Badewannen für die Gegner...
Samstag 27.05.17 08:00 Uhr|Autor: Günther Krämer (Oberhessische Zeitung)646
Die Helden von damals heute beim SVL-Stammtisch (von links): Hugo Schmidt (73), Erich Hüttner (72), Joachim Frey (73), Heini Müller (77), Franz Kolasch (77), Manfred Hett (74), Günther Krämer (71), Herbert Schäfer (73). Foto: Krämer

Badewannen für die Gegner...

+++ ...während Leusel sich am Dorfbrunnen frisch machte +++ Blick in die Historie: Der Sensationsmeister von 1963/64 +++
Alsfeld. Auf diesen Tag musste die SpVgg. Leusel lange warten. Heute, vor dem Heimspiel gegen die SG Altenburg/Eudorf/Schwabenrod, werden die Grün-Weißen als Meister der FußballKreisoberliga Gießen Süd geehrt. Grund genug einmal zurückzublicken. Und zwar richtig lange zurück, denn von der aktuellen Meisterschaftmannschaft war noch gar keiner auf der Welt, als der SVL letztmals einen vergleichbar großen Erfolg feierte.


Es war an Himmelfahrt, genau am 25. Mai 1963. Da errang der SV Leusel durch einen 5:1-Auswärtssieg bei der KSG Maulbach den Meistertitel in der A-Klasse Alsfeld. Damit verbunden war der Aufstieg in die II. Amateurliga Mitte im Bezirk Gießen/Marburg der damals zweithöchsten Liga des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) und somit vergleichbar mit der heutigen Verbandsliga. Und in eben dieser zweithöchsten hessischen Spielklasse für die Amateure fand sich anno 1964 plötzlich der SV Leusel, ein kleiner Fußballverein, ein Dorfclub, den vorher außerhalb des Fußballkreises Alsfeld nun wahrlich keiner kannte.

Die sportliche Überraschung war selbst in Leusel groß. Denn: in der Saison 1961/1962 spielte man noch in der B-Klasse und schaffte erst im Entscheidungsspiel den Aufstieg in die A-Klasse. Dort angekommen, gab es für die Vereinsverantwortlichen, darunter der damalige Vorsitzende Walter Schopbach, sein Stellvertreter Gustav Fink und Spielausschussvorsitzender Paul Korell, nur ein Ziel: Klassenerhalt. Doch es kam anders: Bereits vier Spieltage vor Saison-Ende stand der SV Leusel mit zehn Punkten Vorsprung damals gab es bekanntlich noch die Zwei-Punkte-Regel als Meister und Aufsteiger in die II. Amateurliga fest. Selbst das Team um Spielführer Franz Kolasch konnte es kaum glauben.

Trotzdem: Der damalige Höhenflug hatte sich angedeutet. Der SV Leusel dominierte nämlich Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre in der Jugendarbeit. Leusel wurde mehrmals Kreismeister, scheiterte zwar in den Spielen um den Bezirksmeistertitel, aber es war unverkennbar: Da wächst fußballerisch etwas Großes heran. Letztlich wurde durch diese gute Jugendarbeit der Grundstein für den späteren Höhenflug im Seniorenbereich gelegt, der mit dem „Durchmarsch“ von der B-Klasse in die II. Amateurliga gekrönt wurde.

Plötzlich gegen die Großen

Die Meisterschaft vor 54 Jahren kam in der Tat völlig überraschend. Prompt kam die Frage auf: Wie sollen wir als kleiner Dorfverein gegen die damaligen „Großen“ TSV Kirchhain, SV 06 Alsfeld, FV Breidenbach, FV Wallau, Eintracht Stadtallendorf mithalten? Das gesamte Dorf stand zum SV Leusel, das Vereinslokal „Gaststätte Fink“ in der Dorfmitte war Dreh- und Angelpunkt für den SVL Denn: ein Sportheim gab es damals noch nicht. Früher kamen die Spieler bereits im Trikot und mit den Fußballschuhen auf den Sportplatz. Das allerdings konnte man den gegnerischen Mannschaften in der II. Amateurliga nicht zumuten. Folglich wurde kurzfristig der Saal-Anbau im Vereinslokal zur „Gäste-Umkleide“ umfunktioniert. Nach dem Spiel sorgten Badewannen für die nötige Waschgelegenheit.

Zu den Auswärtsspielen, die jetzt nicht mehr nach Zell, Mücke, Nieder-Ohmen oder Elbenrod führten, sondern bis Breidenbach, Bottenhorn, Marburg oder Hartenrod gingen, wurden Busse eingesetzt. Manchmal mussten sogar zwei Busse eingesetzt werden, um die zahlreichen Anhänger mitnehmen zu können.

Unvergessen die Premiere in der neuen Liga. Denn es ging gleich gegen den SV 06 Alsfeld los. Gegen den vermeintlich übermächtigen Nachbarn, der seit Jahren in der II. Amateurliga um den Titel mitspielte. Für zusätzliche Brisanz sorgte die Trainerpersonalie: Coach des erfolgreichen SV 06 Alsfeld war Hans Wrede. Und eben dieser Hans Wrede hatte den SV Leusel – sozusagen als „Zweit-Engagement“ zum Meistertitel geführt. Zwar beendete Wrede vor Saisonbeginn seinen Einsatz in Leusel, dennoch war es eine ebenso kuriose wie ungewöhnliche Situation: Ausgerechnet der Trainer, der Leusel zum größten Triumph geführt hatte, war im Auftaktspiel der nächsten Saison der erste Gegner. Damit nicht genug: Die ohnehin hitzige Stimmung wurde durch einen weiteren Fakt verstärkt,.Mit Horst „Hammchen“ Welker – später auch Günter Nolte – standen zwei ehemalige SV 06er im Leuseler Aufgebot, die in Alsfeld zu den Reservisten zählten und entsprechend die „Fronten“ gewechselten hatten. Die OZ kündigte das Spiel, das am 18. August 1963 in Leusel stattfand, als den „ersten Knüller“ für den Aufsteiger an. Vor 1 200 Zuschauern bei bissigem Wind und Regenschauern, die das ohnehin nicht gute Geläuf immer rutschiger werden ließen entwickelte sich ein zerfahrenes Derby. Leusel – mit dem neuen Trainer Hans Heipel (Schrecksbach) – setzte im damaligen WM-System auf eine stabile Abwehr, zumal die „Roten“ aus Alsfeld die besseren Einzelspieler und viel mehr Erfahrung hatten. Und diese Taktik hatte Erfolg. Der Aufsteiger brachte die favorisierten 06er mehr und mehr in Verlegenheit und ging durch Wolfgang Ruth, nach Zuspiel von Günter Kolasch, in Führung 1:0 (15.). Alsfeld antwortete mit wütenden Angriffen, doch Torwart Herbert Schäfer, gerade einmal 19 Jahre alt, hielt großartig. Erst ein abgefälschter Flachschuss von Wilfried Tost brachte das 1:1 (70.). Die Gäste verstärkten den Druck, doch das entscheidende Tor schoss Leusel: Rechtsaußen Heini Müller setzte sich gegen seinen Bewacher Helmut Planz, der früher in der Jugend des SV Leusel gespielt hatte, durch. Seine halbhohe Flanke köpfte Wolfgang Ruth am 06er Keeper Wilfried Kraft zum 2:1 ein (79.) das Siegtor.

Drei Tage durchgefeiert

Der Jubel im Leuseler Lager war groß. Nach dem Spiel lagen sich nicht nur die Mannschaft, sondern auch die Anhänger in den Armen. Das erste Spiel in der II. Amateurliga gegen den Top-Favoriten war gewonnen. Die 06er und Trainer Hans Wrede machten sich schnell nach Alsfeld, um sich von diesem Schock zu erholen. Einige Leuseler Spieler sollen dagegen drei Tage am Stück gefeiert haben.

Am Ende durfte dann aber Alsfeld jubeln, das trotz der Derbyniederlage Meister wurde, dann aber in den Aufstiegsspielen an Opel Rüsselsheim vor 3500 Zuschauern „In der Rambach“ und FV Geisenheim (mit dem späteren HSV-Spieler Bubi Hönig) scheiterte. Leusel gewann übrigens auch das zweite Spiel: Mit zwei Bussen war man zum ersten Auswärtsspiel zum VfB Wetter gereist. Endstand: 5:4 für Leusel. Und wieder war auf die Treffsicherheit von Wolfgang Ruth Verlass, der mit drei Treffern glänzte. Die beiden weiteren Treffer erzielte Heini Müller. Im dritten Spiel endete Leusels Höhenflug: 1:2 gegen Marburg. Auch in der Folge überwogen Niederlagen. Doch der krasse Außenseiter verkaufte sich teuer, hielt in nahezu allen Spielen mit, wurde nach dem glänzenden Auftakt von der Konkurrenz aber nicht mehr unterschätzt. Am Ende landete Leusel mit 23:37 Punkten und 52:87 Toren auf Rang 13 von 16 Teams. Bitter: Das hätte in früheren Jahren leicht zum Klassenerhalt gereicht. Doch wegen der Einführung der Bundesliga 1964 gab es eine völlig neue Klasseneinteilung. Die Folge: Anstatt zwei Teams stiegen 1964 vier aus der II. Amateurliga ab. Somit stand Leusel auf dem ersten Abstiegsrang.

Übrigens: Das Rückspiel beim SV 06 Alsfeld fand am 5. Januar 1964 auf dem Lindensportplatz in Alsfeld statt. Die 06er revanchierten sich für die Hinspielpleite und gewannen 4:0. Das letzte Spiel des SV Leusel in der II. Amateurliga wurde am 7. Mai 1964 (Himmelfahrt) gegen Breidenbach mit 0:6 verloren.

Schäfer, Herbert: 19 Jahre, Torwart, Elektromonteur, aus der eigenen Jugend hervorgegangen, reaktionsschnell, zuverlässig, gutes Stellungsspiel „auf der Linie“.

Pittich, Gerhard: 20 Jahre, kaufmännischer Angestellter, aus der eigenen Jugend hervorgegangen, Verteidiger, zäh, großer Kämpfer.

Hett, Manfred: 19 Jahre, aus der eigenen Jugend hervorgegangen, kaufmännischer Angestellter, Verteidiger, wohnhaft in Münch-Leusel, kann auch Stopper spielen, eigene „Züchtung“, drahtig, kann verbissen kämpfen.

Kolasch, Franz: 23 Jahre, kaufmännischer Angestellter, Verteidiger, stoische Ruhe, zuverlässig, unermüdlicher „Fighter“, gute Kondition, eigener Nachwuchs.

Rühl, Helmut: 22 Jahre, Kfz-Schlosser, Außenläufer, „Leuseler Gewächs“, Ankurbler des Angriffs, steckt niemals auf.

Müller, Hermann: 24 Jahre, Elektriker, Stopper, ruhender Pol in der Abwehr, schnell, zuverlässig, gute Spielübersicht, aus der eigenen Jugend hervorgegangen.

Schlitt, Willi: 19 Jahre, wohnhaft in Vockenrod, Maurer, aus der eigenen Jugend hervorgegangen, unerbittlicher Zerstörer, lässt sich nicht unterkriegen.

Stegbauer, Franz: 18 Jahre, Kfz-Schlosser, großes Talent, Stopper, aus der eigenen Jugend hervorgegangen, trotz der Jugend hat er die Ruhe eines „Bierkutschers“, wird seinen Weg machen.

Habermehl, Walter: 20 Jahre, Schreiner, kam vom SV Hopfgarten über FT 05 Alsfeld zum SV Leusel, schneller Antritt, Torriecher.

Müller, Heini: 23 Jahre, Kraftfahrer, aus dem eigenen Nachwuchs, Allroundspieler, auf alles Posten steht er seinen Mann.

Frey, Joachim: 18 Jahre, Schreiner, Halbstürmer, Spielmacher, kann mit dem Ball umgehen, entstammt der eigenen Jugend, 16 Tore.

Ruth, Wolfgang: 23 Jahren, vom VfL Bochum über Wanfried nach Leusel, BGS-Beamter, Torschützenkönig mit 37 Treffen, ist immer mit Lust und Liebe dabei, auch als Abwehrspieler zu verwenden.

Kolasch, Günter: 18 Jahre, Maler, kommt aus der eigenen Jugend, als Kopfballspezialist gefürchtet, spielt Halbstürmer oder Außenläufer, hoffnungsvolles Talent, ausgezeichnete Kondition, trickreich.

Schwohl, Horst: 27 Jahre, Landwirt, kommt vom FSV Ravensburg/Bodensee, Senior der Mannschaft, Spielführer, wieselflink, gefürchtet sind seine unwiderstehlichen Flankenläufe, Linksaußen.

Krämer, Horst: 24 Jahre, Bäcker, eigener Nachwuchs, Pechvogel , hatte wegen einer Knieverletzung lange pausiert, kurz darauf erneut verletzt, wuchtig, schussstark.

Hüttner, Erich: 18 Jahre, Kfz-Schlosser, eigener Nachwuchs, Linksaußen, spielt noch in der Leuseler Jugend, zum Einsatz jederzeit bereit, muss sich die Sporen erst noch verdienen.

Zugänge

Dazu kamen Horst Welker, 26 (vom SV 06 Alsfeld), Günter Nolte (25), BGS-Beamter, und im Laufe der Vorrunde noch aus der eigenen Jugend Günther Krämer, 17 Jahre (!) Schriftsetzer.

Trainer: Hans Heipel (VfB Schrecksbach); Rückrunde: Oskar Schraml (FV Gütersloh).

Hermann Müller, ehrgeiziger Fußballer des SVL, konnte mit Niederlagen schlecht umgehen. Da drosch er den Ball auch schon einmal aus Verärgerung in Richtung eigene Tor. Nach einer Niederlage beim MTV Gießen fehlte der Mittelläufer bei der Heimfahrt. Einen Tag später stellte sich heraus: Müller war so sauer, dass er noch im Trikot zum Bahnhof lief und mit dem Zug nach Hause fuhr.

Heute kaum vorstellbar: Damals gab es kein Sportheim zum Umziehen und keine Duschen zum Waschen. Für die Gäste gab es Badewannen, die heimischen Spieler machten sich am Dorfbrunnen „frisch“.

Wer sich heute über Unebenheiten auf dem Sportgelände ärgert, der hätte die Plätze früher einmal sehen sollen. Damals glich das Spielfeld in der Tat eher einem Acker. Sand oder Sägemehl wurde damals in die Unebenheiten eingebracht um die tiefsten Löcher zu stopfen. Gerade aus der linken Seite des Leuseler Platzes mussten fast bei jedem Spiel im Frühjahr die Erdhügel, die die Maulwürfe hochgeschaufelt hatten, beseitigt werden. Entsprechend hieß es damals weniger, den „Ball laufen zu lassen“, als vielmehr „halbhoch“ zu spielen.


Der Torjäger

Leusels Wolfgang Ruth schoss in den beiden ersten Spielen in der II. Amateurliga in der Saison 1963/64 gleich fünf Treffer. Das rief damals sogar HFV-Verbandstrainer Rudi Gellesch auf den Plan: Gleich nach dem zweiten Saisonspiel flatterte eine Einladung zum Vorbereitungstraining in der Sportschule Grünberg auf den Tisch des SVL-Torjägers. Dieser fuhr hin und trainierte mit zahlreichen Erstliga-Spielern  unter anderem waren auch Jürgen Himmelmann (VfB 1900 Gießen) und Wolfgang Kunter (VfL Marburg) mit von der Partie. „Aber, das war eine Klasse zu hoch für mich“, gesteht Ruth heute rückblickend ein.



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