Türkgücü-Fan Ümit Icöz: "Das alles liest man nicht gerne"
Freitag 22.01.21 08:30 Uhr|Autor: Redaktion9.807
Die Anhängerschaft von Türkgücü München ist zwar bereits vorhanden, steckt aber in Sachen Organisation noch in den Kinderschuhen. Foto: Ali Ersoy

Türkgücü-Fan Ümit Icöz: "Das alles liest man nicht gerne"

Türkgücü München ist weiterhin in aller Munde. Doch was denken eigentlich die, über die gesprochen wird? TG-Fan Ümit Icöz (36) im Interview
Der Rücktritt vom Rücktritt von Präsident Hasan Kivran, einhergehend mit großen Existenzsorgen; ein sich stetig ändernder Kader, verbunden mit vielen Transfer-Gerüchten; der sportliche Erfolg, der scheinbar unbeirrt von den Nebenkriegsschauplätzen nicht ins Stocken gerät - Türkgücü München ist weiterhin in aller Munde. Nicht nur, weil der ambitionierte Drittligist der erste Migranten-Verein im deutschen Profifußball ist und deshalb unter besonderer Beobachtung steht, sondern auch wegen der vorher genannten Schlagzeilen. Doch was denken eigentlich die, über die gesprochen wird? FuPa hat sich mit Ümit Icöz unterhalten. Der 36-Jährige wohnt in Oberhausen (NRW) und betreibt mit der Facebook-Gruppe "Türkgücü München / Fanbase" eine der ersten organisierten Fangruppierungen des oberbayerischen Vereins überhaupt.


Ümit, wie würdest Du Deine Beziehung zu Türkgücü München möglichst kurz zusammenfassen?
Für einen Deutsch-Türken wie mich ist Türkgücü München eine Art Heimat, weil der Verein beide Kulturen, die ich in mir trage, vereint. Da ist auf der einen Seite der deutsche Verein, auf der andere der türkische Hintergrund.

Du bist als Oberhausener bei diesem Verein gelandet? Du wohnst in Nordrhein-Westfalen, TG ist in der bayerischen Landeshauptstadt heimisch...
Das stimmt schon. Mehr als 500 Kilometer trennen meinen Wohnort von München. Nichtsdestotrotz bin ich Anhänger von Türkgücü. Durch die Sozialen Medien wurde ich auf den jetzigen Drittligisten aufmerksam. Und ich habe mich, wegen vorher genannter Gründe, ziemlich schnell heimisch gefühlt unter den vielen Gleichgesinnten. Es macht einen stolz, dass es ein Migrantenverein in den Profifußball geschafft hat.

Seit wann bist Du Fan?
Ich bin da mit den Begrifflichkeiten sehr vorsichtig. Als Fan würde ich mich noch nicht bezeichnen, denn ein solcher geht mit einem Verein durch Höhen und Tiefen - und das über einen längeren Zeitraum. Corona-bedingt ist es ja derzeit gar nicht möglich, so richtig auf Tuchfühlung zu gehen mit den Funktionären und Spielern. Ich bin eher Sympathisant.

Kivran-Theater: »Es sollte das Ziel sein, unabhängiger zu werden«



Gibt es - Deiner Erklärung entsprechend - dann überhaupt Fans von Türkgücü München? Den Verein kann man ja noch gar nicht so lange auf dem Radar haben...
Oh doch! (mit Nachdruck) Das ist ein Irrtum. Der Verein ist ja bereits unter einem anderen Namen Mitte der 70er gegründet worden - und hat deshalb durchaus Tradition. TG ist nicht erst ins Leben gerufen oder gar aufgekauft worden. Das muss an dieser Stelle unbedingt klar gestellt werden.

Fans oder, wie Du es nennst, Sympathisanten haben eine emotionale Bindung zum jeweiligen Verein. Wie gehst Du als solcher damit um, dass Türkgücü nach außen schlicht als Projekt verkauft wird, das einzig und allein darauf abzielt, erfolgreich zu sein?
Ist das nicht bei allen Profivereinen so? Wer Erfolg hat, hat gut gearbeitet - und jeder Verein will doch gut arbeiten. Natürlich hat Türkgücü das nur mit Unterstützung eines Investors geschafft. Aber machen wir uns doch nichts vor: Jeder Proficlub hat doch den ein oder anderen Geldgeber im Hintergrund, der ihm finanziell unter die Arme greift. Das Einzige, was man bei uns kritisieren kann, ist, dass wir von einem Investoren abhängig sind. Es sollte das Ziel des Vereins sein, in diesem Zusammenhang unabhängiger zu werden.

Kann es sein, dass durch den schnellen Erfolg und dem nachhechelnden Umfeld das vorher von Dir angesprochene deutsch-türkische Alleinstellungsmerkmal verloren geht?
Nein, absolut nicht. Die Seele eines Vereins ist die Anhängerschaft. Und diese setzt sich überwiegend auf Deutsch-Türken zusammen, die somit für die Identität sorgen. Durch Erfolge nimmt die Motivation der Fanbase weiter zu, die Mitglieder werden mehr, was ohnehin der Fall ist, weil sich Gleichgesinnte in ganz Deutschland nach einem Migrantenverein im Profibereich gesehnt haben. Die, die auf dem Rasen stehen, werden also auf große Unterstützung zählen können. Übrigens: Uns ist es egal, wer für Türkgücü aufläuft, solange er das Wappen mit bayerischer und türkischen Fahne in Ehren trägt.



Ihr strebt also nicht an, dass nur (Deutsch-)Türken spielen dürfen?
Um Gottes Willen. Nein. Es müssen einfach nur Spieler sein, die hungrig sind nach Erfolg und sich idealerweise mit dem Verein identifizieren.

Bei der großen Fluktuation im Kader dürfte es schwierig sein, Identifikationsfigur auszumachen, oder?
Die vielen Wechsel sind wiederum eine Folge des schnellen Erfolgs. Jeder Aufstieg bringt neue Herausforderungen mit sich, die von adäquaten Spielern bewältigt werden müssen. Klar ist es schade für die jeweilige Aufstiegsmannschaft, die dann ziemlich schnell auseinanderfällt. Kurzfristig gesehen ist das aber einfach nicht anders handzuhaben. Langfristig würden wir es uns aber durchaus wünschen, dass sich ein gewisser Stamm festsetzt.

Wer hätte denn aus dem aktuellen Team das Potenzial dazu?
Sercan Sararer, unser Kapitän. Er bringt zum einen die nötige Qualität mit. Zudem verkörpert er als Deutsch-Türke genau das, für was wir stehen. Deshalb würde ich es sehr, sehr schade finden, wenn er den Verein verlässt.

Wir sind etwas abgeschweift. Nochmal zurück zu einem vorherigen Thema: Im Großen und Ganzen ist Dein Verein mit immer wieder verunglimpften Plastikclubs wie z.B. Leipzig vergleichbar, oder?
Prinzipiell nicht bzw. je nachdem aus welcher Sicht man es sehen möchte. Ein Proficlub ist ein wirtschaftliches Unternehmen, das flüssig sein muss, um zu überleben. Und dafür braucht es halt nun einmal Investoren. Solche Geldgeber sind nicht nur bei beispielsweise Leipzig mit im Boot, sondern, wie vorher kurz angeschnitten, bei jedem Verein. Deshalb finde ich es auch nicht richtig, dass Leipzig immer wieder als Plastikclub verunglimpft wird. Dort wird gute Arbeit geleistet, das steht fest - genauso wie bei uns, nur auf einem anderen Niveau. Noch.

Rassismus: »Leider viel zu oft und viel zu heftig«



Zwei weitere Aspekte machen Türkgücü aus. Da ist zum einen das Schlagzeilen-trächtige Umfeld. Wie gehst Du damit um, dass Dein Herzensclub immer wieder in den Medien ist - mit eher negativen Themen, die dann auch entsprechend kommentiert werden?
Solche Sachen liest und hört man natürlich nicht gerne. Diese negativen Ereignisse überdecken die positiven Nachrichten, was sehr, sehr schade ist. Vieles wird von außen reingetragen, das kommt noch dazu.

Stimmt nicht ganz: Der Rücktritt vom Rücktritt des Präsidenten war ein hausgemachtes Problem.
Das ist korrekt. Das war eine unschöne Situation für alle Beteiligten. Diese Angelegenheit hat aber auch deutlich gemacht, dass wir, wie vorher schon gefordert, unabhängiger von einer Einzelperson werden müssen.

Zum anderen ist da die Betonung der türkischen Kultur in Eurem Verein. Türkgücü heißt übersetzt "türkische Kraft". Stachelt man mit diesem Separatismus in einer Gesellschaft, die weiter um Integration ringt, nicht noch zusätzlich an?
Wir reden wir von einer wortwörtlichen und keiner sinngemäßen Übersetzung. So hart wie die deutsche Version von Türkgücü klingt, ist es gar nicht gemeint. Aus türkischer Sicht ist das ein ganz normaler Begriff, der weder spaltet noch provoziert. Und auch von Separatismus kann man nicht sprechen. Im Gegenteil. Es ist doch super, wenn Migranten, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, hier einen eigenen, deutschen Verein gründen. Das spricht doch für Integration, weil sich diese Türken hier heimisch fühlen.

Sympathisant von Türkgücü München: Ümit Icöz aus Oberhausen.

Sympathisant von Türkgücü München: Ümit Icöz aus Oberhausen. Foto: Icöz


Wie oft begegnet Dir Rassismus, wenn Du mit Türkgücü unterwegs bist?
Leider viel zu oft und viel zu heftig. Es wird aus meiner Sicht noch Jahre dauern, bis sich hier das Bewusstsein geändert hat und Menschen nicht mehr nach deren Herkunft, Hautfarbe o.ä. diskriminiert werden.

Du gehört einer Gruppe an, die den Drittligisten organisiert unterstützen will. Erklär mal: Was ist Stand der Dinge?
Mit meinem Freund Benhör Kaya habe ich die sogenannte Fanbase ins Leben gerufen. Dahinter verbirgt sich eine Facebook-Gruppe mit inzwischen 13.000 Mitgliedern aus ganz Deutschland. Es sind nicht nur Deutsch-Türken herzlich willkommen, sondern TG-Fans überhaupt. Türkgücü ist in München angesiedelt. Und wird das auch bleiben, was wir alle hoffen. Denn München und der Verein gehören einfach zusammen. Man merkt aber, dass der Club deutschlandweit eine Anlaufstelle für Deutsch-Türken ist, was ich sehr schön finde.

Gibt es weitere Fan-Zusammenschlüsse?
Nur noch die Ultras und die Legends 1975. Das Ganze muss erst noch wachsen, was aber leider unmöglich ist, solange wegen Corona alles zugesperrt ist.

Abschließend ein Blick in die Zukunft...
...und da träume ich mal so richtig: Ich wünsche mir, dass Türkgücü München noch in dieser Saison in die 2. Liga aufsteigt.

Vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft.


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Tabelle
1. SG Dynamo (Ab) 2523 51
2. Ingolstadt 258 47
3. F.C. Hansa 2512 45
4. SV Wehen Wie (Ab) 2510 44
5. Saarbrücken (Auf) 2511 43
6. TSV 1860 2522 41
7. Türkgücü Mün (Auf) 264 40
8. SC Verl (Auf) 2411 37
9. HallescherFC 25-6 35
10. SV Waldhof 26-2 34
11. FC Bayern II 25-1 30
12. Zwickau 24-4 30
13. SV Meppen 24-7 30
14. MSV Duisburg 25-12 27
15. Viktor. Köln 25-13 27
16. FC K´lautern 26-7 26
17. KFC Uerding. * 23-8 24
18. Magdeburg 26-15 24
19. VfB Lübeck (Auf) 25-12 23
20. Haching 26-14 21
* KFC Uerdingen 05: 3 Punkte Abzug
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