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Freitag 26.02.16 08:31 Uhr|Autor: Mirko Blahak
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Herbert Fandel. Foto: Archiv/volksfreund.de/dpa

Jetzt spricht Fandel

Der Schiedsrichter-Boss aus der Eifel im großen FuPa-Interview - So will er die aufgeheizte Stimmung im deutschen Fußball abkühlen
Die Stimmung ist aufgeheizt. Kein Bundesliga-Spieltag vergeht ohne emotional geführte Diskussionen um die Fußball-Schiedsrichter. Herbert Fandel aus Kyllburg (Eifelkreis Bitburg-Prüm) hatte Ende Januar angekündigt, zum Saisonende die Leitung der Unparteiischen aus der ersten und zweiten Liga abzugeben. Seitdem hat er sich ausschließlich über die Medien des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) geäußert. FuPa traf den 51-Jährigen nun zum Interview in dessen Büro in Bitburg. 

Bitburg. Im Gespräch mit Mirko Blahak, Redakteur des Trierischen Volksfreunds und FuPa Rheinland, kündigt DFB-Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel Maßnahmen an, um in der aufgeheizten Stimmung Druck vom Kessel zu nehmen. Außerdem sagt der Eifeler, wie sich die Schiedsrichter-Spitze künftig aufstellen will.


Wie sehr hinterlässt der Zwist rund ums Spiel Bayer Leverkusen gegen Borussia Dortmund, das Schiedsrichter Felix Zwayer zwischenzeitlich unterbrach, einen Flurschaden im Fußball?

Fandel: Es ist schon ein Schaden entstanden, denn ein Grundpfeiler des Fußballs ist missachtet worden. Das kann man so nicht einfach hinnehmen.
 

Wer hat Schuld: Bayer-Trainer Roger Schmidt, weil er die Anweisung, den Innenraum zu verlassen, nicht befolgte – oder Zwayer, weil er daraufhin mit der Unterbrechung überreagiert hat?
Fandel: Wer im Fußball tätig ist, ob als Spieler oder Trainer, muss die Entscheidungen eines Schiedsrichters akzeptieren. Da spielt es dann auch keine Rolle, ob die Entscheidungen der Unparteiischen richtig oder falsch sind. Wenn ein Schiedsrichter einen Spieler mit der Roten Karte des Feldes verweist, muss der Akteur den Platz verlassen. Wenn er nicht geht, droht ein Spielabbruch. Genau das Gleiche gilt auch für einen Trainer.
 

Wie werten Sie die Finger-Geste, mit der Schmidt Zwayer zu sich zitieren wollte?
Fandel: Wir müssen grundsätzlich überdenken, wie wir mit der Autorität eines Schiedsrichters umgehen. Man sollte nicht unterschätzen, was ein solcher Fingerzeig vor allem auch im Hinblick auf unsere Schiedsrichter im Amateurbereich bedeutet. Es tut den Kolleginnen und Kollegen an der Basis gut, dass Zwayer hier so vorgegangen ist.
 

SchiedsrichterSind die Vorkommnisse von Leverkusen ein weiterer Beleg dafür, dass sich Spieler, Trainer und Schiedsrichter – obwohl sie in ihren Rollen gemeinsam unabdingbar für den Fußball sind – immer weiter voneinander entfernen?
Fandel: Die Vorkommnisse in Leverkusen bilden aus meiner Sicht die Spitze einer Entwicklung in den vergangenen Monaten, in denen der Umgang mit unseren Schiedsrichtern immer despektierlicher geworden ist. Jede noch so belanglose Entscheidung, jeder Freistoß, jeder Einwurf wird medial mit vier, fünf Zeitlupen belegt, hinterfragt und in Zweifel gezogen. Anschließend werden die Entscheidungen kommentiert und kritisiert und den ohnehin schon emotional belasteten Trainern und Managern im Interview vorgehalten. Das kann so auf Dauer nicht weitergehen und alle, denen etwas am Fußball liegt, müssen gemeinsam dafür sorgen, dass wir jetzt eine Wende erreichen.
 

Was heißt das: Werden Sie zu einem Runden Tisch einladen? Und wer wird an ihm sitzen?
Fandel: Wir im DFB überlegen im Moment, vernünftige Gesprächsrunden mit Trainern, Spielern, Managern und Schiedsrichtern ins Leben zu rufen, um in regelmäßig wiederkehrenden Abständen problematische Themen direkt ansprechen und bestenfalls gemeinsam lösen zu können.
 

So groß wie in dieser Saison ist der öffentliche Aufschrei nach Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern noch nie gewesen. Woran liegt das?
Fandel: Auf der einen Seite sicher daran, dass wir mittlerweile in Deutschland Schiedsrichterentscheidungen immer stärker in den Mittelpunkt der Fußballberichterstattung schieben. Indem wir nur noch über kritische Schiedsrichterentscheidungen diskutieren, etabliert sich ein Gefühl, unsere Schiedsrichter seien schlechter geworden. Das aber entspricht nicht den Tatsachen.
 

Andererseits kann sich die Schiedsrichter-Gilde nicht frei davon sprechen, dass es im bisherigen Saisonverlauf schon eine Häufung gravierender Fehlentscheidungen gab ...
Fandel: ... Absolut.
 

Jüngstes Beispiel ist der nicht gegebene Handelfmeter für Leverkusen im Spiel gegen Dortmund.
Fandel: Dies war ein Wahrnehmungsfehler, der nicht passieren sollte, aber leider Gottes passieren kann. Der ist den Schiedsrichtern vor 30 Jahren passiert, und der passiert auch heute noch. Im selben Spiel hat Leverkusens Chicharito eine Minute vor Schluss alleinstehend vor dem Tor eine 100-prozentige Torchance nicht genutzt. Das aber war medial kein Thema. Stattdessen reden wir über den nicht gegebenen Handelfmeter. Beides aber hätte zu einem Tor führen können oder müssen.
Ein Schiedsrichter kann bei mehr als 200 Entscheidungen pro Spiel nicht immer richtigliegen. Dass inzwischen jedoch alles medial ausgeleuchtet und hinterfragt wird, führt zu einem enormen zusätzlichen Druck. Da wir diese Entwicklung offensichtlich nicht mehr aufhalten können, tun wir gut daran, technische Hilfen in den Fußball einzubauen, um unsere Schiedsrichter zu entlasten.


Zur Person


Herbert FandelHerbert Fandel, 51, aus Kyllburg (Eifelkreis Bitburg-Prüm) ist ehemaliger Bundesliga-, UEFA- und FIFA-Schiedsrichter. Er pfiff 247 Bundesliga-Spiele, nahm an Olympia in Sydney teil, war Schirdsrichter der Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz und leitete beispielsweise auch das UEFA-Champions-League-Finale 2007 zwischen dem AC Mailand und dem FC Liverpool in Athen. Der gebürtige Kyllburger, der immer noch im Eifelort lebt, wurde vom DFB mehrfach zum deutschen Schiedsrichter des Jahres gewählt. 2009 beendete er seine aktive Schiedsrichterlaufbahn. Seit 2010 ist Fandel Vorsitzender der DFB-Schiedsrichter-Kommission und seit 2011 Mitglied der Schiedsrichterkommission der UEFA. Fandel ist hauptberuflich Pianist und Leiter der Kreismusikschule Bitburg-Prüm. 






 


 
 

Stichwort Videobeweis. Erst waren Sie gegen ihn, nun sprechen Sie sich für eine Testphase aus. Wie kam es zum Sinneswandel?
Fandel: Um den Anforderungen meiner Position gerecht werden zu können, muss ich auch meine eigenen Ansichten hinterfragen. Und so habe ich erkannt, dass unsere Schiedsrichter aufgrund der inzwischen immensen medialen Begleitung diese Entlastung brauchen.
 

Ist die von Ihnen skizzierte Verrohung der Sitten ein Grund, warum Sie die sportliche Leitung als Chef der Bundesliga-Schiedsrichter zum Ende der Saison abgeben?
Fandel: Auch wenn ich kein großer Freund eines solchen Klimas bin, ist meine Entscheidung schon vor einem Jahr gereift. Ich habe diesen Job bald sechs Jahre gemacht und meine, dass dies mit der Gesamtverantwortung nach innen und nach außen eine lange Zeit ist.
Aber ich trete ja nicht zurück, sondern zur Seite und möchte erreichen, dass neue moderne Impulse im Sommer in das Schiedsrichterwesen einfließen. Mit Knut Kircher, Florian Meyer und Michael Weiner hören drei starke Persönlichkeiten dann auf. Mein Ziel ist es, diese drei in eine personell neu aufgestellte Schiedsrichterführung zu integrieren.
 

Die Aktivensprecher Felix Brych und Florian Meyer sollen während des Winter-Lehrgangs im Januar auf Mallorca zu verstehen gegeben haben, dass die Stimmung in der deutschen Schiri-Gilde nicht die beste ist. Inwieweit betrifft das Ihre Arbeit, Ihren Führungsstil?
Fandel: Diese Schilderungen treffen nicht zu, denn wir hatten auf Mallorca ein erstklassiges Klima. Von uns in der Führung wurde initiiert, dass die Schiedsrichter in einem Fragebogen anonym offenlegen sollten, was ihnen nicht gefällt. Dies meine ich, entspricht exakt einer modernen Personalführung. Dass dann im Nachgang an mancher Stelle von einem schlechten Klima gesprochen wurde, ist völlig falsch.
 

Aber Kritik gab es schon.
Fandel: Unsere Spitzenschiedsrichter sind allesamt Führungskräfte, wie Jungunternehmer. Jeder hat seine eigenen Ziele, Vorstellungen und Qualitätsansprüche. Sie zu führen, ist ein schwieriges Unterfangen, einer der schwierigsten Jobs, die ich bislang in meinem Leben ausgeführt habe. Man braucht auf der einen Seite ein gewisses Gefühl für eine Balance, sollte auf der anderen Seite aber auch sehr gradlinig durchgreifen.
 

Ist der Druck auf die Referees intern zu groß?
Fandel: Es ist wie bei Fußballern. Ein Spieler, der nicht zum Einsatz kommt, wird herumnörgeln. Das Trainerteam allein entscheidet aber, wer eingesetzt wird. Bei uns Schiedsrichtern ist es ähnlich.
Natürlich muss ich Einfluss nehmen, indem ich sage, ich setze meiner Ansicht nach die besten Schiedsrichter für die brisantesten Spiele an. Diejenigen, die nicht angesetzt werden, werden immer ein Stück weit fragen: Werde ich genauso gut behandelt, wie alle anderen? Das ist aber in einer Leistungsgesellschaft nicht anders zu handhaben.
 

Wie haben Sie die Forderung von Manuel Gräfe Ende Dezember im ZDF-Sportstudio aufgefasst, der für eine bessere Betreuung für die Unparteiischen plädiert?
Fandel: Das Thema hatten wir vorher schon mit den Schiedsrichtern besprochen. Es geht um die Notwendigkeit, den physiotherapeutischen Bereich und den Trainingsbereich insgesamt noch professioneller zu gestalten.
 

Viele haben seine Aussagen jedoch so aufgefasst, dass er eher mehr Rückhalt, mehr Fürsprache einforderte.
Fandel: Wir müssen uns mit Sicherheit auch in puncto Öffentlichkeitswirkung ein Stück weit breiter und anders aufstellen. Die Schiedsrichter wollen zu Recht auch öffentlich geschützt werden. Sie wollen, dass es Menschen gibt, die für sie sprechen. Das kann ich als Chef zwar ab und zu machen, aber in meiner Funktion als oberster Schiedsrichter in Deutschland kann ich nicht ständig in den Medien auf Trainer, Spieler oder Manager losgehen. Hier müssen wir jetzt sehen, ob wir im Öffentlichkeitsbereich weitere professionelle Schritte tun.
 

Dafür infrage käme einer aus dem Trio Kircher, Meyer, Weiner?
Fandel: Beispielsweise.
 

Ein Sprichwort besagt: Viele Köche verderben den Brei. Sind die Schiedsrichter Leidtragende eines Kompetenzgerangels zwischen DFB und DFL?
Fandel: Auch dies entspricht nicht den Tatsachen. Hellmut Krug ist als Ligavertreter zusammen mit Lutz Michael Fröhlich verantwortlich für die interne Lehrarbeit und die fachlichen Themen bei Lehrgängen. Ich besetze als Chef der Schiedsrichter aber auch eine politisch ausgerichtete Funktion.
 

Dennoch gewinnt der Beobachter den Eindruck, dass Krug und Sie immer wieder auch um die Deutungshoheit im Schiedsrichter-Wesen buhlen?
Fandel: Um professionell führen zu können, brauche ich die stärksten Experten um mich herum. Ich schätze Hellmut Krug, wir haben beide die gleiche Denke, kennen uns schon sehr lange und haben ein vertrauensvolles Verhältnis.
 

Das klingt in der DFL-Stellungnahme zu Ihrem angekündigten Rückzug nicht unbedingt so. Dort wird Ihr Abschied bedauert, Meinungsverschiedenheiten werden aber nicht dementiert.
Fandel: Was ich sehr gut verstehen kann, weil diese angeblichen Meinungsverschiedenheiten von einem Boulevardblatt ins Leben gerufen wurden. Im Übrigen habe ich ein hervorragendes Verhältnis zur DFL-Spitze mit Christian Seifert und Dr. Reinhard Rauball.
 

Wenn auch nicht mehr als Chef der Spitzenschiedsrichter, so wollen Sie doch an der Spitze des DFB-Schiedsrichterausschusses bleiben – mit welchen Arbeitsschwerpunkten?
Fandel: Zunächst möchte ich aus dem Tagesgeschäft raus, wieder einmal ein freies Wochenende haben, ohne dass ich meine Leidenschaft für den Fußball vernachlässige. Es ist mein Wunsch, auch über den nächsten Bundestag im Herbst hinaus an oberster Stelle im deutschen Schiedsrichterwesen zu bleiben. Ich erkenne dabei durchaus die Signale, dass sowohl der DFB als auch die DFL diesen Gedanken unterstützen wollen.
 

Was hielten Sie davon, wie in England eine unabhängige Schiedsrichtervereinigung zu gründen, die den Ligen ihre Einsätze anbietet?
Fandel: Das ist aus meiner Sicht nicht notwendig. Der DFB war bislang ein sehr gutes Haus für die Schiedsrichter. Ich habe die berechtigte Hoffnung, dass – wenn Reinhard Grindel im April zum neuen DFB-Präsidenten gewählt wird – wir auch weiterhin eine breite Unterstützung für die Entwicklung des Schiedsrichterbereiches erhalten werden. Ohne Frage müssen wir den Schiedsrichterbereich weiter professionalisieren.
 

Was gehört konkret für Sie dazu?
Fandel: Vor allem in den Bereichen Training, Physiotherapie, der individuellen Betreuung unserer Schiedsrichter und der Erweiterung eines Expertenrats rund um die Schiedsrichterei müssen wir personell, aber auch finanziell aufrüsten.
 

Kommt in Deutschland also der Profi-Schiedsrichter?
Fandel: Nicht notwendigerweise, denn das Schiedsrichterwesen in Deutschland ist ein absolut professionell orientierter Bereich, in dem Leistungssportler ihre Arbeit als Schiedsrichter in den Mittelpunkt ihres Lebens rücken.
 

So definiert sich Profitum.
Fandel: Es ist sicherlich schon in der Nähe, denn die meisten unserer Schiedsrichter sind nahezu eigentlich zu 100 Prozent Schiedsrichter. Sie haben aber noch ein Standbein in ihren alten Berufen, denn sie könnten morgen verletzt sein, und dann müssten sie in ihren Beruf zurück. Im Bereich der Absicherung haben wir für unsere Schiedsrichter finanziell viel getan. Aber wir müssen auch da noch weitere Schritte gehen.
 

Wie ist es aus Ihrer Sicht um den Schiedsrichter-Nachwuchs bestellt?
Fandel: Ich sehe die Probleme eher an der Basis als an der Spitze, denn wenn junge Schiedsrichter sehen, was alles im Schaufenster Bundesliga passiert, kann ich manchmal nachvollziehen, dass der eine oder andere sagt, das möchte ich nicht. Denn sie sind in den unteren Spielklassen direkt an der Basis den Emotionen am Spielfeldrand ungeschützt ausgesetzt.
 

Wird’s auch irgendwann schwierig, ein Profi-Spiel zu besetzen?
Fandel: Nein, an der Spitze gibt es diese Probleme nicht. Wir haben in den vergangenen Jahren viele gute Schiedsrichter in die zweite Liga aufgenommen. Ich bin mir sicher, dass acht bis zehn Kollegen in den nächsten ein bis drei Jahren einen erstklassigen Bundesliga-Schiedsrichter abgeben könnten. Wir haben altersbedingten Aderlass, aber wir haben auch eine ganz starke junge Schiedsrichtermannschaft hintendran.

 
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