2026-05-15T09:36:57.455Z

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Ali Cakici bei Marienborn: Ein Jahrzehnt voller Geschichten

Kuriose Transfers, prägende Sprüche und sportliche Erfolge – Der Trainer hinterlässt beim Verbandsligisten Spuren +++ Vor seinem letzten Heimspiel am Sonntag gegen die TSG Bretzenheim blicken Weggefährten zurück

von Torben Schröder · Heute, 12:00 Uhr · 0 Leser
„Groß, aus Bayern und heißt Lucas“: Lucas Moser (links) war bei TuS Marienborn einer der Neuzugänge unter Trainer Ali Cakici. 	Foto: VRM
„Groß, aus Bayern und heißt Lucas“: Lucas Moser (links) war bei TuS Marienborn einer der Neuzugänge unter Trainer Ali Cakici. Foto: VRM

Mainz. Eine Ära endet. An diesem Sonntag (15.30 Uhr) gegen die TSG Bretzenheim steht Ali Cakici das letzte Mal als Trainer der TuS Marienborn bei einem Verbandsliga-Heimspiel an der Seitenlinie. Ehemalige Spieler erinnern sich an ein Jahrzehnt voller Erfolge und Geschichten.

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Aus Ali wird Kayhan: Cakici in die Bezirksliga? Nach seiner Entlassung beim TSV Schott überrascht der Schritt. Ein gänzlicher Neuanfang soll her. „Bei Schott war er immer der Ali“, erinnert sich Johannes Melchior, „er meinte ganz trocken: In Marienborn bin ich der Kayhan.“

Aufstieg 2016/17: 130 Tore, 81-Punkte-Rekord, direkter Wiederaufstieg. „Der Weg war das Ziel, fußballerische und menschliche Entwicklung“, sagt Frank Berninger. „Kayhan hat uns zu einer Einheit geformt“, sagt Joshua Klüber, „wir waren im Offensiv-Flow, haben richtig geil gespielt.“ Cakici nimmt den Druck, vermittelt Lebensfreude. So werden aus einem Schritt zurück zwei nach vorne.

Alle auf einem Haufen: Enge Räume, schnelle Pässe, so lässt Cakici gern trainieren. Fünf mal fünf Meter, acht gegen acht. „Man sollte trotzdem immer den freiesten Mann finden“, erzählt Etienne Portmann. „Da haben wir uns erst mal dumm angeguckt.“ Mit genauem Blick für’s Zwischenmenschliche – beim Testspiel in Eltville oberkörperfrei mit Obstkorb von einer Wiese aus – pusht Cakici Spieler wie Portmann oder Jonas Hofmann nach gesundheitlichen Problemen zu Topform.

Herbstmeisterschaft 2017: Die Hinrunde beendet die TuS durch ein 3:2 in Oppau an der Tabellenspitze. Präsident Dietmar Hofmann spendiert Rindswürste, das Sieger-Bier steht parat. Eine halbe Stunde vor Anpfiff spielt die TuS noch in Zivil Fußballtennis auf dem Rasen, ehe Cakici in die Kabine bittet.

Vizemeister 2017/18: „Unsere junge Truppe war sehr gut darin, den Schalter vom Lockeren zum Ernsthaften umzulegen“, sah Lukas Harden eine stimmige „Training-Life-Balance“. Ein enger Freundeskreis in Kadergröße ging durch dick und dünn. „Jeder hat das Gleiche verdient, jeder hat sich pudelwohl gefühlt und kam daher individuell auf sein Top-Niveau.“

Cakici schafft mit Marienborn den Durchmarsch

Verbandsliga-Premiere 2018: Zwei Viererpacks gegen Rodenbach führen zum Durchmarsch. Cakici lässt den Reporter mit in die Kabine, ein kollektiver Urschrei schallt durchs offene Fenster quer über die Anlage. „Besonders beeindruckend fand ich seine Ansprachen“, sagt Andreas Klapper. Verrückt, lustig, scheinbar weit weg vom Fußball – und stets hoch motivierend. Der Torjäger holt mit gerissenem Kreuzband den Wein-Nachschub aus dem Bus. Erst im Flieger nach Mallorca setzt der Schmerz ein.

„Erlebnis statt Ergebnis“: Die T-Shirt-Aufschrift steht für Spaßfußball, genauso wie die Mannschaft. „Das war eine richtig schöne Zeit“, sagt Lirion Aliu, „dass all die Jahre so viele zurückkehren, kommt nicht von irgendwo. Kayhan war immer mehr am Menschlichen als am Fußball interessiert.“

Streitfall Gau-Odernheim: Cakici mag den kleinen Kunstrasen am Petersberg – und nennt das Naturgeläuf „Grillplatz“. So manches Verbalduell folgt. Aliu erinnert sich an eine Spielvorbereitung auf dem Kunstrasen, wo Cakici mangels Magnettafel mit Handy, Münzen und Scheinen die Spieler symbolisiert. Heraus springt ein 4:2-Sieg – mit Aliu-Hattrick.

„Trainieren ist für Loser“: „Der Spruch kam super an in der Liga“, lacht Nils Letz. Auch Cakicis Selfie mit der Auswechselbank vor Anpfiff sorgt für manch irritierten Blick. In Berlin vermisst Letz die spezielle Warmmach-Philosophie: „Wir haben immer direkt angefangen zu zocken, und es hat sich nie jemand gezerrt.“

Transfers a la Cakici: „Wir haben noch einen Verteidiger geholt. Der ist groß, aus Bayern und heißt Lucas. Alles weitere bei Freddy.“ Moser heißt der Neuzugang weiter, wie Manager Freddy Schulz nachreicht. Dann beginnt die Pandemie. „Dieser Zusammenhalt hat mir wahnsinnig geholfen, mich direkt zu Hause zu fühlen“, sagt Moser, der auch von Stuttgart aus zu jeder TuS-Weihnachtsfeiern eingeladen wird. Und von Cakici und seinen Töchtern immer zum Geburtstag ein Ständchen geschickt bekommt.

Geisterstunde im Pokal: Es hätte das größte Spiel der Vereinsgeschichte sein können, gegen Drittligist 1. FC Kaiserslautern (0:3) im Verbandspokal. Doch die Pandemie-Regeln erzwingen spontan ein Geisterspiel. Der große FCK-Bus in den engen Marienborner Gassen, die Turnhalle zur XXL-Profi-Kabine umgenutzt. „Es war absurd“, erinnert sich Aliu, „und ohne Zuschauer konnten wir frei aufspielen.“

Torhüter-Rotation: Zwei Freunde, zwei Konkurrenten. Am Samstagmorgen bekommen Johannes Melchior und Timon Hammer eine Kurznachricht vom Trainer: Wer spielt? Mit Fragezeichen, wohl gemerkt. Die Torwartrotation hat Tradition. „Wir waren beide jung, brauchten die Spielpraxis“, sagt Melchior, „Kayhan wollte keinen von uns verlieren.“ Das gibt den Studenten auch Freiheit in der Trainingsbeteiligung.

Vizemeister 2022/23: Die stärkste aller TuS-Saisons ist laut Moser eine Mischung aus individueller Qualität und Teamgeist. Unter elf echten Freunden „fällt einem der entscheidende Extra-Schritt viel leichter“. Cakicis Erfolgsrezept: lange Leine und gutes Timing bei Interventionen. Beim entscheidenden Punktgewinn drei Jahre später trägt er das Relegations-Trikot.

Knabbernder Protest: Rededuelle mit Schiedsrichtern – und Karten – gibt es häufiger. Cakici will sich, Motto „Schnauze voll“, selbst den Mund stopfen und coacht mit Chipstüten. Erster Einwurf, und es tönt mit vollem Mund: „Andersrum!“ Also probiert der TuS-Trainer es mit einem Dialogforum mit Unparteiischen.

Klassenerhalt 2025/26: Während Cakici, 59, bei der dritten Mannschaft mitspielt, sich jeden Freistoß und am Ende die Kapitänsbinde schnappt, sehen vier Marienborner zu, wie die Bretzenheimer Niederlage den Ligaverbleib besiegelt. Und freuen sich auf das Abschiedsderby.