Unvergessener Russland-Trip und Gänsehaut beim Steigerlied
Donnerstag 23.04.20 15:00 Uhr|Autor: Thomas Seidl 2.632
Auch beim FC Schalke 04 stand Thomas Linzmeier bereits unter Vertrag Foto: privat

Unvergessener Russland-Trip und Gänsehaut beim Steigerlied

Der gebürtige Waidler Thomas Linzmeier (49) hat in seiner Zeit als Bundesliga-Spielanalyst einige kuriose Dinge erlebt
Den Sprung in den Profifußball zu schaffen, ist ein Traum, der nur für wenige Personen in Erfüllung geht. Der aus Ludwigsthal im Landkreis Regen stammende Thomas Linzmeier hat es als aktiver Spieler bis in den gehobenen Amateurbereich geschafft und gehörte in den vergangenen Jahren dem Trainerteam von Markus Weinzierl an. Wir hatten Gelegenheit, uns mit Linzmeier über seine Zeit im Profi-Zirkus zu unterhalten.


FuPa: Thomas, ein Jahr ist es mittlerweile her, dass Markus Weinzierl beim VfB Stuttgart entlassen worden ist. Als Spiel-Analyst hast du seit 2010 dem Weinzierl-Trainerteam angehört. Wie fühlt es sich für einen fußballverrückten Menschen wie dich an, erstmals über einen längeren Zeitraum ohne Job zu sein?
Thomas Linzmeier (49): Meine Zeit als Spieler ging ja 2005 nahtlos in meine Trainerzeit über und so bin ich es seit fast 40 Jahren gewohnt, mit Fußball zu tun zu haben. Und somit ist es für mich komplettes Neuland ohne Job im Fußball zu sein. Es wird einem dann erstmal so richtig bewusst, wie viel Zeit man doch investiert hat, die einem dann plötzlich für andere Dinge zur Verfügung stehen, die vorher immer viel zu kurz gekommen sind. Das habe ich in den ersten Wochen und Monaten schon genossen und mich auch bewusst mal etwas herausgenommen. Nach einer gewissen Zeit des Abstands hat es aber dann mittlerweile doch wieder angefangen zu kribbeln, wenn die Spiele gelaufen sind und ich hab schon bemerkt, dass mir das Ganze natürlich fehlt. Fußball ist nun mal ein großer Teil meines Lebens und wird es auch immer bleiben.


Wenn man kein Insider ist, kann man sich unter einen Spiel-Analysten nichts Konkretes vorstellen. Was waren deine Aufgaben und welchen zeitlichen Umfang nimmt so eine Tätigkeit in Anspruch?
Ich war im Trainerteam von Markus Weinzierl für die Gegneranalyse zuständig. Zu meinen Aufgaben zählte es, die kommenden Gegner live im Stadion zu beobachten, Videosequenzen und Statistiken zu den jeweiligen Spielen anzusehen und schließlich über jeden Gegner einen schriftlichen Bericht anzufertigen. Diesen Bericht habe ich dann ans Trainerteam vorab verschickt und dann in einer Besprechung vor Ort nochmals - unterstützt von Videoausschnitten - detailliert vorgestellt. Neben hauptsächlich mannschafts- und gruppentaktischen Aspekten habe ich hier auch die Stärken und Schwächen der Mannschaften herausgearbeitet und Lösungsmöglichkeit für die eigene Mannschaft vorgeschlagen. Der zeitliche Aufwand dafür wurde im Laufe der Jahre immer mehr. Während ich beim Jahn in der Anfangszeit noch ein Spiel am Wochenende angeschaut habe und darüber einen vergleichsweise kurzen Bericht angefertigt habe, hat sich mit dem Wechsel nach Augsburg der Aufwand natürlich erhöht. Plötzlich saß ich am Wochenende zwei-bis dreimal in einem Stadion und es standen auch noch viel mehr technische Hilfsmittel zur Verfügung, was die Arbeit zwar auf der einen Seite erleichterte und genauer machte, aber auf der anderen Seite auch den Zeitaufwand erhöhte. Auf Schalke war ich dann sogar hauptberuflich tätig. Aufgrund der internationalen Spiele in der Europa-League wäre das anders auch nicht mehr zu bewältigen gewesen.


Hat man in einer solchen Position eigentlich auch einen direkten Kontakt zur "eigenen" Mannschaft?
Man hat natürlich Kontakt zur eigenen Mannschaft. Wenn auch nicht in dem Umfang wie ein Trainer oder Co-Trainer, die täglich bei der Mannschaft sind. Aber zur Besprechung war ich am Trainingsgelände vor Ort und hab mir auch immer wieder Trainingseinheiten angesehen. Zudem habe ich - sofern es möglich war - einige eigenen Spiele im Stadion angesehen. Ich finde den Kontakt zur Mannschaft auch ganz wichtig, weil man ja nur, wenn man auch die Stärken und Schwächen der eigenen Mannschaft kennt, und eigene Spiele und Trainingseinheiten sieht, einschätzen kann, welche Lösungsmöglichkeiten es dann gegen andere Teams gibt.


Jahn Regensburg, FC Augsburg, FC Schalke, VfB Stuttgart. Im vergangenen Jahrzehnt hast du für namhafte Vereine arbeiten dürfen. Welche Station hat dich persönlich am meisten geprägt?
Ich hatte das Glück bei Traditionsvereinen arbeiten zu dürfen und mit jeder Station verbindet man einzigartige Erlebnisse. Der Aufstieg mit dem Jahn in die zweite Liga oder das erste Jahr Bundesliga in Augsburg sind unvergessen. Natürlich auch die letzte Saison in Augsburg, als wir in der Europa-League auf so namhafte Gegner wie Roter Stern Belgrad oder den FC Liverpool trafen. Weniger schön waren natürlich die Entlassungen in Stuttgart und Schalke. Besonders geprägt aber hat mich aber das Jahr auf Schalke. Auch hier waren wir international im Einsatz und gerade die Atmosphäre in diesen Spielen war unglaublich. Am meisten beeindruckt jedoch hat mich die Begeisterung, Leidenschaft und Hingabe der Fans auf Schalke. Die Rivalität zum ungeliebten Nachbarn Dortmund ist legendär. Sie führt sogar so weit, dass ein echter Schalke- Fan niemals das Wort "Dortmund" ausspricht und stattdessen "Lüdenscheid Nord“ verwendet. Beim Abschlusstraining vor dem Revierderby waren tausende Fans vor Ort und haben die Mannschaft gefeiert. Die Menschen geben ihr letztes Hemd für eine Dauerkarte in der Veltins-Arena oder auch, um auswärts im Stadion dabei sein zu können und leben diesen Verein auf eine unvergleichliche Art und Weise. Beim Steigerlied vor dem Anpfiff in der Arena bekam ich jedes Mal Gänsehaut.

Abenteuerliche Anfahrt nach Tula: »Die Straßen glichen Feldwegen und zu allem Überfluss ist dann auch noch das Handynetz ausgefallen.«



Für die Gegner-Beobachtung bist du unter anderem schon in England und Russland gewesen. Gibt es von diesen Reisen irgendwelche besonderen Anekdoten?
Ich habe natürlich einiges erlebt. Bei der Spielbeobachtung in Liverpool saß ein älterer Herr auf der Tribüne neben mir. Man wird ja dann meistens gefragt, was man da macht und für welchen Verein man arbeitet, sobald man seinen Notizblock rausholt. Als ich dem Herrn gesagt habe, dass ich vom FC Augsburg komme war es mit konzentrierter Arbeit vorbei. Er war glühender Verehrer des Augsburger Vereinsidols Helmut Haller, konnte sich gar nicht mehr beruhigen und hat mir unzählige Geschichten erzählt und tausend Fragen gestellt. Dass ich trotzdem versucht habe das Spiel zu sehen, und ihm wenig Beachtung zukommen haben lasse, hat ihn scheinbar nicht gestört. In Russland musste ich FK Krasnodar bei einem Auswärtsspiel in Tula beobachten. Tula liegt ungefähr 200km von Moskau entfernt und ich bin nach Moskau geflogen und dann mit einem Mietauto weitergefahren. Leider musste ich während der Fahrt feststellen, dass mein Navi alle Anzeigen nur auf kyrillisch gemacht hat und es mit dem Verlassen der Stadtgrenzen von Moskau auch nur noch Verkehrszeichen auf kyrillisch gab. Die Straßen glichen Feldwegen und zu allem Überfluss ist dann auch noch das Handynetz ausgefallen. Auf wundersame Weise habe ich es aber pünktlich zum Stadion nach Tula geschafft und letztlich ein wenig prickelndes 0:0-Spiel gesehen. Mit Schalke trafen wir in der Europa-League auf Saloniki. Das war eine besonders heikle Paarung, da es ja Jahre zuvor in der Champions-League zu schweren Ausschreitungen der beiden Fanlager kam, da Schalke-Fans im Hinspiel eine Mazedonien-Flagge gehisst hatten. So flog ich mit etwas mulmigem Gefühl nach Griechenland und beobachtete Saloniki beim ersten Match auswärts in Larissa. Eine große Überraschung erlebte ich dann bei der Ankunft. Der Vereinspräsident von AE Larissa war ein großer Schalke-Fan. Er besuchte jedes Jahr mehrere Spiele auf Schalke und freute sich so über meinen Besuch, dass er mich gleich das Angebot machte, das Spiel mit ihm in der Präsidenten-Suite anzusehen. Die ersten zehn Minuten war jedoch wenig zu erkennen, da wie in Griechenland üblich, erstmal bengalische Feuer gezündet wurden und das Spielfeld komplett in Nebel getaucht war.


Markus Weinzierl war bis vor ein paar Jahren noch einer der gefragtesten Trainer in Deutschland. Die Stationen in Schalke und Stuttgart sind aber in die Hose gegangen. Stehst du mit ihm immer noch im engen Austausch? Ist eine weitere Zusammenarbeit geplant?
Ein Auf und Ab ist im Trainerleben normal und gehört irgendwie auch dazu. Ich wünsche Markus, dass er bald wieder einen Verein findet und zeigen kann, dass er ein super Trainer ist. Wir stehen nach wie vor in engem Kontakt, treffen uns häufig zum Golfen und haben uns in den letzten Monaten immer wieder auch mal Spiele im Stadion angesehen. Was die Zukunft bringt, weiß man nicht und gerade in den schweren Corona-Zeiten ist wenig plan- oder vorhersehbar. Ob es dann zu einer weiteren Zusammenarbeit kommt, hängt von vielen Faktoren - aber vorstellen könnte ich mir das natürlich jederzeit wieder. Die Zusammenarbeit mit ihm war immer gut und vertrauensvoll.

Klare Aussage: »Als Spielanalyst sehe ich meine sportliche Zukunft nicht.«


Wie siehst du deine eigene sportliche Zukunft? Möchtest du nicht irgendwann nicht wieder mehr auf dem Platz stehen oder füllt dich die Aufgabe als Spiel-Analyst voll und ganz aus?
Als Spielanalyst sehe ich meine sportliche Zukunft nicht. Ich bin damals nach meiner Trainerzeit in der U19 beim Jahn mehr oder weniger zufällig in diese Schiene reingerutscht und es hat sich dann über die Jahre so entwickelt. Ich möchte diese Erfahrungen keinesfalls missen, aber grundsätzlich möchte ich schon wieder mehr auf dem Platz stehen und mit Spielern direkt arbeiten. In welcher Funktion das auch immer sein mag. Die Konstellation muss einfach passen. 


Könntest du dir grundsätzlich vorstellen auch wieder im Amateurbereich eine Mannschaft zu trainieren? 
Grundsätzlich ausschließen möchte ich das nicht. Allerdings müsste für eine solche Konstellation der Verein, das Umfeld, die sportlichen Ambitionen und natürlich auch die handelnden Personen passen. 


Das Gastspiel mit dem FC Augsburg an der Anfield Road in Liverpool war eine Höhepunkt in Linzmeiers Laufbahn

Das Gastspiel mit dem FC Augsburg an der Anfield Road in Liverpool war eine Höhepunkt in Linzmeiers Laufbahn Foto: privat



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