– Foto: Jörn Kutschmann

Advent, Advent bei Hertha ein Lichtlein brennt

Hertha BSC III schlägt Südring am ersten Advent im Kellerduell und lässt so wieder etwas Hoffnung im Abstiegskampf aufglimmen

Hertha BSC Amateure Zwee – BSC Eintracht Südring 2:0

12. Spieltag Bezirksliga Berlin Staffel 2 Saison 2022/2023

Sonntag, 27.11.2022

Sportplatz Lüderitzstraße, Kr 2

120 Zuschauer

Im August 2018, anlässlich unseres achten Hochzeitstages, machten meine Frau und ich eine Reise nach Mailand. In einer dämlichen und arroganten Selbstsicherheit kreuzte ich an diesem Wochenendtrip gedanklich bereits das San Siro. Doch beim Blick auf dem Rahmenspielplan, kurz nachdem Flug und Unterkunft gebucht waren, verwandelte sich das dämliche in ein bitteres Grinsen. Die Serie A startet erst ein paar Wochen nach unserer Reise. Mal wieder total genervt von mir selber, aber mit dem festen Vorsatz trotzdem eine gute Zeit in Norditalien zu haben, ging es über die Alpen.

Auf der Zugfahrt vom Mailänder Bahnhof in die Innenstadt entdeckte ich dann Flutlichtmasten in einem Mailänder Vorort und ein kurzer Check in einer bekannten App bestätigte meine Ahnung: Dort stand ein Stadion und am nächsten Tag sollte tatsächlich auch dort ein Spiel steigen. Also ein kurzer fragender Blick meinerseits und ein leicht genervter, aber verständnisvoller Blick Seitens der Gattin und es war klar: Der Länderpunkt Italien wird im Coppa Italia der Serie C bei Aurora Pro Patria in Busto Arsizio eingetütet.

Die ganze Geschichte rund um ein wirklich spannendes Spiel im Stadio Carlo Speroni gehört jetzt hier eigentlich gar nicht hin, aber die App, die mir auch dieses Spiel hier angezeigt hatte, besitzt noch eine interessante Funktion. Und zwar kann man sehen, welcher App-User noch bei einem Spiel ist. Und bei diesem Kick vor den Toren Mailands war neben mir nur noch ein Fan des AC Milan eingeloggt. Logisch dachte ich mir, eine kleine Visite im Großraum der eigenen Stadt bietet sich für einen Fußballfan ja an.

Irgendwie hatte ich damals noch gedacht, schade, dass man über die App nicht auch schreiben kann. Irgendwie wäre ich mit dem I Rossoneri-Anhänger gerne ins Gespräch gekommen.

Einige Jahreszeitenwechsel später, ich habe das Giuseppe-Meazza-Stadion immer noch nicht besucht, schreibe ich mit einer jungen Dame etwas über Fußball auf Instagram hin und her. Ich erzähle ihr, dass ich gerne einen Banner für die Ama Zwee malen würde. Irgendwas mit der Hertha Fahne und einer Abwandlung des Logos der Sektion Gammelfleisch. Aber meine zeichnerischen Fähigkeiten sind selbst von Malen nach Zahlen überfordert. Sie empfahl mir, sich bei ihrem Freund zu melden. Der sei sehr begabt und würde so etwas gerne machen. Als sie mir seinen Nickname gab, wurde ich stutzig. Mit gekräuselter Stirn öffnete ich die App, die einem Spiele im Umkreis sucht. Und tatsächlich: Der Mailänder, der im August 2018 auch beim Spiel in Busto Arsizio war, sollte mir jetzt die Fahne malen. Witzig, wie klein die Fußballwelt ist. Er war natürlich genauso erstaunt über den Fakt, dass wir schon einmal zur selben Zeit im selben Stadion saßen und malte mir eine grandiose Fahne. Ich übertrug die Vorlage auf Stoff und versah das Ganze mit Farbe. Also jedenfalls die großen Flächen. Die Feinheiten erledigte meine bessere Hälfte und am Ende dieser Geschichte erblickte ein neuer, kleiner Banner das Licht der Welt.

Mit meinem neuen Schmuckstück, ganz viel Hoffnung auf drei Punkte und natürlich der Kamera und dem Hertha-Schal unterm Arm, machte ich mich auf den Weg in den Wedding.

Da die U6 für mehrere Jahre saniert/renoviert/modernisiert wird und ich keine Lust auf einen Schienenersatzverkehr hatte, nahm ich das Auto. Nachdem mir jegliche Klischees über Sonntagsfahrer erneut bestätigt wurden, erreichte ich die Lüderitzstraße. Gekonnt und dann Rückfahrkamera und PDC Sensoren vorne und hinten, quetschte ich den Pampers-Bomber in die Lücke, die gerade Mal 5 cm größer war, als das Auto.

Glücklich über den reibungslosen Tagesablauf bis jetzt lief ich zum Eingang. Meine gute Laune bekam allerdings dort einen kleinen Dämpfer. Zwar begrüßte mich Hertha Kapitän Ferro mit einem geträllerten “Nur nach Hause”, aber in Zivilkluft. Meine erste Sorge, dass er verletzt längere Zeit ausfallen könnte, wich schnell der Erleichterung. “Nur” eine Gelbsperre zwang ihn heute zum Zugucken.

Nun ging die Gefühlsachterbahn aber wieder nach unten, denn damit war er der vierte Stammspieler, der in dieses wichtige Spiel nicht aktiv eingreifen konnte. Die Personaldecke wurde dadurch so dünn, dass Hertha während des Spiels sogar den dritten Torwart im Feld einsetzten musste. Aber so weit sind wir noch nicht.

Erst einmal wurde angeflaggt und „Tach jesagt“. Dann betraten beiden Mannschaften das Feld und ich positionierte mich, wie immer, zum Fotografieren erst einmal auf Höhe der Mittellinie. Doch plötzlich baute sich der Unparteiische vor mir auf und bat mich, bis hinter das Stankett zu treten.

Als ich Teammanager Armin nach dem Spiel davon berichtete, war er fassungslos und bot an, mir ein Foto-Leibchen zu besorgen. Das wäre natürlich cool, aber in der Bezirksliga eigentlich ein bisschen überkandidelt. Ich kenne mich ja da nicht so aus, aber darf der Schiri mich eigentlich so wegschicken und würde ein Dress, welches mich als Fotograf ausweist, dies verhindern?

Ich schlich mich natürlich so oder so wieder an den Spielfeldrand und knipste eine zerfahrene erste Halbzeit. Beide Teams waren natürlich nervös, denn für den Verlierer dieser Partie würde es vermutlich unterm Strich ins neue Jahr gehen. Die Gäste wirkten in der ersten Phase des Spiels etwas überlegen, das erinnerte mich allerdings ein bisschen an die deutsche Artillerie 1918: Sie feuerten zwar aus allen Rohren, trafen aber einfach nichts. Ein guter Abschluss war dabei, aber den kratzte Tolga im Kasten überragend raus. Auf der anderen Seite scheiterte Hertha kurz vor der Torlinie am rettenden Einsatz eines Südring-Abwehrspielers.

Torlos ging es in die Pause, aus der Hertha etwas besser kam. Es dauerte aber bis zur 67. Minute, bis alle Herthaner am und auf dem Platz zweimal kurz hintereinander die Fäuste vor Freude ballen durften. Erst beim Elfmeterpfiff des Schiris und anschließend beim Verwandeln des Strafstoßes durch Ersatzkapitän Sascha.

Es folgte ein kollektiver Blick auf die Uhr. Etwas mehr als zwanzig Minuten noch bis zu den ersehnten drei Punkten. Hertha verwaltete den Vorsprung knapp und als alle langsam mit einem Schlusspfiff rechneten blökte der Mann an der Pfeife etwas von sechs Minuten extra Zeit übers Feld. Woher er die genommen haben will, bleibt sein Geheimnis. Vielleicht ließ er sich von den voluminösen Nachspielzeiten des aktuellen WM-Zirkus‘ inspirieren, was weiß ich.

Die Nerven aller Blau-Weißen lagen bei dieser Zahl natürlich blank. Aber einer hatte einfach keine Lust, auf Nägel kauen. Nämlich Khalil. Der schnappte sich kurzerhand die Pille und nagelte sie aus ungefähr 25 Metern humorlos in den Winkel. Der Wiederholungstäter (er hatte beim 4:4 gegen Preußen II ähnlich schön getroffen) ließ sich für dieses Tor gebührend feiern und kurz danach war Schluss.

Dank dieses Dreiers und der Ergebnisse auf den anderen Plätzen der Liga, klettert Hertha auf den ersten Nichtabstiegsplatz. Dem Jubel folgte ein erleichtertes Durchatmen und beim gemeinsamen Siegesbier in kleiner Runde betonte unser Trainer, wie sehr es pushen kann, wenn so eine Unterstützung wie heute von den Zuschauern kommt und dass 120 Zuschauer schon sehr motivieren.

Also Herthaner: Kaffee und Kuchen könnt ihr am zweiten Advent auch ab 15 Uhr einnehmen. Oma wird es schon verstehen, dass ihr vorher zur Dritten geht. Am 04.12 kommt der Tabellenführer aus Hohen Neuendorf und da können wir uns ja nicht nur auf den neuen Lappen als Glücksbringer stützen, oder?

Ha Ho Ha Amateure Zwee

Aufrufe: 029.11.2022, 21:31 Uhr
Jörn KutschmannAutor