
GROSS-GERAU. Lautstark und wild gestikulierend forderten sie einen Handelfmeter, die Gruppenliga-Fußballer des VfR Groß-Gerau. Auch jene Anhänger der Grün-Weißen, die nahe des Gästestrafraums standen, taten aufgeregt kund, ein Handspiel gesehen zu haben. Schiedsrichter Timo Hager (VfB Ginsheim) bewertete die Szene am Dienstagabend anders und ließ weiterspielen. So rettete Hessenligist SV Rot-Weiß Walldorf einen 3:2-(1:0)-Sieg in Groß-Gerau über die Zeit – und zog in die dritte Kreispokalrunde ein. Erstaunlich, dass der VfR die zwei Klassen höher eingestuften Walldorfer überhaupt ins Wanken bringen konnte. Zumal es der erste Wettkampf des Gruppenligisten seit dem 26. September war, weil er wegen neun Corona-Fällen zwei Wochen lang weder trainieren noch spielen konnte.
Driton Kameraj, Sportlicher Leiter des VfR, gab nach dem Spiel zu, von dem Groß-Gerauer Husarenstück überrascht gewesen zu sein. Nach anfänglichen Problemen, ins Spiel zu finden, sei das Team nach der Pause „auf gleicher Höhe mit Walldorf“ gewesen, sagte Kameraj: „Ich bin stolz auf die Mannschaft, was sie für eine Leistung gebracht hat – nicht nur läuferisch, sondern auch spielerisch.“ Einer der Spieler, die sich mit dem Coronavirus infiziert hatten, war Kamil Kwiaton. Der VfR-Kapitän kam am Donnerstag aus der zweiwöchigen Quarantäne, um an diesem Tag und am Sonntag wieder zu trainieren. „Nach diesen zwei Einheiten war ich platt“, berichtete der 34 Jahre alte Mittelfeldspieler. Anders im Pokalspiel: „Da ging es. Ich weiß nicht, warum.“ Weder verspüre er Atemprobleme noch übermäßige Mattigkeit.
Er, Kwiaton, habe außer Gliederschmerzen eher untypische Corona-Symptome wie Hautrötungen und Quaddeln gehabt. Andere erkrankte VfR-Spieler hätten dagegen tagelang über starke Grippesymptome und über Geschmacksverlust geklagt. Diese Akteure „sind jetzt, nach dem Spiel, total platt – ein bisschen mehr als sonst.“ Dass der VfR dennoch bis zum Schluss das Walldorfer Tempo mitging, den Hessenligisten in der Schlussphase sogar bedrängte, erklärte Kwiaton so: „Da pusht man sich halt hoch.“
Die besonderen Umstände beim VfR seien in der Walldorfer Mannschaft nicht thematisiert worden, erklärte Co-Trainer Marco Wronski. der den verhinderten Chefcoach Max Martin vertrat. Und weil der SV Rot-Weiß viele Fußballer hat, die jenseits des Kreisgebiets wohnen, sagte Wronski: „Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob alle Spieler überhaupt davon wussten, dass Groß-Gerau diese Probleme hatte.“ Das Team habe an die jüngste Leistung in der Liga, dem 2:2 bei Spitzenreiter FC Eddersheim, anknüpfen können.
RWW-Kapitän Christian Matheisen erklärte: „Wir haben uns voll auf uns konzentriert. Wir wussten, was wir auf den Platz bringen wollten – und das war unabhängig vom Fitnesszustand des Gegners.“ Genau das hatte Trainer Martin gefordert. Unbewusst mit abgezogener Handbremse zu spielen, weil der Gegner gehandicapt ist, dürfe nicht passieren: „Sonst fehlt nämlich die Spannung.“
Wronski bedauerte nur die verbesserungswürdige Chancenverwertung seiner Mannschaft in der ersten Halbzeit: „Wir müssen eigentlich mit einem 2:0 oder 3:0 in die Pause gehen.“ Aber es traf nur Manuel Konaté Lueken, der in der 31. Minute von einem halbherzigen Herauslaufen des ansonsten starken VfR-Torhüters Timon Köhler profitierte. Statt die Partie also frühzeitig zu entscheiden, kassierten die Gäste nach einer Ecke den Ausgleichstreffer von Mick Mathes (51.). Auch von der erneuten RWW-Führung, erzielt von Konaté Lueken nach Doppelpass mit Simon Geisler, ließ sich die Heimelf nicht umwerfen. Im Gegenteil, sie bäumte sich auf. Aus einem Walldorfer Ballverlust entstand ein Konter, der mit dem 2:2 von Fabio Polizzi endete (81.).
Kameraj dazu: „Großes Lob an die Mannschaft über die Art und Weise, wie wir da agiert haben und nach einem Rückstand immer wieder zurückgekommen sind.“ Selbst auf das dritte RWW-Tor von Ahmet Dogan (85.) hätte der VfR fast eine Antwort gehabt. Als Torhüter Marcel Czirbus den Ball weit vorm Tor in die Füße von Kwiaton spielte, der den Ball über den Keeper schoss, stand nur Lukas Konietzko dem 3:3 im Weg (90.).
Trotz der Anstrengung war der VfR froh, wieder am Ball gewesen zu sein. Trainer Gaetano Bauso sagte kürzlich: „Wir müssen uns jetzt peu à peu herantasten, wieder in den Rhythmus zu kommen.“