anpfiff wollte ich eigentlich einige Fotos machen gehen, doch seines Balles beraubt, suchte der Sohnemann Papas Aufmerksamkeit. Also wurden die ersten Bilder mit dem Handy und dem Kind auf dem Arm gemacht. Als dem jungen Mann dann zu langweilig wurde, wollte er zurück zu Mama. Die hatte nämlich auch noch ein paar Autos für ihn dabei und mit diesen beschäftigte er sich erst einmal. Ich konnte also meine Kamera ihrer Bestimmung zuführen und bekam direkt das 0:1 für Dynamo vor die Linse. Da ich dabei gerade hinter dem Tor der Gäste stand, nutze ich die Jubelpause, um mit dem Dynamo Keeper über seine Sportbrille zu reden. Ich stand ja selbst Mal zwischen den Pfosten und bekam seiner Zeit so viele Bälle ins Gesicht, dass für mich eine Brille undenkbar gewesen wäre. Aber mein Gesprächspartner versicherte mir, ihm würde das nicht so ergehen und Kontaktlinsen seihen für ihn unbequem. Na gut, dann lag es vielleicht auch mehr an meinen eingeschränkten Reflexen als Torwart. Ich ließ den Mann wieder seine Arbeit machen und knipste noch ein paar Bilder, bis ein lautes Weinen an mein Ohr drang. Zwischen dem Schluchzen wurde immer wieder nach Papa gerufen, was mich meinen Schritt beschleunigen ließ. Als ich wieder am Vereinsheim angekommen war, bekam ich noch mit, wie Dinge wie „blöde Töle“ und „blödes Balg“ gerufen worden. Offenbar hatte der Hund, der auch schon den Ball auf dem Gewissen hatte, meinem Sohne sein Käsebrötchen wegschnappen wollen. Das hatte dem Kleinen Angst gemacht und er war auf Mamas Arm geflüchtet. Als das Vieh dann aber an meiner Frau hochsprang, ließ sie sich dazu hinreißen, den Köter zu beleidigen. Anstatt sich nun aber für den offenbar verzogenen Hund zu entschuldigen, stellte das Herrchen das Verhalten von Frau und Kind in Frage. Dazu muss man wissen, dass mein Sohn keine Angst vor Hunden hat und mit den Hunden in der Familie auch regelmäßig sein Essen teilt. Die Dogge muss ihn also schon sehr bedrängt haben, um diese Reaktion hervorzurufen. Schade, dass manche Menschen nicht reflektiert genug sind, um sich an passender Stelle zu entschuldigen und so, jedenfalls bei mir, für ein negatives Grundgefühl sorgen, wenn ich fortan an den SC Ostseebad Boltenhagen denke.
Als sich der Muschelpo auf meinem Arm beruhigt hatte, war schon Halbzeit und der Kleine wollte wieder Fußball spielen. Da unser Ball kaputt war, durften wir mit der Erlaubnis von Dynamo Präsi Buschi einen Ball aus dem Ballnetz des Teams nehmen. Damit jagten wir dann die Außenlinie eine Weile auf und ab und mir entgingen direkt drei Tore. Dynamo legte kurz vor der Halbzeit nach, aber Boltenhagen egalisierte die zwei Tore Führung innerhalb von zehn Minuten.
Und jetzt wurde es richtig ärgerlich für Dynamo. Die Hausherren erzielten das 3:2 und obwohl Dynamo die optisch überlegenere Mannschaft war, kamen sie nicht zum Ausgleich, sondern fingen sich noch das 4:2. Und dieses Tor hätte echte Chancen auf das Kacktor des Monats. Eigentlich wollte ein Verteidiger den Ball nur zu seinem Keeper zurückspielen. Doch er erwischte die Pille so bescheuert, dass diese im hohen Bogen auf seinen Keeper zukam, noch einmal aufprallte und dadurch komplett unerreichbar für den Torwart im Eck einschlug.
Ich hätte mich sicherlich mehr geärgert, hätte Buschi mir nicht in den Minuten vor diesem Eigentor erzählt, was er noch alles bei Dynamo vorhat. Ich spielte schon mit dem Gedanken, mir hier einen Job zu suchen und ihm bei diesen Plänen zu unterstützen. Zudem könnte der Sohnemann ja direkt den Grundstein für ein Mini-Kicker-Team bei Dynamo legen.
Der Abpfiff riss mich aus diesen Gedanken, denn es musste jetzt alles schnell gehen. Der Sohnemann war erledigt von Tag und hatte nicht vergessen, dass wir ihm noch ein Eis versprochen hatten. Auf dem Weg zum Auto bekam ich von Buschi noch meinen Dynamo-Schal und einen Becher (tausend Dank dafür). Dann ging es mit der Familienkutsche ein paar Meter weiter an den Strand, wo der Lütte und seine Eltern sich ein leckeres Eis gönnten.
Ich freue mich schon darauf, den Dynamo-Haufen bald wiederzusehen.
Auf Dynamo.
der Kutten König