Der fränkische Röhrnbach-Methusalem mit Profi-Vergangenheit
Montag 22.02.21 06:00 Uhr|Autor: Helmut Weigerstorfer 4.931
Früher Erstliga-Spieler in Hof und Berlin - jetzt Hobbykicker beim SV Röhrnbach: Gerd Böhm. Foto: Böhm

Der fränkische Röhrnbach-Methusalem mit Profi-Vergangenheit

Allein die Tatsache, dass Gert Böhm mit 80 Jahren noch beim SV Röhrnbach aktiv ist, ist eine Geschichte wert. Der freie Schriftsteller kann aber zudem mit einer Profi-Vergangenheit aufwarten.
Die Bühne ist bei weitem nicht mehr so groß wie einst. Mit dem Betzenberg in Kaiserslautern beispielsweise kann das Röhrnbacher Rasenspielfeld nicht mithalten. Aber das tut auch gar nichts zur Sache. Zumindest aus Sicht von Gert Böhm. Der 80-Jährige spielt seit jeher Fußball nur des Fußballs wegen - und nicht wegen des immer pompöser werdenden Drumherums. Das war vor 60 Jahren so, als der junge Mann für Bayern Hof und Tasmania Berlin in der seinerzeit erstklassigen Oberliga auflief. Und das ist noch heute so - in der "Alte Herren" (AH) des Kreisklassisten.


Als Sudetendeutscher, der nach Kriegsende als Kind von seiner Heimat vertrieben worden ist, war ein bewegtes Leben praktisch programmiert. Und es kam auch tatsächlich so. Auf der Flucht vor den Rachegelüsten der Tschechen ging seine Mutter verloren, er landete mit seiner Großmutter in einem Rosenheimer Barackenlager - und dann in Bernau am Chiemsee. Dank der Hilfe eines Suchdienstes fand er seine Mutter wieder und zog gemeinsam mit der Oma zu ihr nach Hof. In der oberfränkischen Stadt fand Böhm endlich eine Heimat. Noch heute wohnt er zweitweise dort.

In Hof sollte auch seine Fußballkarriere beginnen, die ihn für damalige Verhältnisse zu einer kleinen Sportberühmtheit im Nachkriegs-Deutschland werden ließ. Als 18-Jähriger war er bereits Vertragsspieler in der erstklassigen Oberliga Süd. Und verdiente auch ganz ordentlich: "Für ein gewonnenes Spiel gab es 350 Mark Siegesprämie. In einem guten Monat konnte man also auf über 1000 Mark kommen - das entsprach damals etwa dem, was ein Lehrer verdiente", erinnert er sich - und ergänzt in Anbetracht einer Anekdote von damals schmunzelnd: "Während ich als angehender Abiturient mit dem Auto zur Schule gefahren bin, kamen die meisten Lehrer noch mit dem Fahrrad." 

Ein Blick in beinah antike Fußball-Zeiten



Gert Böhm gehörte in einer Zeit zur nationalen Elite des Fußballs, als es noch gar keine Bundesliga gab. Fußball fristete in den Anfangszeiten des Wirtschaftswunders noch ein Mauerblümchen-Dasein. Es wurde noch mit Mittel- und Außenläufern sowie mit Libero gespielt. Wechsel waren noch nicht erlaubt. Vom Profitum nach heutiger Fasson konnten die Akteure damals nur träumen. "Technisch und taktisch war das damalige Spiel noch weit entfernt von heutigen Maßstäben." Das Flüchtlingskind, das ohne Vater, der dem Krieg zum Opfer fiel, aufwuchs, konnte sich aber zumindest durch sein Talent seine Ausbildung finanzieren - und auch der Mutter und Großmutter die ein oder andere Mark zustecken.

"Mein Ziel war es, mit dem Fußball mein Studium zu finanzieren." Und das schaffte Gert Böhm auch. Nachdem Abitur 1961 wechselte er nach Berlin, besuchte dort die Freie Universität - und richtete danach auch seine sportliche Karriere aus. Er lehnte deshalb Angebote von 1860 München, Saarbrücken und weiteren Vereinen ab. Doch auch in der geteilten Metropole, in der kurz nach seiner Ankunft die Mauer gebaut wurde, hatte er die Qual der Wahl. Eigentlich war mit Tennis Borussia, der Nummer 3 der Stadt hinter Hertha bereits alles klar. Doch dann mischte sich noch der damalige Platzhirsch Tasmania ein. "Der Schatzmeister ist nach Hof gekommen und hat zu mir gesagt: Egal, was Tennis Borussia zahlt, wir geben dir das Doppelte." Der Höhepunkt: 1961 spielte Tasmania im DFB-Viertelfinale gegen Kaiserslautern, damals die beste Mannschaft Deutschlands, verlor unglücklich und schied aus. Gert Böhm schoss das einzige Tor seiner Farben beim 1:2.



Doch bevor seine Karriere überhaupt richtig ins Rollen kam, machte eine Knieverletzung die hoffnungsvolle Karriere zunichte. Ein Meniskusriss heilte nicht mehr aus. Heute eine Lappalie, war dieser körperliche Schaden damals oft gleichbedeutend mit dem Karriereende. Gert Böhm musste seine Fußballschuhe mit gerade einmal 21 Jahren an den Nagel hängen. "Seinerzeit war es aber so, dass keine Zeit blieb zum hadern", blickt er zurück. "Außerdem war sowieso offen, wohin mein Weg führt. Ich war kein Übertalent, obwohl mich Tasmania bei der Vorstellung als 'ungeschliffenen Diamanten aus Bayern' verkaufte. Ich war eher ein mittelmäßiger Profi. Und wer weiß, ob ich mich komplett durchgesetzt hätte."

Der zwangsweise Allrounder fand schnell einen alternativen Lebensweg. Sein Studium musste er abbrechen, weil er es nicht mehr finanzieren konnte. Er kehrte in seine Heimat zurück und absolvierte eine Ausbildung zum Redakteur bei einer fränkischen Zeitung, die er später sogar zeitweise als Geschäftsführer verantwortete. Seine Verbindung zum Sport, vor allem zum Fußball blieb allerdings immer bestehen. Sein Knie bereitet ihm bis heute Sorgen, doch zumindest Hobbysport ist drin. Dank früherer Kontakte spielte Böhm lange Jahre in Auswahlmannschaften mit u.a. Willy Schulz, Wolfgang Fahrian und Lothar Emmerich in Manila und in Puerto Rico, in Kenya, Guatemala und in Mexiko, in Österreich und Ungarn. Auch Ski-Legende Christian Neureuther sowie die Boxer "Bubi" Scholz und Rene Weller gehörten zu diesem Team.

Einst spielte Böhm u.a. auf dem Betzenberg, nun ist der Sportplatz des SV Röhrnbach seine sportliche Heimat.

Einst spielte Böhm u.a. auf dem Betzenberg, nun ist der Sportplatz des SV Röhrnbach seine sportliche Heimat. Foto: Robert Geisler


"Jedes Jahr waren wir zehn Tage gemeinsam unterwegs, um Fußball zu spielen", berichtet Gert Böhm. Er, das Flüchtlingskind, das sich jahrzehntelang mit der Frage nach dem Sinn des Lebens auseinandersetzte und darüber ein Dutzend Bücher schrieb, wollte, dass es anderen vom Schicksal eher benachteiligten Menschen besser ergeht als ihm. Gleichzeitig war und ist der Franke ein Charakter, der es wertschätzt, aufgenommen zu werden und somit Teil einer Gemeinschaft zu sein. Genauso sowas erlebte er beim SV Röhrnbach.

Im Markt im Landkreis Freyung-Grafenau lernte er seine heutige Lebenspartnerin kennen, die er regelmäßig in ihrer Heimat besucht. Auf dem Weg zur späten Liebe fuhr er auch immer wieder am Sportplatz des SVR vorbei, dem er sich aufgrund seiner Vergangenheit magisch hingezogen fühlte. So kam es, wie es kommen musste. Gert Böhm informierte sich, wann die AH Training hat, schaute vorbei und wurde sofort herzlich aufgenommen. "Jeder, der sich vernünftig verhält sowie ab und an einen Kasten Bier zahlt, ist bei uns herzlich Willkommen", betont Röhrnbachs AH-Chef Günther Bauer. "Und da ist es dann auch egal, wie alt derjenige ist."

Mit 80 Jahren ist der Neuzugang mit Profi-Karriere natürlich der Senior der Truppe. Kann aber aufgrund seiner fußballerischen Ausbildung noch mithalten, wie er im Brustton der Überzeugung feststellt. Er nimmt bei der Röhrnbacher AH allerdings nur am Training teil, bei Spielen wirkt er nicht mehr mit. Corona hat den inzwischen erfolgreichen Schriftsteller in dieser Hinsicht ausgebremst. Günther Bauer indes ist mit einem großen Augenzwinkern begeistert von seinem neuen Kadermitglied: "Nach den Einheiten ist Gert stets der einzige, der keinen Fehlpass gespielt hat."

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Tabelle
1. Eltersdorf 2655 61
2. DJK Vilzing 2440 55
3. Seligenport. 2329 49
4. Großbardorf 2512 43
5. Ammerthal 24-1 38
6. Ansbach 2317 36
7. FCE Bamberg (Auf) 24-1 35
8. Würzburg. FV 235 34
9. Gebenbach 235 32
10. ATSV Erlang. 23-5 31
11. ASV Cham (Auf) 23-6 31
12. TSV Abtswind 24-17 27
13. DJK Bamberg 24-16 23
14. Bayern Hof 21-14 23
15. 1. FC Sand 24-12 21
16. TSV Karlburg (Auf) 25-41 14
17. Vikt. Kahl (Auf) 21-50 9
Wertung gemäß Direkter Vergleich
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