
Es gibt einige große Geschichten, die den Mythos von Borussia Mönchengladbach geprägt haben und die Drama-Queen Borussia definieren. Bei den meisten davon war Klub-Ikone Günter Netzer dabei.
Beim Pfostenbruch zum Beispiel, der sich im April 1971 im Heimspiel gegen Werder Bremen ereignete und den Titelkampf jener Saison spannend machte. Oder im Oktober 1971 beim Büchsenwurf, der Gladbach das 7:1 gegen Inter Mailand kostete. Natürlich beim Pokalfinale 1973 gegen den 1. FC Köln, mit Netzers Siegtor nach der Selbsteinwechslung.
Und dann gab es die seltsamen Pfiffe des Schiedsrichters Leonardus van der Kroft beim 1:1 bei Real Madrid am 17. März 1976 – da spielte Netzer allerdings schon für die „Königlichen“. Borussia schoss vor genau 50 Jahren drei Tore im Bernabéu, doch nur eines zählte. So endete das Spiel 1:1 und Real zog nach dem 2:2 im Hinspiel dank der Auswärtstor-Regel ins Halbfinale ein.
Netzer, die ewige Ikone Borussias, war als erster deutscher Spieler zu Real gewechselt. Und dann gab es dieses Skandalspiel. Es gibt ein Foto, auf dem van der Kroft nach einer Entscheidung gestikuliert. Im Hintergrund schaut Netzer betreten zu Boden. Offenbar ist ihm nicht wohl bei dem, was passiert. Unsere Redaktion fragte beim früheren „King vom Bökelberg“ nach. „Wie war das damals, Herr Netzer?“
„Die Borussen haben sehr gut gespielt und haben zwei Tore erzielt, die annulliert wurden. Wir sind damals schon zur Mittellinie gelaufen, weil wir dachten, es sind Tore“, erinnert sich Netzer an die beiden Szenen, die Geschichte schrieben. Erst den Treffer von Henning Jensen, den van der Kroft wegen Abseits einkassierte, und dann das Tor von Hans-Jürgen Wittkamp, bei dem der Niederländer im Vorfeld ein Foulspiel sah.
Schon bei der Auslosung war ihm klar, dass es sehr emotional werden würde. „Ich habe gleich mit Berti Vogts telefoniert. Wir waren beide nicht erfreut darüber, dass es so gekommen ist. Aber wir mussten es professionell nehmen“, berichtet Netzer. Borussias Rekordspieler Vogts war nach dem Geschehen von Madrid erbost. „Der Europapokal ist nichts wert, weil er käuflich ist“, wetterte er nach dem Abpfiff.
Netzer war das Ganze unangenehm. „Ich habe es so gesehen, dass es nicht gerecht war, aber er hat nun mal so entschieden“, sagt er 50 Jahre später. Und spricht von „zweifelhaftem Glück“, das Real hatte.
Am Abend nach dem Madrid-Spiel wurde alles noch mal ausführlich besprochen unter den früheren Teamkollegen. „Die Borussen waren in dem Hotel, in dem ich auch wohnte. Ich habe noch mit Berti und Rainer Bonhof zusammengesessen, sie wussten, dass wir Spieler nichts dafür konnten“, sagt Netzer.
„Es war eine Auslosung, die niemand gebraucht hat, aber das gehört im Fußball dazu. Sportlich war uns in Madrid klar, dass es eine schwere Aufgabe sein würde. Für mich waren die Spiele gegen Borussia daher etwas Besonderes, aber kein freudiges Gefühl“, sagt Netzer.
Als das Spiel vorbei war, fragten die Madrilenen Netzer, ob Gladbach immer so furios spiele. „Als ich sagte, das sei bei drei Vierteln der Spiele so, haben sie es nicht geglaubt“, sagt Netzer. Für ihn hätte es einen besseren Zeitpunkt für den Vergleich gegeben: „Es wäre ein tolles Finale gewesen.“
Das Endspiel erreichte auch Real nicht. Im Halbfinale kam das Aus gegen den FC Bayern, der den „Pott“ dann holte. Auch die Bayern spielten 1:1 in Madrid, siegten aber in München 2:0. Für Paul Breitner, der ebenfalls in Madrid spielte und ein wichtiger Bezugspunkt für Netzer wurde, war das Wiedersehen mit dem früheren Klub allein aus sportlichen Gründen unschön.