2026-04-09T03:39:01.720Z

Ligabericht

A-Liga: Nach Spielabbruch ermittelt die Polizei

In der Kreisliga A Groß‑Gerau läuft ein faires Spiel aus dem Ruder, der 19‑jährige Schiedsrichter fühlt sich bedroht +++ Nun prüft das Sportgericht den Vorfall

von Lisa Bolz · Heute, 15:30 Uhr · 0 Leser
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https://www.fupa.net/match/fsg-riedrode-m1-sv-1919-muenster-m1-250921 – Foto: Timo Babic (Archiv)

Rüsselsheim. Dieser Vorfall am letzten Wochenende im März hat für Schlagzeilen gesorgt. Beim Abbruch des Spiels FV Hellas Rüsselsheim gegen Sportfreunde Bischofsheim in der Kreisliga A Groß-Gerau (25. Spieltag) kochten auf dem Sportplatz derart die Emotionen hoch, dass der 19 Jahre alte Schiedsrichter Nizar Bahi Ramchani (SC Klarenthal) sich gezwungen sah, die Polizei zu rufen. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, berichtet Ramchani, der seit vier Jahren Schiedsrichter und im Förderkader ist. „Noch nie wurde ich so schlimm beleidigt, bespuckt und bedroht.“ Zwei Spieler der Bischofsheimer hätten zu ihm gesagt, er solle „nach dem Spiel abwarten, was passiert“.

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Polizei rückt an mit drei Streifen

Was war vorgefallen? Insgesamt sei es ein „sehr faires“ Spiel gewesen, wie Schiedsrichter und beide Vereine auf Anfrage bestätigen. Bis zur 73. Minute. Da war dem 1:0 für die Gastgeber eine strittige Szene vorausgegangen. Nach Meinung der Gäste ein „100-prozentiges Foulspiel“, wie Ramchani berichtet. Er war anderer Meinung. In der Folge verhängte er zunächst zwei Platzverweise gegen die Gastmannschaft und wendete das Stopp-Konzept an. „Das kann man auf den Videoaufnahmen sehen“, so Ramchani. Das Konzept des DFB ist eine Maßnahme im Amateurfußball (seit Saison 2024/25), um Gewalt und Spielabbrüche durch „Beruhigungspausen“ zu verhindern. Das funktionierte nicht. Als es nach dem Abbruch der Partie auf dem Platz zu einer Rudelbildung gekommen sei, habe er die Polizei rufen lassen.

Die kam mit drei Streifen zum Sportplatz „Am Sommerdamm“ und führte Zeugenbefragungen und Personalienfeststellungen durch, wie ein Sprecher des Polizeipräsidiums Südhessen auf Anfrage dieser Redaktion bestätigt: „Wir ermitteln nun wegen des Verdachts der Bedrohung, Beleidigung und Körperverletzung.“

In diesem Zusammenhang widersprechen sich die Schilderungen des Unparteiischen und der Vereine – wie so oft in solchen Fällen. Wie aus der Stellungnahme der Sportfreunde und dem Vorsitzenden Selvin Golos hervorgeht, habe der Schiedsrichter das Stopp-Konzept nicht angewandt. Aus der Sicht Bischofheims sei es „zu keiner Zeit bedrohlich für den Schiedsrichter“ gewesen und man hätte die 16 Minuten, nachdem sich die Gemüter beruhigt hätten, durchaus zu Ende spielen können. „Insgesamt bedauern wir den Ausgang des Spiels und hätten gerne zu Ende gespielt.“ Zu klären, was genau passiert ist, ist nun Aufgabe des Sportgerichts.

Und Alessandro Scotece, Vorsitzender des Kreissportgerichts Groß-Gerau. Scotece, selbst Schiedsrichter seit Kindertagen, erklärt: „Dem Sportgericht liegt, wie bei entsprechenden Vorkommnissen üblich, ein ausführlicher Sonderbericht des Schiedsrichters sowie Videomaterial zum gesamten Sachverhalt vor.“ Dies werde nun durch die Kammer des Sportgerichts umfassend geprüft. „Dabei ist insbesondere zu bewerten, ob der Spielabbruch durch den Schiedsrichter gerechtfertigt war“, so Scotece. Die Voraussetzungen für einen Spielabbruch seien bewusst eng gefasst, da Entscheidungen „am grünen Tisch“ grundsätzlich vermieden werden sollen. Den beteiligten Vereinen wurde Gelegenheit gegeben, sich zunächst schriftlich zum Sachverhalt zu äußern. Im Anschluss wird ein Termin zur mündlichen Verhandlung anberaumt.

"Spielabbrüche sind leider keine absolute Ausnahme mehr"

Ziel solcher Verhandlungen sei nicht vorrangig die Verhängung möglichst hoher Strafen, sondern vielmehr eine nachhaltige Wirkung im Sinne eines Lernprozesses bei allen Beteiligten. „Spielabbrüche sind leider keine absolute Ausnahme mehr. Im Kreis Groß-Gerau werden jährlich mehrere Verfahren in diesem Zusammenhang geführt“, berichtet Scotece. Allerdings sei zu berücksichtigen, dass dies im Verhältnis zur Gesamtzahl der ausgetragenen Spiele eine geringe Quote darstelle, im einstelligen Bereich pro Jahr.

Für die Zukunft wünscht sich Scotece, dass der Fußball weiter als gemeinschaftliches Erlebnis verstanden wird: „Woche für Woche engagieren sich zahlreiche Menschen ehrenamtlich mit großem Einsatz für ihre Vereine, dieses Engagement verdient Respekt und Wertschätzung. Emotionen gehören zum Fußball selbstverständlich dazu. Innerhalb eines fairen Rahmens sind auch Diskussionen und hitzige Situationen Teil des Spiels. Entscheidend ist jedoch, dass nach dem Abpfiff wieder die Sachlichkeit und das Miteinander in den Vordergrund treten.“

Das wünscht sich auch Nizar Bahi Ramchani. Über Ostern hatte sich der Schüler erst einmal eine kurze Auszeit genommen, um durchzuschnaufen. Ans Aufhören denkt er aber nicht. Schließlich ist er ja gerne Schiedsrichter. „Es macht mir einfach Spaß.“