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Samstag 12.08.17 09:45 Uhr|Autor: Stuttgarter Zeitung / Oskar Beck275
Dorfmerkingens Trainer Helmut Dietterle jubelt nach dem Erfolg im WFV-Pokalfinale im Mai gegen die Stuttgarter Kickers. Am Wochenende wartet ein anderes Kaliber – Bundesligist RB Leipzig. Foto: Baumann

Kolumne: Wie nimmt man einen Stier auf die Hörner?

Oskar Beck berichtet in seiner Kolumne über die Sportfreunde Dorfmerkingen und das anstehende DFB-Pokalspiel gegen RB Leipzig
Dorfmerkingen ist ein Dorf, das man sich merken muss. Auf der Ostalb gehen sie jetzt sogar auf Bullen los.

Fußballspiele werden nicht im Kopf entschieden, sondern im Kochtopf – man weiß es, seit Franz ­Beckenbauer, damals noch als hungriger Franzl, kurz nach dem Krieg im Werbefernsehen empfahl: „Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch.“

Allerdings gibt es auch Spiele, bei denen es mit einer Nudelsuppe nicht mehr getan ist – fragen Sie Daniela ­Weber.

Die spürt, dass der Magen nicht brummen darf, wenn der kleinste Club auf die größten losgeht, und schwört deshalb auf ihr raffiniertes Ritual: Bevor die Kicker der Sportfreunde Dorfmerkingen zu ihren berühmt-berüchtigten Favoritenstürzen ins Stadion fahren, tischt sie ihnen mit ihren Nachbarinnen und Freundinnen geschwind noch ein Mannschaftsessen auf, das die beste Taktik und virtuoseste Ballbehandlung ersetzt. Am Sonntag ist es wieder so weit. Das Erfolgsrezept diesmal?


Dorfmerkingen steht kopf

„Spaghetti bolognese“, verrät uns Daniela Weber.

Ihr Mann Berthold ist der Sponsor des Clubs, aus dem Vollen geschöpft wird im Schulungsraum bei Holzbau Weber, und beim letzten Mal kehrten die Gefütterten prompt als Helden zurück, mit dem württembergischen Pokal im Arm. „Ein gutes Omen“, freut sich Trainer Helmut Dietterle, doch diesmal wird es eng: Wie viel Kraft muss in den Teller, um eine Horde sächsischer ­Stiere auf die Hörner zu nehmen?

Denn als Gegner kommen die Roten Bullen, die amtierenden deutschen Vizemonster von RasenBall Leipzig. Der kleinste Club empfängt im DFB-Pokal also einen der größten, und Dorfmerkingen steht kopf. Dieser Tage strömten 150 Fans zum Training, außerdem zwei Filmteams und „Bild“. Auch eine Reporterin von der „Leipziger Volkszeitung“ rief an. Dietterle: „Sie fragte nach der S-Bahn.“

Die Dorfmerkinger halten sich in solchen Momenten brüllend den Bauch. Was sie auf Schienen anbieten könnten, wäre allenfalls die „Schättere-Dampflok“ der Härtsfeldbahn, die früher kurvig die Ostalb durchquerte und für Touristen auch heute noch manchmal vor sich hin tuckert, als Nummer drei der lokalen Attraktionen. Nummer zwei ist das Neresheimer Benediktinerkloster.

Nummer eins sind die Fußballer.

Dorfmerkingen? Das ist dort, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, und dann noch schräg über die Felder und am Ende scharf links. Der Flecken hat ungefähr 900 Seelen, und 870 davon fahren am Sonntag mit Shuttle-Bussen nach Aalen ins Stadion – so wie letzten Mai nach Degerloch, wo die siebtklassigen Dorfmerkinger dann im WFV-Finale die Stuttgarter Kickers weggeputzt haben. Nach dem Abpfiff fuhren sie als achtes Weltwunder mit dem Volkslied „Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin“ auf den Lippen heim zum örtlichen Feuerwehrfest, gaben sich dort dem schleunigst gebrauten Spezialbier „Pokal-Traum“ hin – und wurden zwei Tage später, mit drei Promille im Blut, auch noch Meister ihrer Landesliga.



GALERIE Sportfreunde Dorfmerkingen - SV Stuttgarter Kickers



Dietterle kennt die Verantwortlichen von RB

Was für ein Sommer. Die Überflieger ­waren so besoffen vor Glück, dass sie sich bei ihrer Meisterfeier auf Mallorca im Bierkönig am Ballermann auch noch den Pokal klauen ließen. Aber er ist wieder da. Die weniger gute Nachricht: Als Titelverteidiger sind die Dorfmerkinger in der neuen Saison schon ausgeschieden, gegen Freiberg am Neckar, nulldrei. „Keiner unterschätzt uns mehr“, jammert Dietterle, „vermutlich nicht einmal die Leipziger.“

Er kennt sie, diese gnadenlosen und akribischen Siegesbestien. Ralph Hasenhüttl, der Trainer, war früher Erfolgstrainer beim VfR Aalen, wie er selbst. Und er kennt Ralf Rangnick, den Leipziger Chef. Der trainierte vor Jahren einmal Hannover 96 im DFB-Pokal gegen Dietterles damalige Aalener, und die führten bis zur 89. Minute 2:1. Endstand 2:3.

Hitchcock führte Regie, und das Aalener Stadion kochte. Es ist Dietterles Gras, mit jedem Halm ist er hier per Du. Hier war er als junger Spund Spieler, ehe er zum VfB ging und mit Ohlicher, Hitzfeld, Hoeneß, Förster oder Hansi Müller als Aufstiegsheld ­anno 77 Geschichte schrieb. ­Neulich hat er sie alle wieder getroffen. Jetzt trifft Dietterle im Pokal andere alte VfBler wie Rangnick – und dessen Leipziger Maultaschen-Filiale, allen voran der Cannstatter Ex-Manager Jochen Schneider und Ex-Nachwuchschef Frieder Schrof, scheut keinen Rat. „Wir wüssten doch sonst gar nicht“, sagt Dietterle, „wie man so ein Spiel stemmt.“

Es geht zu, als ob Weihnachten und Ostern zusammenfallen. Dorfmerkingen ist ein Dorf, das man sich spätestens ab Sonntag merken muss, Sky und die „Sportschau“ übertragen, und sogar Waldi Hartmann hat sich wieder gemeldet. 1998, als die Dorfmerkinger schon einmal als DFB-Pokal-Wunder grüßten, schaltete die ARD zur Auslosung auf die Ostalb, Waldi fragte Dietterle neugierig ein Loch in die Sohlen – und jetzt hat er sich wieder gemeldet, diesmal via E-Mail, „und uns gratuliert zum Los Leipzig“.

„Das Geld kommt wie bestellt“

Das Spiel ist der viel besungene Sechser im Lotto. 115 000 Euro klimpern als Fernsehgeld in der Dorfclubkasse, und durch die 14 500 Zuschauer in der schon so gut wie ausverkauften Hütte gesellen sich nach Abzug des Leipziger Anteils weitere 110 000 Euro dazu. Der ganze Club packt mit an, eigenhändig hängen die guten Vereinsgeister Josef Schill, Norbert Rösch, Karl Bös und Vorstand Thomas Wieser Werbeplakate an die Bauzäune. „Wir danken dem Fußballgott“, sagt Dietterle, „das Geld kommt wie bestellt, denn unsere Kabinen sind zu klein, und der alte Trainingsplatz hat zwei Meter Gefälle.“

Jetzt muss der Fußballgott nur noch helfen, dass der Albtraum nicht als Albtraum endet, also 0:10 oder höher. Und der Trainer muss sich das Maul fusselig reden, um ­seinen Männern die Angst zu nehmen, dass die TV-Stars Forsberg, Keita, Poulsen und Werner mehr als zwei Beine haben.

„Angst ist keine Lösung“, sagt Dietterle. Und eine Betonabwehr auch nicht. Am Sonntag ist zwar der 13. August, aber soll er deshalb eine Mauer bauen wie Walter Ulbricht am 13. August 1961? „Mauern bringt nichts“, spürt er, „der Dauerdruck wäre dann zu groß.“ Kompakt stehen heißt die Devise, bis zum Umkippen laufen, einen guten Rhythmus finden, und vorne hilft der liebe Gott. Hat der nicht auch David eine Steinschleuder in die Hand gedrückt, gegen Goliath? Oder den Vestenbergsgreuthern damals gegen den FC Bayern? Oder seinen Dorfmerkingern schon das ganze Jahr?

Es gibt diese Wunder.

„Aber zwei Teller Spaghetti brauchen die Buben diesmal schon“, spürt Helmut Dietterle. Daniela Weber nickt dazu. Notfalls kann nachgeschöpft werden.

Der Liveticker zum Spiel

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