TSV 1860 München II gegen FC Bayern München II
TSV 1860 München II gegen FC Bayern München II – Foto: Christian Riedel / fotografie-ri

Andi Rössl: Der Torwart mit dem Ass im Handschuh

Andi Rössl aus Aschheim über die Launen des Profifußballs

Die Säbener Straße im Herbst 2013: Die Triple-Helden und die Neuzugänge wärmen sich im „Rondo“ auf. Fünf gegen zwei heißt das in der Bayernliga, wo Andi Rössl herkommt. Vor zwei Monaten ist er zum FC Bayern II gewechselt. Und jetzt darf er mit Philipp Lahm, Thiago, Mario Götze und Franck Ribery kicken. Plötzlich ruft Bastian Schweinsteiger zu Hermann Gerland:

Aschheim – Vom FC Ismaning zum Training mit Pep Guardiola und der besten Mannschaft der Welt – das war natürlich ein Highlight“, sagt der heute 33-Jährige. Im Jahr 2021 ist Andi Rössl noch immer beim FCB und trainiert den Torwart-Nachwuchs. Sie sollen profitieren von seinen – in jeder Beziehung sehr umfangreichen – Erfahrungen, die er gemacht hat als Torwart in der Jugend des TSV 1860, als Keeper im Profikader der Blauen und bei der Frankfurter Eintracht und als Leitwolf der jungen, sich stets verändernden Regionalliga-Mannschaft des FC Bayern.

Seine eigene Karriere beginnt allerdings nicht im Kasten. Mit fünf Jahren stürmt er zum ersten Mal im Dress des FC Finsing. Weil er zu den Größten in der Mannschaft gehört, stellt er sich immer wieder mal ins Tor. „Ab der E-Jugend habe ich dann einen Spieltag im Tor und den anderen wieder im Feld gespielt“, erinnert sich Rössl. Beim Hallenturnier des TuS Oberding fällt einem Schiedsrichter das Talent auf.

Der Referee heißt Sebastian Held, der gleichzeitig U 9-Coach beim TSV 1860 ist. „Andi war damals schon ein Torwart vom Typ Manuel Neuer. Er war ein hervorragender Fußballer, der die Bälle von hinten klug rausgespielt hat – ein mitspielender Torwart eben. Wir haben das auch gefördert. Deshalb hat Andi auch seine Spiele im Feld bekommen, wo er dann auch seine Tore gemacht hat“, sagt Held und lobt „Andis sehr gute Einstellung. Auf ihn hast du dich immer verlassen können.“

In Giesing hat der Bub großartige Jahre. 1999 gewinnt er mit den Blauen den Merkur CUP. In der B-Jugend scheitert sein Team erst im DM-Halbfinale im Elfmeterschießen gegen den VfB Stuttgart. Zwei Jahre später gewinnt er mit der A-Jugend das DFB-Pokalfinale in Berlin gegen den VfL Wolfsburg.

Auch der Wechsel in den Herrenbereich funktioniert. Rössl spielt in der Regionalliga-Mannschaft der Löwen und wird immer wieder in den Kader der Profis berufen, die zu dieser Zeit noch in der 2. Bundesliga spielen.

Nach 14 Jahren ist aber Schluss mit Blau. „Ich war fast eine komplette Saison im Kader der Profis. Dann gab es ein paar Meinungsverschiedenheiten mit dem damaligen Torwarttrainer, der mir dann auch zu verstehen gegeben hat, dass er nicht mehr mit mir zusammenarbeiten will“, erzählt Rössl.

Er selbst habe aber auch gemerkt, dass er sich eine neue Herausforderung suchen müsse, „was nach dieser langen Zeit auch der komplett richtige Schritt war“. Und dieser Schritt führt ihn 2010 nach Frankfurt.

Rössl beginnt in der U 23 der Eintracht. Eine viermonatige Zwangspause wegen eines Mittelfußbruchs wirft ihn zurück. Doch der Oberbayer kämpft sich wieder ran und wird nach einer starken Rückrunde die Nummer drei der Torhüter im Profi-Kader. „Das war schon ein Highlight zu wissen nächste Saison mit Spielern wie Alex Meier, Oka Nikolov und Halil Altintop trainieren zu dürfen“, erinnert sich Rössl. Einige Male darf er es dann erleben, „dieses wahnsinnige Gefühl, sich alleine schon in diesem tollen Stadion aufzuwärmen und hautnah dabei sein zu dürfen“, wie er es selbst bezeichnet. Doch spielen darf er nicht. Er leidet von der Bank aus mit. Die Eintracht hat das Siegen verlernt und steigt in die 2. Liga ab.

Danach verändert sich in Frankfurt alles. Trainer Michael Skibbe ist weg. Armin Veh wird sein Nachfolger, Bruno Hübner ist der neue Manager. Und vom unterschriftsreifen Vertrag für Rössl, der schon seit einem halben Jahr in der Schublade des Geschäftsführers gewesen ist, ist keine Rede mehr. „Ich bin nach der Saison nur mit einer Sporttasche nach München gefahren. Ich hatte gedacht, dass sie nach dem Abstieg auf mich als zweiten Torwart bauen“, erinnert sich Rössl später in einem Interview mit der tz.

Er jobbt als Kellner im Hungrigen Herz, wo zum Beispiel Bastian Schweinsteiger öfter zu Gast ist. Und er hält sich beim SV Heimstetten fit, Die Profivereine stehen allerdings nicht gerade Schlange.

Es wird Zeit für einen Plan B. Rössl beginnt ein Studium (Sport und angewandte Trainingswissenschaft) und wechselt in die Bayernliga. Beim FC Ismaning passt alles: Trainer Frank Schmöller und die Mannschaft („Wir waren eine geile Truppe. Alle Spieler waren im gleichen Alter.“). Durch die Ligen-Umstrukturierung rückt der FCI in die Regionalliga auf. Das ist zu hoch für den Verein, der am Ende absteigt, aber nie mehr als drei Gegentore kassiert – das Verdienst des Torhüters. Und das bleibt den Fachleuten nicht verborgen. Der FC Bayern klopft bei Andi Rössl an.

„Als Bub war das eh mein Lieblingsverein“, sagt er heute. Wast Held kann das bestätigen: „Andi war scho a bisserl a Lausbua. Ich glaube, ab und zu hat er unter dem Löwen-Trikot ein Bayerndress getragen,“

Und wie nahmen die Roten den Burschen auf, der 14 Jahre bei den Blauen war? „Da gab es keine Probleme“, erinnert sich Rössl. „Ich war ja mittlerweile schon vier Jahre bei anderen Vereinen. Daher war das so gut wie vergessen bei allen Beteiligten.“ Lachend fügt er noch hinzu: „Da ich damals ja schon um ein paar Jahre älter als ein Großteil der Mitspieler war, hat sich da sowieso niemand getraut etwas zu sagen.“

Mit seinen 25 Jahren gehört er zu den Erfahrenen im Hochtalentschuppen des FC Bayern U23, der Regionalliga-Meister wird und dann ein bitteres Aufstiegsspiel erlebt. Nach dem 0:1 im Hinspiel bei Fortuna Köln führt der FCB im Rückspiel bis in die Nachspielzeit 2:0. Und dann muss der verletzte Rössl miterleben, wie sein Kollege im Kasten patzt.

Der Aufstieg in die 3. Liga hätte natürlich seine eingangs erwähnten Trainingseinheiten mit den Superstars noch übertroffen“, meint er. So sei es einer der bittersten Momente seiner Karriere gewesen. Die anderen waren Verletzungen, „die mich immer wieder Spiele und Trainingseinheiten gekostet haben“. Neben dem Mittelfußbruch in Frankfurt ist es auch noch ein Kreuzbandriss bei den Bayern.

Bei denen er aber auch noch richtig große Spiele erleben darf. Zu den Top Five seiner Karriere zählt er zum Beispiel die Nullnummer im Jahr 2015. Vor 11 000 tobenden Zuschauern im Grünwalder Stadion verzweifeln die Löwen an dem überragenden Bayern-Keeper. Auch ein Jahr später hält er seinen Kasten wieder rein. Wieder ein 0:0. Das Spiel ist brisant, weil kurz zuvor den Löwen-Ultras die Zaunfahne gestohlen worden ist. Bengalos fliegen von einem Fanblock zum anderen. „Das geht gar nicht“, ärgert er sich, aber auf dem Platz bleibt er cool.

Er ist der Rückhalt, den die jungen Spieler brauchen. Er ist laut. „Meine Mutter sagte mal zu mir: ,Mensch Andi, du bist nach jedem Spiel immer so heiser‘“, erzählt er. Aber Spieler brauchen klare Kommandos: die jungen in der Regionalliga, aber auch die Profis, denen der Keeper im Trainingsspiel schon mal zu ruft: „Philipp, rück ein!“ Seine Klarheit schätzen auch seine Trainer im Regionalliga-Team. Es sind Koryphäen wie Heiko Vogel und Erik ten Hag, die sich später als Trainer von Sturm Graz und Ajax Amsterdam in der Champions-League-Quali treffen.

Mit 30 Jahren beendet Rössl seine Karriere, ohne dabei die Handschuhe an den Nagel zu hängen. Denn er hat auch jetzt einen Plan, einen Masterplan. Er trainiert die U 12- bis U 15-Torhüter des FCB. „Es freut mich, dass er sein Fachwissen jetzt weitergibt“, sagt Held. Und Rössl schwärmt vom „absoluten Traumjob“ (siehe Interviewrechts). Er macht gerade seine Torwartrainerscheine. Sein Sportstudium hat er auch abgeschlossen. Und Erfahrung bringt er ja auch genügend mit. Vielleicht erzählt er ja seinen Jungs auch mal die eingangs erwähnte Kellner-Geschichte mit Schweinsteiger und Hermann Gerland. Der hatte das nämlich gar nicht richtig verstanden und hat zurückgerufen: „Was? Der ist ein Kölner?“ Nein, Tiger, Andi Rössl ist Finsinger.

Aufrufe: 022.6.2021, 11:37 Uhr
Fussball Vorort FuPa+OberbayernAutor

Verlinkte Inhalte