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Mittwoch 24.08.16 22:37 Uhr|Autor: Romina Burgheim579

Nur kein Neid!

Gedanken über das Geschlechter-Verhältnis im Traineramt
Silvia Neid hat nach elfjähriger Tätigkeit mit dem Gewinn der Goldmedaille bei den olympischen Spielen ihre Arbeit als DFB-Trainer im wahrsten Sinne des Wortes gekrönt. Damit werden die Fußstapfen, in denen ihre Nachfolgerin Steffi Jones tritt, um einiges größer. Denn bis dato kann sie als die erfolgreichste Trainerin für die Damen-DFB-Riege bezeichnet werden.

In ihrem ersten Amtsjahr im Jahre 2007 gelang es ihr, gleich mit einem 2:0 Erfolg über Brasilien Weltmeisterin zu werden. Insiginium eines überragendes Turniers waren beispielsweise die fehlenden Gegentore. Die  damit verbundene Qualifikation zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking sollte ebenfalls von Erfolg gekrönt sein, wenn auch nicht so berauschend wie im Jahr zuvor. Aber immerhin holte sie mit der Mannschaft die Bronzemedaille.

Im darauffolgenden Jahr wurde der amtierende Weltmeister seiner Favoritenrolle gerecht und sicherte sich die Krone Europas. So war es nur eine logische Konsequenz, dass am 10. Januar 2011 Silvia Neid vom Weltverband Fifa zur ersten Welt-Trainerin des Jahres gekürt wurde. Lediglich 2011 konnten die großen Erwartungen ausgerechnet oder gerade wegen der WM im eigenen Land nicht erfüllt werden. Sang und klanglos verabschiedete man sich aus dem Turnier schon im Viertelfinale. Die laut gewordene Kritik, nicht zuletzt, weil kurz vor der WM Neids Vertrag bis zum Jahr 2016 (in Augen mancher Kritiker völlig unmotiviert) verlängert worden war, steckte sie aber gut weg und reagierte erneut mit Titeln. 2013 konnte der Gewinn der Europameisterschaft wiederholt werden.

Manch ein Frauenfußball-Kenner mag nun etwas überrascht über die Nominierung Steffi Jones zur Nachfolgerin sein. Denn das übliche Prozedere in diesen Gefilden besteht darin, dass meistens die zuständige Assistenztrainerin die scheidende Cheftrainerin beerbt. So wie es damals bei Sylvia Neid selbst der Fall gewesen war. (Sie unterstützte die Geschicke von Bundestrainerin Tina Theune-Meyer). Zwar hat Steffi Jones schon 2007 die Fußball-Lehrer-Ausbildung an der Sporthochschule in Köln abgeschlossen, doch als Trainerin in Erscheinung getreten, war sie noch nie. Und es hätte weiß Gott andere vielversprechende KandidatInnen gegeben: Maren Meinert zum Beispiel, die seit Jahren erfolgreich im Nachwuchsbereich tätig ist. Oder Ulrike Ballweg, die schon seit Juli 2005 im Amt der Assistenztrainerin bei der A-Nationalmannschaft ist. Jetzt ist sogar ihr Amt weg. Bernd Schröder, der designierte Coach des Bundesligisten Turbine Potsdam und berühmt für seine Berliner Schnauze, hat die Geschehnisse wie folgt kommentiert:

"Ich dachte, es wäre der 1. April. Ich hätte erwartet, dass eine Nationaltrainerin zuvor Erfahrung sammeln muss."

Ganz so drastisch stellt sich die Situation natürlich nicht da, denn sie wird nicht ganz ins kalte Wasser gestoßen. Ein gutes Jahr lang hat sie in Neids Trainerstab Erfahrungen gesammelt und hat durch die Nähe zum Team, nicht nur alle Spielerinnen kennen gelernt, sondern auch Einblicke in alle Abläufe erhalten. Zudem stehen ihr mit Markus Högner und Verena Hagedorn gleich zwei kompetente Trainer zur Seite. Aber die Kritik ist durchaus nicht unberechtigt.

Nichtsdestotrotz darf man bei dem geäußerten Unmut einen anderen, wesentlich gewichtigeren Faktor nicht aus den Augen verlieren, der wohl am Ende bei der Wahl zur adäquaten Nachfolgerin, für den DFB den Ausschlag geben hat. Denn schließlich ist sie nicht zuletzt durch ihre Funktion als Präsidentin des Organisationskomitees für die Frauen-WM 2011 in Deutschland und anschließend als Direktorin beim DFB, (verantwortlich für die Bereiche Frauenfußball, Mädchenfußball und Schulfußball) zu einer Lichtgestalt und Symbolfigur geworden ist.

Darüberhinaus verkörpert sie mit ihrem persönlichen Werdegang auch eine politische Dimension. Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger sieht in ihr wie in keiner anderen "die integrative Kraft des Sports" versinnbildlicht. Eine Frau, die quasi vorgelebt hat, wie man sich von ganz unten nach ganz oben hochgekämpft hat. Das imponiert und motiviert zugleich.

Doch letztlich bilden Personen wie Silvia Neid und Steffi Jones nur große Ausnahmen in der Männerdomäne "Fußball". Denn im Sport gibt es generell das Problem, dass es (zu) wenig Frauen in Führungspositionen gibt. Nur 20 Prozent der Spitzenposten in Vereinen und Verbänden werden von Frauen besetzt. Diese soziologische Analyse spiegelt sich auch im Anteil der weiblichen Trainer im (Frauen)Fußball wieder: Während noch zehn von hundert Fußballtrainern in Niedersachsen die Breitensport-Lizenz besitzen, sieht es eine Stufe höher ganz anders aus: Bei der B-Lizenz geht es darum, Erwachsene zu trainieren an der Schwelle zum Leistungssport. Von 100 dieser Trainer sind nur drei Frauen.

Man kann sich nun selbst denken, wie der Anteil in noch höheren Leistungsklassen aussieht: In der sportlichen Eliteliga der Frauen herrscht große Ebbe auf der Cheftrainerbank. Schaut man hingegen auf die Liste der Co-Trainerinnen wird man minimal fündig: Chadia Freyhat unterstützt die Geschicke von Chefcoach Steffen Rau beim SV Werder Bremen. Claudi von Lanken ist mitverantwortlich, dass unter Alexander Fischingers Regie der SC Sand 2014/2015 eine Wahnsinnssaison hingelegt hat und mit viel Herzblut und Leidenschaft verdient den amtierenden Meister Bayern München den Einzug ins DFB-Pokalfinale verwehrt hat.  Und selbst dort konnte er dem Fußballriesen Vfl Wolfsburg ein ansehnliches Finale entlocken und war trotz der 1-2 Niederlage und einer latenten Dominanz der Wölfinnen strahlender zweiter Sieger. Die Herzen der Zuschauer hatten sie definitiv gewonnen. So gesehen liegt also selbst der Frauenfußball in männlicher Hand.

Auch in meiner aktuellen Laufbahn habe ich die gleiche Erfahrung gemacht (und da werde ich nicht die einzige sein), welche die Statistik nahe legt. Lediglich an einer von mittlerweile neun Vereins-Stationen habe ich die wohltuende Erfahrung, von einer weiblichen Person trainiert zu werden, erleben dürfen. Dieser Umstand ist irritierend, will man all den Comedians Glauben schenken. Diese haben die unüberwindbaren Differenzen und Hindernisse in der Kommunikation zwischen Frau und Mann diagnostiziert. Dabei haben die TV-Sternchen ihre Thesen auf vielfältige Art und Weise - intelligent und mit knackigen Dialogen (Loriot), derb und sehr frivol (Jürgen von der Lippe), aufgeregt, hektisch und laut (Michael Mittermeier) einfach und direkt in Genderklischees verpackt (Mario Barth) darzulegen versucht. Gemäß der allgemeinen abschließenden Erkenntnis, dass "Frauen eine andere Sprache sprechen - Männer aber auch" kann man erahnen, dass es zwangsläufig zu Problemen führen könnte, wenn Männer Frauen trainieren. Andererseits kann aber der beobachtete Umstand, dass sowohl in der ersten als auch zweiten Bundesliga der Frauen vorrangig nur Männer tätig sind, diese Genderklischees erfolgreich widerlegen. Nichtsdestotrotz bleibt es ein Faszinotikum. Die umgedrehte Vorstellung, dass eine Frau am Spielfeldrand die Geschicke eines FC Bayern Münchens oder Borussia Dortmund leitet, wird wohl bis auf weiteres eine wunderschöne Utopie bleiben. Aber warum eigentlich? Warum sollte das nicht irgendwann einmal Wirklichkeit sein? Wäre das quasi nicht der Gipfel der Emanzipation und die Überwindung aller sportlicher Gender-Klischees? Wieso gibt es eigentlich nicht wie in anderen Unternehmen eine Frauenquote im Traineramt beim Herrenfußball? Wäre dies ein probates Mittel die erkannte Geschlechter-Schranke in der Coachingzone zu minimieren? Oder trüge diese eher sogar zur Diskriminierung bei und hätte nicht den gewünschten Effekt? Oder ist eine zunehmende weibliche Beteiligung aufgrund zahlreicher Ressentiments, die sich leider hartnäckig halten, von beiden Beteiligten nicht erwünscht? Es sind spannende Fragen, die sich ein jeder stellen und beantworten kann. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt scheint es nch ein langer Weg zu sein, die Lobby für das weibliche Führungspersonal fehlt bedauerlicherweise schlichtweg. Dass es aber nicht unmöglich ist, beweist eindrucksvoll eine Dame in der französischen zweiten Liga. Dort trainiert die ehemalige französische Nationalspielerin Corinne Diacre die Männer von Clermont-Foot. Den Vorwürfen zum Trotz, dass der Präsident Michy eine Medien-PR-Kampagne mit der Verpflichtung einer weiblichen Trainerin im französischen Profi-Fußballgeschäft, verfolge, versicherte er:

„Das, was mich an der Sache interessiert, ist, dass wir eine scheinbar unzerbrechliche Regel brechen in einem Sport, der von Männern für Männer gemacht ist. Wir sind quasi ein Labor, in dem etwas Innovatives gemacht wird. Die Welt verändert sich, und Sachen anders zu machen, das macht das Alltägliche interessanter. Es ist ein Luxus, solche Entscheidungen treffen zu können."

Corinne Diacre nimmt dieses Versuchs-Kaninchen-Dasein sehr sporltich und professionell. Professionelle Distanz wahrt sie nicht nur zu ihren Männern, sondern auch zur Öffentlichkeit, in der sie die Beantwortung von Gender-Fragen tunlichst vermeidet. Die unaugeregte Selbstverständlichkeit, mit der sie diesen Job wie in jedem anderen VErein annahm, bringt auch Außenverteidiger Anthony Lippini rüber. Sein Statement macht Mut und wekct Hoffnungen zugleich, dass die Gesellschaft vielleicht schon bald vor einem Wandel steht:

 "Es war sicher das Gleiche, als die erste Frau in die Armee eintrat. Heute gibt es viele Frauen in der Armee und vielleicht wird es im Fußball genauso sein. Ich kann es jedenfalls kaum erwarten, dass es losgeht. Ich bin sehr neugierig."

Diese Neugier wünsche ich mir auch im deutschen Profigeschäft, damit am Ende nicht das Geschlecht, sondern lediglich die Führungskompetenz den Ausschlag gibt. Und davon haben wir genug!

Zum Nachschlagen: http://www.zeit.de/sport/2016-04/corinne-diacre-trainerin-fussball?page=2#comments

 

Bildquelle: http://img.fifa.com/mm/photo/world-match-centre/clubfootball/02/39/04/00/2390400_full-lnd.jpg

 
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