
Die aktuelle Runde auf Kosten der Saison 2020/21 fortzusetzen. Was hältst du persönlich von der Entscheidung?
Darius Farahmand (54): Ich finde es absolut unpassend und unbefriedigend.
Warum?
Mit Gewalt spielst du eine Saison zu Ende, die im Moment aus meiner Sicht kaum mehr jemanden groß interessiert. Die Planungen für die neue Saison oder für die weitere Zukunft sind sowieso schon voll am Laufen. Das Zweite ist, du kannst zum jetzigen Zeitpunkt nicht einmal sagen, dass es im September weitergeht. Wenn wir alle wissen würden, wir können im September weiterspielen und wir spielen die Saison zu Ende, hätte der Verband danach sofort eine Anschlusssaison bringen müssen. Und nicht irgendeinen Ligapokal. Das ist alles mittlerweile eine aus der Not heraus gezwungene Situation. Und ich glaube, im Amateurbereich ist keiner im Moment hochzufrieden mit der Situation, die da ist. Ich selber kann mit der Situation überhaupt nichts anfangen.
Was meinst du damit konkret?
Ich kann nichts damit anfangen, dass wir fünf, sechs Wochen vorbereiten und anschließend zehn Spiele spielen. Wann wir diese spielen, steht ja auch noch in den Sternen. Ohne Köperkontakt und ohne Vorbereitungsspiele ist es auch keine richtige Vorbereitung für die Amateure. Das heißt, du musst die Jungs in irgendeiner simulierten Art auf einen Wettkampf vorbereiten. Das ist ganz schwierig und für viele überhaupt nicht durchsetzbar. In den ersten Spielen vermute ich eine hohe Verletzungsgefahr. Du hast jetzt über Monate gar nicht gemacht, außer gejoggt und zuhause Übungen gemacht. Bis der Rhythmus wieder da ist, dauert es Wochen - egal in welcher Liga du bist. Und dann ist die Saison vorbei und man spielt nächstes Jahr einen Ligapokal mit Auf- und Absteigern aus. Das versteht kein Mensch.
Welche Lösung hättest du als besser und sinnvoller erachtet?
Wenn man weiß, man kann im September sicher spielen, dann hätte ich anders entschieden. Man kann davon ausgehen, dass bald alles wieder in die Realität übergeht. Und wir fangen erst im September an. Das sind zwei volle Monate, in denen wir die Saison locker zu Ende hätten spielen können. Im Juni hätte jeder trainieren und Mitte Juli starten können. Dann kriegt man zwei Saisons durch, und das hätte auch jeder so unterschrieben. So könnten die Vereine alle planen, Spieler holen. Jeder hat die gleiche Ausgangsbasis. Die jetzige Ausgangsbasis ist für die Vereine alle gleich schlecht. Bald hat alles wieder offen und die Fußballer dürfen keinen Kontaktsport betreiben. Da lange ich mir ans Hirn. Das ist unlogisch, unprofessionell und nicht reell.
Der Saisonendspurt ist für viele Vereine ja mittlerweile das „geringste Übel“. Viele planen längst für ganz andere Szenarien...
Das stimmt. Die aktuelle Saison ist emotional eh schon weg. Und sie ist auch von der Realität weg. Auch Trainerkollegen, die einem Verein zugesagt hatten, haben jetzt aufgehört, wie ich das mitbekommen habe. Die sind weggegangen und machen jetzt entweder eine Pause oder wollen überhaupt nicht mehr.
Stichwort Ligapokal: eine Handvoll Spiele reicht theoretisch zum Aufstieg. Unfair oder attraktiv?
Wenn dieser durchkommt, frage ich mich allmählich, wo wir hingekommen sind. Die Mannschaften, die in ihren Ligen nicht aufgestiegen sind, verstärken sich im Sommer und dann spielt der Fünfte oder Sechste der Bezirksliga, als Beispiel, ein paar Spiele und steigt in die Landesliga auf. Das ist die Krux an der Sache. Und Mannschaften, die eigentlich abgestiegen wären, kriegen eine weitere Chance auf den Klassenerhalt. Entschuldigung, aber was ist denn das? Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen, wie abwertend das auch für die nächsthöhere Liga ist. Das ist eine Farce.
Die Entscheidungsträger entscheiden über die Köpfe der Vereine hinweg?
Wenn ich den Profibereich und die Amateure sehe, sieht man halt die Privilegierten und die Nicht-Privilegierten. Wir Amateure sind ja im Endeffekt die, die raus wollen und spielen wollen. Es ist unfassbar, wie sich das jetzt entwickelt hat. Nur, weil wir kein Geld für medizinische Tests, Quarantäne-Hotels und so weiter haben, dürfen wir nicht raus auf den Platz und Fußball spielen.
Du kannst es also nicht nachvollziehen, warum die Fußballprofis bevorteilt werden?
Ja. Das ist ein No-Go an die Regierung und das einzige, was mich wirklich auf die Palme gebracht hat: dass Kinder und Jugendliche zuhause bleiben müssen und nicht Fußball spielen dürfen, die Profis aber schon. Wir Amateure schauen „mit dem Ofenrohr ins Gebirge“. Ob das jetzt Fußball oder Tennis ist, ist vollkommen egal. Das hätte man ganz anders lösen müssen, im Sinne der Gleichheit. Wir halten in Deutschland irgendwo alle zusammen über drei, vier Wochen, und dann geht die Schere wieder auseinander. Das hat man jetzt im Profibereich Fußball gesehen. Und das ist für mich null nachvollziehbar.
Habt ihr beim TSV persönlich die Befürchtung, dass Spieler oder Sponsoren abspringen?
Da mache ich mir keine Gedanken. Wir werden uns irgendwann Anfang Juli wieder treffen und auf dem Platz ein bisschen was machen. Wobei die Hygienevorschriften für das Training einfach nicht nachvollziehbar sind: Wie willst du das reell auf dem Platz umsetzen?
Die Vorschriften auf dem Fußballplatz machen in deinen Augen also wenig Sinn?
Es ist einfach surreal und macht keinen Sinn. Die nächste Grippewelle in Deutschland wird definitiv kommen. Ich muss jetzt anfangen und sagen: geht raus und macht eure Vorbereitung. Wir werden danach sehen, ob es funktioniert oder nicht. Aber ich kann nicht hergehen und nach einer abgespeckter Vorbereitung in den vollen Wettkampf gehen. Es wird mehr Verletzte und viel mehr Emotionen auf dem Platz geben als bei einer normalen Vorbereitung, bei der du hinterher weißt, wie fit wir sind.
Immerhin wurde in Sachen Spielertransfers mittlerweile Klarheit geschaffen. Werdet ihr neue Spieler holen?
All unsere Spieler wollen dableiben. Aufgrund unserer Konstellation, dass wir sehr viele Ausländer haben, werden diese im Sommer wahrscheinlich alle irgendwann zu ihren Familien nachhause fahren. Dann sind fünf, sechs Spieler nicht da und du stehst wieder da wie letztes Jahr. Deshalb gehe ich devon aus, dass wir den ein oder anderen neuen Spieler mit Sicherheit kriegen werden. Ich selber hoffe, dass alle dableiben, weil die Jungs sind mir sehr ans Herz gewachsen. Jeder ist heiß und will wieder auf den Platz gehen. Ich möchte gerne mit der Truppe, so wie sie jetzt ist, weiterarbeiten - natürlich mit dem Ziel, sportlich so weit wie möglich zu kommen.
Sprich, den Aufstieg in die Landesliga zu perfektionieren?
Wenn es zum Schluss für den Aufstieg reicht, dann freuen wir uns alle. Erzwingen tun wir aber nichts. Vor der jetzigen Situation habe ich wirklich Respekt, weil du weißt nicht, was kommt. Die Corona-Geschichte ist ungewiss, ich habe keine Übersicht über den Fitnessstand der Truppe, wie viele Leute im Sommer in den Urlaub gehen, und auch keine Übersicht über die Liga. Wir nehmen es jetzt so, wie es kommt, werden jedes Spiel hochkonzentriert angehen und keine Mannschaft unterschätzen. Wenn die Spieler hoch wollen, werden sie auch alles dafür tun. Thema Einstellung und Motivation. Es liegt zum Großteil an den Jungs.
Das Interview führte Florian Würthele.