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Mittwoch 06.09.17 09:20 Uhr|Autor: Reinhard Hübner - Münchner Merkur3.902
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Dazwischen liegen 17 Jahre: Kilicaslan im Trikot von Türkgücü-Ataspor und als B-Junior beim FC Bayern. (Foto: Ziegler Hübner)

Im Porträt: Erdal Kilicaslan und der Traum vom Profi-Fußball

Ex-Profi bei Türkgücü-Ataspor
Ein extrem starker Kader hat Türkgücü-Ataspor zum Topfavoriten der Landesliga Südost gemacht. Nach Saisonstart wurde das Team weiter verstärkt: Mit Erdal Kilicaslan. Das einstige Supertalent des FC Bayern ist nach 13 Profijahren in der Türkei zurück in München. Um manche Erfahrung reicher.

„Die Trainer haben ja recht gehabt.“

Wenn Erdal Kilicaslan das sagt, ist das nicht ironisch gemeint, keinesfalls vorwurfsvoll, nein, er ist nicht verbittert. Nicht mehr. Vor knapp zehn Jahren noch hat das ein bisschen anders geklungen, als Deniz Yücel, damals Kolumnist bei der taz, eine packendes Porträt über ihn verfasst hat, das Porträt eines Supertalents, das beim FC Bayern aufs Abstellgleis geschoben worden war, das nun in der tiefen anatolischen Provinz sein Glück suchen musste. Das Porträt eines Gescheiterten.

Aber ist er denn gescheitert? 13 Jahre hat Erdal Kilicaslan in der Türkei gespielt, erste, zweite Liga, er hat gutes Geld verdient, alles netto, Abgaben übernimmt dort der Verein. Er hat viel gelernt, viel an Lebenserfahrung gewonnen, er hat alles reflektiert, er ist im Reinen, mit sich, mit dem Fußball. „Ich war“, sagt er heute, „einfach früher entwickelt als meine Altersgenossen.“ So ist er schon mit 15 Jugend-Nationalspieler geworden, in 63 Einsätzen für den DFB hat er 41 Tore geschossen, das ist bis heute unerreicht. Horst Hrubesch machte ihn, den Deutschtürken, zum Kapitän, stolz trug er die schwarz-rot-goldene Armbinde, er galt als Beispiel für gelungene Integration. Auch wenn sein Herz immer für die Türkei schlug. 

Was aber ist dann passiert?

Vater Yusuf hat damals die Schuld bei Hermann Gerland gesucht, „er mag keine türkischen Fußballer“, Erdal selbst hat gehadert, als ihn der „Tiger“ in der U23 einmal ein- und wieder ausgewechselt hat: „So etwas macht man nicht.“ Heute sieht er alles differenzierter, „ich bin einfach in meiner Entwicklung stehengeblieben, die anderen haben mich überholt.“ Die „anderen“, das waren Basti Schweinsteiger, Philipp Lahm, Christian Lell, Piotr Trochowski, alle haben große, zumindest gute Karrieren gemacht. Und Erdal erkennt neidlos an: „Die Trainer haben wohl recht gehabt.“

Aber ist er gescheitert? Vor der Bezirkssportanlage in der Heinrich-Wieland-Straße, wo er nun für Türkgücü-Ataspor spielt, hat er seinen Porsche geparkt, nagelneu, er besitzt Immobilien, er unterstützt seine Familie, ihm geht es gut. Sein Kopf ist kahl geworden, dafür sprießt nun der Bart. Er ist nicht mehr der Erdal von damals, er ist älter, reifer, hat viel an Lebenserfahrung gewonnen. Mit heute 33 kann er es sich leisten, Angebote aus der zweiten türkischen Liga auszuschlagen, nur in der ersten hätte er gern noch gespielt. Mangels passender Offerten aber kehrte er zurück nach München, wo seine Eltern am südöstlichen Stadtrand ein Einfamilienhaus bewohnen, wo seine Schwester lebt. Er muss kein Geld mehr verdienen, das Engagement bei Türkgücü-Ataspor hat emotionale Gründe: „Hier hat schon mein Vater gespielt.“ Er habe gute Gespräche mit dem Präsidenten geführt, das Projekt habe ihn überzeugt. Erdal will nun einfach mithelfen, die großen Ziele zu realisieren, möglichst anknüpfen zu können an die glorreichen Zeiten des SV Türkgücü, von denen sein Vater erzählt.

Gescheitert? „Ich bin zufrieden“, kontert Erdal. Er musste einen anderen, sicher härteren Weg gehen als seine einstigen Kollegen vom FC Bayern. Mit 20 in die anatolische Provinz, nach Gaziantep tief unten an der türkisch-syrischen Grenze, mutterseelenallein, einquartiert in ein kleines Apartment auf der Klubanlage. „Ein halbes Jahr habe ich gebraucht, um mich an die Atmosphäre zu gewöhnen“, er wurde verliehen und zurückgeholt, „von uns Deutschtürken wird viel erwartet, wenn du von Bayern kommst, hast du richtig Druck."

Geduld zählt nicht zu den primären Tugenden türkischer Fußballfunktionäre, „am Saisonende hatte ich oft drei, vier Trainer gehabt“, Zeit gibt es nicht, gesetzt wird vor allem auf fertige Spieler, Talente haben es schwer: „Auf Nachwuchsarbeit wird kein Wert gelegt, die Jugend spielt auf Plätzen, die man hier keiner F-Jugend zumuten würde.“ Es werde, klagt Kilicaslan, „unheimlich viel Geld verpulvert“, investiert in teure Altstars, die aber den türkischen Fußball nicht nach vorne brächten. 

Vielleicht war Erdal, in München geboren, ein bisschen verwöhnt, gerade beim FC Bayern fehlte ihm an nichts. In der Heimat seiner Vorfahren traf er auf völlig andere Bedingungen, andere Mentalitäten. Als Fußballer in der Türkei zählte er zwar zu den Privilegierten, sah aber, dass manches um ihn herum im Argen lag. „Es ist nicht so leicht, dort zu leben, es gibt keine so klaren Regeln, es ist alles nicht so geradlinig wie in Deutschland.“ Geholfen habe ihm, dass er beim FC Bayern „zu Disziplin und Bodenständigkeit erzogen“ worden sei, den Porsche, sagt er, habe er sich erst jetzt nach seiner Rückkehr geleistet.

Von Gaziantep ging es 2008 nach Konya, über Genclerbirligi und Mersin IY zu Osmanlispor in die Hauptstadt Ankara, Erdal Kilicaslan hat schließlich 183 Spiele in der ersten, 85 in der zweiten türkischen Liga absolviert. Und wenn er etwas bedauert, dann, dass er es nie zum türkischen Nationalspieler gebracht hat. „Das ist ein Ziel, das ich gerne noch erreicht hätte.“ 

Spricht so einer, der gescheitert ist?

Natürlich durfte Erdal Kilicaslan einst träumen von einer Karriere, wie sie etwa Philipp Lahm gemacht hat, mit dem er sich noch heute ab und zu trifft, wie Bastian Schweinsteiger. Aber muss er unzufrieden sein? „Die Türkei hat mir wertvolle Erfahrungen gebracht, hat mir viel geholfen“, auch wenn es keine einfachen Jahre waren. Aufstiege, Abstiege, viele verschiedene Trainer, unterschiedliche Vereine, sein Geld aber habe er immer bekommen, wenn auch manchmal erst verspätet mit Hilfe des Verbands.

Jetzt macht er wieder neue Erfahrungen, Landesliga, in einem Team mit Leuten, die den ganzen Tag arbeiten „und danach im Training noch Leistung bringen, das verdient höchsten Respekt“. Er weiß, dass man hier auf ihn schaut, das einstige Supertalent, den Ex-Profi, „hier muss ich Gas geben, man kann sich ja auch blamieren“. 

Fußball, sagt er zum Abschluss, „ist die schönste Sache der Welt. Kann aber auch grausam sein.“ Erdal Kilicaslan hat ihn in allen Facetten erlebt.


Die Amateurfußballseite erscheint jeden Mittwoch. Autor der heutigen Ausgabe ist Reinhard Hübner, erreichbar unter komsport@t-online.de

 
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Tabelle
1. SE Freising 1933 46
2. Türkgücü-Ata 2033 44
3.
FC Töging 204 38
4.
SpV Landshut 207 35
5.
Deisenhofen 209 31
6.
Geretsried 201 31
7.
ASV Dachau 1910 30
8.
Hallbergmoos 203 30
9.
TSV Kastl 200 30
10. Freilassing 200 25
11. SB Rosenheim 20-3 25
12. Grünwald (Auf) 20-9 22
13.
TSV Moosach (Auf) 20-24 22
14. Pfarrkirchen (Auf) 20-11 21
15.
Manching (Auf) 20-21 21
16.
SV Erlbach 19-2 19
17. Aiglsbach (Auf) 19-9 19
18. TSV Neuried (Auf) 20-21 15
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