Ein Schritt zurück in die Zukunft
Montag 18.05.20 10:10 Uhr|Autor: Dieter Rebel12.109
Gemeinsam mit Freundin Helena Sauer und Hündin Rina erschien Lukas Wenzel in Bad Neustadt zum Interview mit FuPa-Reporter Dieter Rebel. Foto: Dieter Rebel

Ein Schritt zurück in die Zukunft

Lukas Wenzel wechselt vom 1. FC Lokomotive Leipzig zum TSV Aubstadt, vom Kultclub zum Dorfverein. Der 21-jährige Torhüter im großen FuPa-Interview.

Vom 1. FC Lokomotive Leipzig zum TSV Aubstadt, vom Kultclub zum Dorfverein. Auf den ersten Blick ist der Wechsel von Torwart-Talent Lukas Wenzel ein Schritt zurück. Für das 21-jährige Torwart-Talent, das beim 1. FC Nürnberg ausgebildet worden ist, ist diese Rückkehr in die Heimat vielmehr gleichbedeutend mit einer großen Chance. Der in Bastheim lebende Bald-Azubi will im Grabfeld den nächsten Schritt machen, Stammkeeper in der Regionalliga Bayern werden und Spuren hinterlassen bei "Abscht", wie er sehr selbstbewusst im Interview mit FuPa-Reporter Dieter Rebel deutlich macht.




Lukas, vom vor Traditions triefenden Kultclub zum kleinen Dorfverein. Größer könnte der Kontrast nicht sein, oder?
Das stimmt, ja. Ich komme aber aus der Region Grabfeld-Rhön. Und hier ist der TSV Aubstadt durchaus eine große Nummer. Deshalb ist es für mich eine absolut coole Sache, für diesen Verein auflaufen zu dürfen.

Warum hast Du Dich dazu entschlossen, von Lokomotive Leipzig zum TSV Aubstadt zu wechseln?
Ich habe in Leipzig als Nummer 2 keine Perspektive mehr gesehen. Bis zu meinem Bänderriss im Oktober 2019 war ich unangefochtener Stammkeeper. Auch nach meiner Verletzung stand ich wieder im Tor. Doch plötzlich - aus mir unerklärlichen Gründen - nahm der Trainer einen Wechsel vor im Kasten, Fabian Guderitz wurde verpflichtet. Ich habe einen großen Ehrgeiz und will mich mit 21 Jahren nicht auf die Bank setzen. Bei Aubstadt sehe ich die große Chance, mich auf Regionalliga-Niveau weiterzuentwickeln - und das auch noch in meiner Heimat.

Ist dieser Transfer nicht gleichbedeutend mit einem Schritt zurück?
Vielleicht sehen das manche so, das ist mir durchaus bewusst. Klar, die Vereinsgrößen und die Geschichte kann man nicht miteinander vergleichen. Bei Leipzig hatten wir beispielsweise einen Zuschauerschnitt von 3.500 - eine Zahl, die Aubstadt wohl nie erreichen wird. Für mich steht jedoch das Sportliche im Mittelpunkt. Lok Leipzig spielt Regionalliga - und Aubstadt auch. Noch Fragen? (lacht).


»Stehen solche Leute vor dir, hast du automatisch Respekt"

Was nimmst Du mit aus Deinen dann zwei Spielzeiten beim sächsischen Traditionsverein?
Leipzig ist für mich eine tolle Erfahrung - zumal Lok mein erster Verein im Männerbereich ist. Ich habe in Sachsen gelernt, dass Seniorenspiele etwas komplett anderes sind als der Juniorenfußball. Auch die Stadt an sich fasziniert mich total. Der Verein selber ist eine Geschichte für sich. Lokomotive ist für Regionalliga-Verhältnisse eine sehr, sehr große Nummer. Die Historie ist allgegenwärtig und die Unterstützung der Fans einmalig. Zum Spiel bei Chemnitz sind 2.500 unserer Fans mitgefahren. Das sind Momente, die man nie vergisst.

Wie ist der Kontakt zu Lok Leipzig überhaupt zustande gekommen?
Mein Berater war zum damaligen Zeitpunkt Scout des Vereins. Er organisierte ein Probetraining und danach war eigentlich alles klar.

Wie ist der Umgang mit bekannten Persönlichkeiten wie Trainer Wolfgang Wolf oder Kirsten-Sohn Benjamin?
Die Mannschaft ist top, ich wurde super aufgenommen. Die Harmonie passt, es gibt keine Grüppchen. Benjamin Kirsten ist ein absoluter Profi, von dem man viel lernen kann. Er war mit einer der Gründe, warum ich mich überhaupt für Leipzig entschieden habe. Er ist zu einer Art Mentor für mich geworden. Und bei Wolfgang Wolf merkt man seine extreme Erfahrung im höheren Bereich. Stehen solche Leute vor dir, hast du automatisch Respekt.

Was ist zu spüren in Leipzig von der großen Rivalität zwischen RB und Lok?
Bei den Fans ist die Rivalität ganz, ganz krass. Die RB-Sache ist aber nur eine Vorstufe zum tatsächlichen Lokalrivalen. BSG Chemie Leipzig ist noch einmal eine Stufe über RB Leipzig. In den Derbys in der Regionalliga gegen Chemie geht es immer ganz ordentlich zur Sache.

Nach diesen großen Themen geht’s nun also ins kleine Grabfeld: Was erwartest Du von "Abscht" und was kann der TSV umgekehrt von Dir erwarten?
Ich kann von Austadt erwarten, dass der Verein total familiär ist. Die meisten Spieler kommen aus der Region. Keiner hätte erwartet, dass der TSV als Aufsteiger eine derart gute Rolle spielt. Eine ganz besondere Sache für alle Beteiligten. Ich will mithelfen, diesen Weg weiter erfolgreich zu gestalten. Ich bin ein Siegertyp, ich will jedes Spiel gewinnen. Und ich hoffe, dass sich mit meiner Mentalität Abscht weiterhelfen kann.

Ist die Regionalliga für die Franken nur ein Abenteuer - oder glaubst Du, dass sich der Verein in der 4. Liga etablieren kann?
Ich gehe davon aus, dass wir uns langfristig in der Regionalliga festbeißen. Von jedem von uns soll das das Ziel sein.

Vor allem die Fans von Lok, die Lukas Wenzel hier mit seiner Nichte auf dem Arm abklatscht, haben es dem 21-Jährigen angetan.

Vor allem die Fans von Lok, die Lukas Wenzel hier mit seiner Nichte auf dem Arm abklatscht, haben es dem 21-Jährigen angetan. Foto: Max Kilian

"Lukas kommt aus der Region, wir kennen seine Familie. Das ist für uns immer sehr wichtig“ - so kommentierte TSV-Trainer Josef Francic, eine Vaterfigur für viele Spieler, Deinen Wechsel. Wie wichtig ist Dir diese Nestwärme nach der eher unpersönlichen Welt in Leipzig?
Ich habe mich in Leipzig megawohl gefühlt - u.a., weil auch meine Freundin Helena mit mir da hingezogen ist. Josef Francic kennt meinen Bruder sehr gut. Markus war Anwärter auf den Torwarttrainer-Posten bei Aubstadt. Es ist immer ein gutes Gefühl, wenn es solche Verbindungen gibt und dich der Trainer derart herzlich willkommen heißt.

Siehst Du nach Deiner hochwertigen Ausbildung beim Club und Deinen Lehrjahren in Sachsen Aubstadt nur als Zwischenstation, um endgültig den Sprung in den Profibereich zu schaffen?
Zwischenstopp? Nein! Ich lebe voll und ganz im Hier und Jetzt. Ab der neuen Saison bin ich 100 Prozent Aubstädter. Ich habe nicht umsonst einen Dreijahres-Vertrag unterschrieben.


Eine selbstbewusste Stammplatz-Ansage

Aubstadt ist gleichbedeutend mit Deiner Re-Amateurisierung, oder?
In Leipzig habe ich mein Geld nur mit Fußball verdient. Jetzt in Aubstadt werde ich mich um eine Ausbildungstelle kümmern.

Beim Aubstadt triffst Du u.a. auf Klasse-Keeper Andre Koob, der selbst erst vom WFV zum Regionalligisten gewechselt ist. Hast Du gegen ihn überhaupt eine Chance im Kampf um den Platz im Tor?
Ich werde die Nummer 1 - ganz klar.

Wie bereitet man sich generell auf einen derartigen Konkurrenzkampf vor?
Konkurrenzkampf ist sehr, sehr wichtig. Das gegenseitige Pushen spornt einem an. Aktuell gehe ich sechsmal die Woche laufen, um vorbereitet zu sein. Hinzu kommen Stabi-Übungen und Ähnliches. Ich bin bereit.

Vielen Dank für das Interview, alles Gute für die Zukunft - und ganz wichtig: Gesund bleiben.


Tabelle
1. Schweinfurt 2221 44
2. Nürnberg II 2226 43
3. SpV Bayreuth 2221 40
4. Aschaffenb. 2119 38
5. Gr. Fürth II 226 35
6. Eichstätt 2217 34
7. Aubstadt (Auf) 215 33
8. Buchbach 210 31
9. FC Augsburg II 215 28
10. SV Wacker 22-4 26
11. Illertissen 22-13 25
12. TSV Rain (Auf) 21-14 24
13. Heimstetten 22-11 23
14. Schalding 20-16 23
15. 1860 Rosenh. 22-24 21
16. FC Memmingen 20-11 19
17. VfR Garching 19-27 13
18. Türkgücü Mün o.W. (Auf) 00 0
Die vier Erstplatzierten spielen eine Aufstiegs-Playoffrunde um die Relegationsteilnahme, die dann gegen den Meister der Regionalliga Nord ausgetragen wird.

Tordifferenz zählt bei Punktgleichheit.
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