Dieter Dollmann: Der Grandseigneur in kurzen Hosen
Samstag 09.09.17 17:15 Uhr|Autor: Stuttgarter Nachrichten / Gunter Barner497
VfB gegen Kickers, Zweitligaderby 1976 (2:1): Hitzfeld trennt Dollmann (re.) vom Ball. Foto:Baumann

Dieter Dollmann: Der Grandseigneur in kurzen Hosen

Als der Fußball noch das Original war

Ein Stück blaue Geschichte: Dieter Dollmann, der ehemalige Profi und Manager bei den Stuttgarter Kickers, feiert seinen 70. Geburtstag.




Es war die Zeit, als der Fußball noch das Original war. Die Stadionwurst auf der Waldau brutzelte auf dem Holzofengrill, aus den Lautsprechern brüllten keine Sponsoren, und wenn Toni Kurbos im eiligen Sturm auf das gegnerische Tor mal wieder den Ball vergessen hatte, erinnerten ihn die ­Zuschauer auf der Stehtribüne an seine Pflichten: „Sag mol, Toni. Hascht heut’ ­wieder deine Ballettschühle an?“

Es war bei den Stuttgarter Kickers nicht alles besser, aber vieles eben anders.

Die Spieler trugen noch Namen, die man sich merken konnte, sie wechselten nicht alle naselang den Verein, und wenn es eng wurde im Spiel, sprang auf der Haupttribüne Mitte, letzte Reihe außen, der Metzgermeister Fritz Seeger auf und rief so laut, dass es jeder Gegenspieler hören konnte: „Auf, ihr blaue Götter! Die andere könnet doch nix!“ Dann pflegte ihn sein Freund, die Kickers-Legende Eberhard „Ebo“ Eberle, Kapitän der Fußball-Olympiamannschaft von 1952, mit dem Hinweis am Ärmel zu zupfen: „Fritze, es reicht. Setz dich wieder!“

20 Jahre war der Grandseigneur den Blauen zu Diensten

Auf dem Feld durchmaß in solchen Augenblicken ein Schlaks mit storchengleichen Schritten Raum und Zeit. Trat dann mit hoher Präzision den Ball, den die Fachwelt heute mit wichtigen Gesichtern einen Vertikalpass nennen würde. Und wer den Kickers-Libero seine Mannschaft dirigieren sah, grau melierten Hauptes und erhobenen Blickes, dem leuchtete ein, warum Dieter Dollmann zum blauen Adel so gut passte wie der Fernsehturm zur Waldau. Noblesse oblige. Einer schrieb: „Er ist der erste ­Fußballprofi, der eine Sporthose mit ­Bügelfalte trägt.“

20 Jahre war der Grandseigneur den Stuttgarter Kickers stets zu Diensten. Von 1973 bis 1983 als Spieler (475 Spiele), danach zehn Jahre als Manager im Ehrenamt, immer chic gekleidet, das Akten­köfferchen zur Hand. Weil es bei den traditionell finanzschwachen Kickers aber nicht mehr zu verdienen gab, als dann und wann einen Klaps auf die Schultern, verdiente „Dolli“ seine Brötchen in der Firma seines ­Präsidenten Axel Dünnwald-Metzler: ADM Sihlouette. Als Prokurist und Vertriebs­leiter in einer Edelschmiede für Lesehilfen.

Einen Job weniger und das dreifache ­Gehalt

Dass Dollmann immer den Durchblick hatte, bezweifelten seine Kritiker meistens dann, wenn die Blauen mal wieder bis zum Hals in Schwierigkeiten steckten. Also oft. Aber es ist sicher nicht falsch zu sagen, dass er die sympathische Alternative im Stuttgarter Fußball viele Jahre lang mit geprägt hat. Es gab Hochs wie das legendäre Endspiel um den DFB-Pokal 1987 (1:3 gegen den Hamburger SV) und den zweimaligen ­Aufstieg in die Bundesliga (1988/1991). Und es gab Tiefs wie den jeweiligen Wiederabstieg. „Wir hatten in der ersten Bundes­liga-Saison den FC Bayern München mit einem 0:0 gegen den 1. FC Köln vorzeitig zum Meister gemacht“, ärgert sich Dieter ­Dollmann noch heute. Eine Woche später, geschwächt von intensiven Feiern, unterlag der neue Titelträger mit 1:2 beim 1. FC Nürnberg. Der Club blieb oben, die Kickers stiegen ab. „Wegen des schlechteren ­Tor­verhältnisses im Vergleich zu Frankfurt, Bochum und Nürnberg“, erinnert sich der Manager von damals. Und macht ein ­Gesicht, als hätte der Zahnarzt gebohrt.

1993 nahm Dieter Dollmann seinen Hut. Es grummelte beim damaligen Zweitligisten. Kurz zuvor hatten ihn die Mitglieder nur mit hauchdünner Mehrheit wieder ins Präsidium gewählt. Der „Professor“ kehrte dem Fußball den Rücken, verließ das Unternehmen von ADM und wechselte zu einem französischen Brillenhersteller. „Ich hatte einen Job weniger und das dreifache ­Gehalt.“ Sieben Jahre später infizierte er sich noch einmal mit dem Fußballvirus. Das hat er bereut.

„Ich bin ja immer ein Blauer geblieben.“

Er wurde Manager beim Zweitligisten SV Waldhof Mannheim. Es gab finanziellen Stress, sportlichen Misserfolg, eine gescheiterte Fusion mit dem VfR und zu guter Letzt reichlich Prügel von Fans und Kritikern. Dollmann seufzt: „Erinnern Sie mich bitte nicht daran.“ Schwamm drüber. Er lebt heute in Abstatt (Kreis Heilbronn) und steht öfter als früher über den Dingen: Er ist Sportpilot, ein begeisterter Flieger.

Am 12. September feiert Dieter Dollmann seinen 70. Geburtstag. Mit Wegbegleitern aus früheren Zeiten und einer kleinen Feier im Kickers-Clubheim. Sie werden die alten Geschichten erzählen. Von großen Siegen, bitteren Niederlagen und von verpassten Chancen. Denn irgendwie ist Dieter Dollmanns Geschichte auch die der Stuttgarter Kickers. Er sagt, dass es kein Wunder ist. „Ich bin ja immer ein Blauer geblieben.“

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