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Freitag 12.05.17 11:00 Uhr|Autor: Romina Burgheim165

Philosophischer Fangesang

Die Kabarettistin Sarah Hakenberg gibt dem Fußball eine ganz neue Bühne

„Willkommen in der Champions League!“ lobpreiste die Süddeutsche Zeitung Sarah Hakenberg zu ihrem dritten Soloprogramm „Struwwelpeter reloaded“, in dem die Kabarettistin und Liedermacherin die allseits bekannten Geschichten vom Struwwelpeter in die heutige Zeit versetzt. Dass diese Lobhuldigung im doppelten Wort-Sinne zu verstehen ist, gilt erst recht für ihr viertes Kabinettstückchen, in dem sie über den Tellerrand alltäglicher Banalitäten und Familienfehden hinaus trällert. Denn auf ihrer aktuellen CD „Nur Mut“ hat sie zwei Lieder entwickelt, die sich der schönsten Neben-Sache der Welt widmen. Und wann kommt man schon in den Genuss, dass eine Frau, die ihrer eigenen Aussage lange Zeit mit Fussball nichts am Hut hatte, kompetent und pfiffig zugleich, zwei zentrale Elemente der Fussball-Fan-Kultur besingt? Die Fan-Rivalität zwischen zwei Fussballvereinen und die existierende Homophobie im Männerfussball, der sie eine zuckersüße charmante Utopie entgegenhält. 

Daher hat Rominas Querpass sie zu einem Telefon-Interview eingeladen, in dem sie sich wie auf der Bühne präsentierte: Das treuherzige Lächeln war förmlich durch die Leitung zu spüren. Statt gemeinen Gassenhauern gab es ehrliche Reflektionen und Geständnisse auf die Ohren, und in regelmäßigen Abständen versprühte sie ihren messerscharfen und diabolischen Witz. Dabei gewährt sie sehr persönliche Einblicke in ihr poetologisches Regie-Konzept, offenbarte den Quell ihrer Gedankenströme und äußerte ihre Wünsche für die Fußball-Gesellschaft. 



Rominas Querpass(RQ): Sarah, wie groß sind deine Berührungspunkte zum Fußball?

Sarah Hakenberg (SH): Man kann sagen, dass ich zunächst das Klischee einer Fußball-unbegeisterten Frau in vollem Maß erfüllte. Als Kind hab ich eigentlich immer nur die EM- und WM-Highlights mitbekommen. Das hat aber immerhin dazu geführt, dass ich die Abseitsregel in-  und auswendig konnte :D (erwähnt diesen Fakt mit einer nicht geringen Portion Stolz) 

RQ: Was hat denn dann dein Verhältnis zum Fußball verändert? 

SH: Erst als ich meinen aktuellen Lebensgefährten und Partner in crime kennenlernte, änderte sich dies schlagartig. Er ist nämlich ein leidenschaftlicher Fußballfan, aber kein Fanatiker. Da war es dann selbstredend, dass es zu einer unvermeidbaren Beschäftigung wurde. Seit Kindesbeinen an tritt er schon gegen den Ball. Jetzt, wo er älter und träger wird (das Zwinkern ist förmlich durch den Hörer zu sehen), tut er dies nur noch gelegentlich in einem Dorfverein im Raum Paderborn. Aber wer kann schon von sich selbst behaupten mit Anfang 30 bei den Alten Herren ein fester Bestandteil zu sein? (lacht

RQ: Wie bist du dazu gekommen, ein Lied über einen Schalke-Fan zu dichten? 

SH: Der Vater von meinem Partner ist leidenschaftlicher Dortmundfan. Und da der Apfel bekanntlich nicht weit vom Stamm fällt, wird diese Fan-Tradition fleißig an die Nachfahren weiter getragen. So haben die Großeltern zur Geburt unseres ersten Kindes ganz im Sinne der Fußball-Früherziehung einen entsprechenden BVB-Strampler geschenkt. Insgesamt musste ich feststellen, dass sich im Raum Paderborn erstaunlich viele Dortmundfans tummeln…

RG: ... was dich dann auf die Idee brachte …?

SH: Genau! Eine Art „was wäre wenn“-Situation heraufzubeschwören. Wir haben einen Bayernfan in der Umgebung, der sich tapfer hält, aber auch entsprechende Ausgrenzung erfährt. Letztlich hat mein Partner selbst die Idee zu dem Lied gegeben. Er äußerte nämlich den Gedanken, dass er es nicht schön fände, wenn sein Sohn Schalkefan sei. Der 1. FC Köln und St. Pauli seien ja noch zu akzeptieren. Aber DAS nicht. Daraufhin habe ich ihm die philosophisch angehauchte Frage gestellt: "Wenn du die Wahl hast zwischen einem an Fußball desinteressiertem Zögling oder einem Schalke-Fan. Für wen würdest du dich entschieden?" Da antwortete er tatsächlich, ohne mit der Wimper zu zucken. "Dann lieber kein Fußballfan!"

RQ: Hattest du nicht gesagt, dass er kein Fanatiker sei? :D 

SH: (lacht herzlich): Mmhhh stimmt, jetzt, wo du das sagst, minimale fanatische Strukturen sind ja doch da :D 

RQ: Ok, Spaß beiseite: Was ist wahr am Lied und was ist gelogen? 

SH: Also das Schöne am Kabarettisten-Dasein ist ja, dass ich auf der Bühne das ausleben kann, was ich im Leben nicht mache bzw. mir nie zutrauen würde zu machen. Natürlich würde ich niemals meine Partnerschaft riskieren und meinem Sohn ein Schalke-Trikot schenken. Aber die möglichen Reaktionen aller Umliegenden und gewisse Details könnten dann schon in der Realität passiert sein. 

RQ: Den zweites Lied „Homo-Lied“ wendet sich auf sehr humorvolle Weise einer wesentlich ernsteren Thematik zu. Die Homophobie im Männerfußball. Wie findest du es? 

SH: Ehrlich gesagt, gehört es nicht zu meinen Lieblingsliedern. Das liegt daran, dass ich unheimlich viel mit Stereotypen und Klischees spiele, die sich leider bei dieser Thematik nicht vermeiden lassen. Es ist also sehr einfach aufgebaut. Trotzdem finde ich die Idee interessant, wenn es jeder machen könnte oder es sogar zugespitzt wird. Ich habe mittlerweile den Eindruck gewonnen, dass sich in der Gesellschaft viel tut. Man ist doch heutzutage nicht mehr hetero, sondern mindestens Bi!

Was hat dich dazu veranlasst, über dieses Tabu zu schreiben? 

SH: Ich hatte mal im Radio oder in der Zeitung eine Aussage eines aktiven Fußballers, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnern kann (—> die Frau versteht ihr Handwerk!) gehört: Darin riet er allen homosexuellen Spielern davon ab, sich während ihrer Karriere zu outen. Ich war über diese Aussage wahnsinnig überrascht. 

RQ: Warum? 

SH: Ich muss zugeben: Für mich war das ein Schock. Ich habe viele Kontakte zu homosexuellen Menschen und ich arbeite in einer Künstler-Szene, die sehr gemischt ist. Niemand käme dort auf die Idee, sich NICHT zu outen. Ganz im Gegenteil: sie erfahren eine hohe gesellschaftliche Akzeptanz. Man steht gerade als Mann in dieser Branche eher unter Generalverdacht, schwul zu sein! 

RQ: Wieso geht der Fußball alles andere als entspannt mit dieser Thematik um?

SH: Das ist für mich unbegreiflich. Und es stimmt mich auch - ehrlich gesagt - traurig und auch wütend. In keinem anderen Bereich wird so viel Aufwand betrieben, dass ein homosexueller Spieler noch im Jahre 2017 unentdeckt bleiben muss. Man denke zum Beispiel an die ganzen Spielerfrauen-Agenturen, die einem ein Doppelleben und -lieben ermöglichen,  anwaltliche Verfügungen werden aufgestellt, damit die eigene (sexuelle) Privatsphäre geschützt wird. Das ist doch einfach nur wahnsinnig anstrengend:D 

RQ: Wie erklärst du dir das Phänomen, dass Homosexualität im Fussball immer noch ein ganz großes Tabu darstellt? 

SH: Nun als wenn ich diese Männer aus Sicht eines Laien beobachte und über den Rasen flitzen sehe, sind vor allem die Torjubelszenen immer irgendwie total niedlich und entzückend anzuschauen: Wie sie da so toben, knuddeln, sich herzen und küssen, sich übereinander und aufeinander werfen.....

RQ: …und einer unter ihnen wäre dann schwul, ein Disaster? 

SH: Ja, nicht wahr? Das würde viele interessante Reaktionen hervorrufen. Wahrscheinlich wären dann alle total gehemmt und auf und neben dem Platz nicht mehr unbefangen. Dabei sollte das doch eigentlich keine Rolle spielen? Irgendwie ist die ganze Situation sehr unbefriedigend. Das elendige Schweigen und Ausblenden kann ja nicht die Lösung sein. 

RQ: Wie sähe denn deines Erachtens eine annehmbare Lösung aus? 

SH: Ich würde mich freuen, wenn diese Borniertheit der (Fußball)Gesellschaft Stück für Stück bröckeln würde und in sein Gegenteil umschlüge. Es wäre doch irgendwie witzig und schön, wenn ein besonders populärer oder aktiver Fussballer den Mut fände, sich zu outen. Der so anerkannt und unantastbar ist, dass dieses kleine biographische Detail volle Beachtung oder eben positive Nicht-Beachtung fände. Einfach als normal und nicht diskussionswürdig aufgefasst wird. Ich träume von einer wahren Trendwelle, die dieser jemand in Gang setzen könnte. Aber das ist vielleicht nur ein schöner Traum.  

Unverzichtbares zur Person: 

Sarah Hakenberg, eigenen Angaben zufolge an einem nasskalten Novembertag 1978 gezeugt, behielt sich trotz einer traumatischen Entführung in die südlichen Gefilde Deutschlands („Bayern“) das Närrische („Köln“) im Blut. Mit dem Wissen ausgestattet, dass sie „in Tische beißen und Zeitungen zerreißen muss“, um etwas im Leben zu erreichen, feierte sie ihren ersten großen Erfolg 1987 als Maria im Krippenspiel der Zornedinger Kirchengemeinde.

Von diesem Erfolg beflügelt, lagen ihr die Angebote renommierter Schauspielschulen quasi zu Füßen! Sie mussten nur noch 1999 von ihrer Existenz erfahren. Zwei ernüchternde Jahre später muss sie zwecks Mangel an Interessenten aus Wien und Berlin ihren Traum aufgeben. Zahlreiche Tische und Zeitungen mussten dran glauben. Theorie statt Praxis heißt es fortan: ein solides Studium in München in den Bereichen der Theaterwissenschaft, Philosophie und Neuere deutsche Literatur soll den Weg zur Künstlerin ebnen.

Für das räumliche Feeling wohnt sie ab 2005 in einer Berliner Altbauwohnung mit Kohleofen und zieht aus ihr all ihre Inspiration. Doch da ein Ort ja irgendwie zu wenig ist, beschließt sie 2010 sporadisch zu ihren bayrischen Wurzeln zurückzukehren. Von nun an schreibt und singt sie bösartige, vor allem „jedoch wildromantische Lieder über Welpen, zersägte Männer und geklaute Babys.“ Da dies in den großen Teilen der Bevölkerung so gut ankommt, beschließt sie kurzerhand 2013 Köln mit in die Liste der Nebenwohnsitze aufzunehmen (womit der Westen nun auch abgedeckt wäre) und als Hauptwohnsitz den Tisch der zweiten Klasse im ICE anzumelden.

Zwei Jahre später sollte sie ganz überraschend ihre Liebe zu und in Ostwestfalen entdecken. Schöner Nebeneffekt: Die verhassten U-Bahnen verkehren dort nicht. Zwei bedeutende Preise sind ein eindeutiges Zeugnis ihres Wirkens. Die Verleihung des Ernst-Hoftrichter-Preises 2014 ehrt und freut sie sehr, da er als Autorenpreis sie als Liedertexterin anerkennt und würdigt. 2016 setzt sie noch einen drauf: Sie erhält den Nachwuchspreis des Deutschen Kabaretts.

Nun fragen sich alle Fans fieberhaft und sind gespannt: „Wann folgt die Goldene Kamera? Vielleicht hat sie ja bis dahin ihren vierten Nebenwohnsitz nach Hamburg verlagert. Dann käme der hohe Norden auch endlich in den Hakenbergischen Genuss. Das wäre nur fair! 

Diese und andere wunderbare Lieder gibt es auf ihrer neuen CD "Nur Mut" zu bewundern!

http://sarah-hakenberg.de/de/Nur-Mut


Bildquelle: https://www.facebook.com/sarah.hakenberg/photos/a.216132231901508.1073741825.216128711901860/216132258568172/?type=1&theater

 
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