2026-04-15T05:02:58.337Z

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27 Punkte Abzug: Kreisliga-Spitzenreiter SpVgg Haidhausen stürzt wegen falscher Identität ab

Drogendealer im Fußballtrikot

von Thomas Gautier · Heute, 04:00 Uhr · 0 Leser
Haidhausens Abteilungsleiter Giuseppe Scialdone
Haidhausens Abteilungsleiter Giuseppe Scialdone – Foto: Fupa
Ein Stürmer spielte unter falschem Namen und sitzt nun im Gefängnis. Die SpVgg Haidhausen verliert 27 Punkte und stürzt in Richtung Abstiegszone. Der SC Baldham-Vaterstetten profitiert derweil kräftig.

Hohe Wellen über die Landesgrenzen hinaus schlägt derzeit ein wohl in Deutschland einmaliger Fall aus dem Fußballkreis München: Die SpVgg 1906 Haidhausen, beheimatet in der Kreisliga 3, setzte nach eigenem Bekunden unwissentlich bis zur Winterpause einen Angreifer ein, der unter falscher Identität kickte und laut Staatsanwaltschaft als Drogendealer in München tätig gewesen sein soll. Der Beschuldigte sitzt aktuell eine dreijährige Haftstrafe wegen Betäubungsmitteldelikten ab.

Nun bestätigte das BFV-Verbandssportgericht vergangenen Freitag ein Urteil des Kreissportgerichts, das den Verein mit einem Abzug von 27 Punkten belangt. Die Tabelle der Kreisliga 3 (München) wurde bereits entsprechend korrigiert. Davon unmittelbar betroffen sind mit dem SC Baldham-Vaterstetten, TSV Oberframmern, TSV Steinhöring und FC Anzing-Parsdorf auch vier Landkreisvereine.

Es ist einfach der Wahnsinn. Wir haben bei seiner Anmeldung die Daten aus dem BFV-System übernommen. Wie hätten wir wissen sollen, dass er eine falsche Identität hat?

Haidhausens Abteilungsleiter Giuseppe „Beppo“ Scialdone

Die Hintergründe des Falls: In der Winterpause der Spielzeit 2024/25 wechselte ein Offensivspieler unter falscher Identität vom SV Aubing zur SpVgg 1906 Haidhausen. Allerdings lag unter dem Tarnnamen Mateo V. (34) auch ein Spielerpass im Online-System des Bayerischen Fußball-Verbandes vor.

Haidhausens Abteilungsleiter Giuseppe „Beppo“ Scialdone hatte demnach bei der Verpflichtung keinen Verdachtsmoment oder Anhaltspunkt für Unregelmäßigkeiten: „Es ist einfach der Wahnsinn. Wir haben bei seiner Anmeldung die Daten aus dem BFV-System übernommen. Wie hätten wir wissen sollen, dass er eine falsche Identität hat?“ Der betreffende Spieler trug mit neun Treffern maßgeblich zur Tabellenführung der Haidhausener zur Winterpause bei. Seit seiner Festnahme Anfang Dezember 2025 befindet er sich im Gefängnis und verbüßt zunächst eine Strafe, für die er bereits vor neun Jahren verurteilt worden und seitdem auf der Flucht war.

FB KL Anzing/Parsdorf  (rot)  Alexander Huber
FB KL Anzing/Parsdorf (rot) Alexander Huber – Foto: Sro

Kurz vor Weihnachten setzten schließlich die Strafverfolgungsbehörden die SpVgg 1906 und den Fußball-Verband über die kriminellen Machenschaften des vermeintlichen Inhabers eines Fitnessstudios mit dem lukrativen Nebenerwerb in Kenntnis. Unter seinem richtigen und der Redaktion bekannten Namen war Mateo V. zuvor unter anderem für den VfB Forstinning aktiv. Er wird von früheren Mitspielern als ruhig und unauffällig beschrieben.

Haidhausen zieht wohl vor Zivilgericht

Die Folgen des Falls: Laut BFV konnte der Klub nichts von der falschen Identität wissen, Haidhausen verliert jetzt dennoch 27 Punkte, weil der Spieler wegen seines falschen Namens nicht im Besitz einer gültigen Spielberechtigung war. Paragraf 33 der Spielordnung macht die Vereine dafür verantwortlich, dass die Spielerangaben stimmen.

BFV-Sprecher Fabian Frühwirth: „Die Rechtslage ist eindeutig, der Sachverhalt ist unbestritten. Die Vereine müssen bei Verdacht ihre Spieler selbst kontrollieren. Zum Beispiel können sie sich ein Führungszeugnis vorlegen lassen. Das tun wir als Verband bei unseren Ehrenamtlichen grundsätzlich auch. Die betreffenden Partien der SpVgg Haidhausen werden als verloren gewertet. Auf eine Bestrafung hat das Gericht bewusst verzichtet. Es gibt keine zusätzlichen Punkte- oder Geldstrafen.“

Nach einem Passus in den BFV-Statuten sind dabei die letzten zehn Spiele mit dem, wie sich herausstellte, mehrfach vorbestraften Deutschen betroffen. Und dies setzte eine gehörige Tabellenverschiebung in Gang – mit dem Hauptleidtragenden Haidhausen, der von der Tabellenspitze in Abstiegsgefahr stürzte. „Ich habe kein Verständnis für das Urteil und empfinde es als unfair gegenüber Haidhausen. Und wir gehen bis zum Äußersten“, kündigt Scialdone schon einmal den Klageweg über Zivilgerichte an, nachdem die drei Instanzen der Sportgerichtsbarkeit über Kreis, Bezirk und Verband durchlaufen sind.

SCBV profitiert mit sechs Pluspunkten

Als „unfair und unverständlich“ empfindet auch Peter Rauch als Abteilungsleiter des FC Anzing-Parsdorf die Entscheidung des Sportgerichts. „Es ist für uns bitter, dass Oberföhring als direkter Konkurrent drei Punkte gutgeschrieben bekommt.“ Die gegen Haidhausen angetretenen Kontrahenten in den besagten Partien bekommen nämlich jeweils drei Punkte, nachdem neun davon mit einem Sieg für Haidhausen endeten. Der FC Anzing-Parsdorf besiegte Haidhausen vergangenen Sonntag zwar sportlich mit 3:2, verlor das Hinspiel gegen den ehemaligen Spitzenreiter jedoch mit 1:4, allerdings bereits vor der Zehn-Spiele-Frist, und geht damit leer aus.

Im Gegensatz zum SC Baldham-Vaterstetten, der vom Urteil und dank einer kuriosen Spieltagsfolge doppelt profitiert. Die Baldhamer verloren nämlich zweimal in diesem Zeitraum gegen die SpVgg 1906 Haidhausen und bekommen gleich sechs Punkte draufgesattelt. Der SCBV befindet sich somit als Tabellendritter wieder mitten im Aufstiegsrennen, das eigentlich schon ad acta gelegt worden war.

SCBV-Abteilungsleiter Walter Geck zeigt sich aber in der Causa betont defensiv: „Die Situation ist natürlich äußerst unglücklich für Haidhausen. Wir nehmen die Dinge, wie sie kommen, und geben dazu keine weitere Stellungnahme ab.“

Mir tut der Verein leid und ich habe absolutes Verständnis für sie.

Steinhörings Abteilungsleiter Bertram Sprenger

Beim TSV Steinhöring wird’s kurios: Der Aufsteiger hätte nämlich im November zu Hause gegen die Haidhausener gespielt. Doch im allerletzten Moment, und gegen die Einschätzung beim TSV, entschied der Unparteiische auf Unbespielbarkeit des Platzes. „Ich hab’ mich damals mit den Haidhausenern auch sauber gekabbelt. Aber mir tut der Verein leid und ich habe absolutes Verständnis für sie“, beurteilt Steinhörings Abteilungsleiter Bertram Sprenger die Gemengelage. Die im Februar neu angesetzte Partie verlor Steinhöring jedenfalls und kommt durch diese Verschiebung nicht in den Genuss von drei Zusatzzählern.

Die 14 Mannschaften in der Kreisliga 3 (München) gehen bis zu einer möglicherweise anderen Entscheidung eines von der SpVgg 1906 Haidhausen angerufenen Zivilgerichts mit einem neuen Tabellenstand in die heiße Saisonphase.