Die große Angst vor Geisterspielen
Freitag 20.11.20 16:57 Uhr|Autor: Vinzenz Anton1.220
Fußball vor Fans macht allen nicht nur mehr Spaß, sondern ist für die Clubs auch finanziell von großer Bedeutung. Foto: Sebastian J. Schwarz

Die große Angst vor Geisterspielen

Die verlängerte Saisonunterbrechung in der Rheinlandliga und die Reaktionen aus den Vereinen.
Bis Mitte Januar geht wegen der anhaltenden Corona-Pandemie in sämtlichen Spielklassen des Fußballverbandes Rheinland (FVR) gar nichts mehr: Das Präsidium hat alle Spiele, die für dieses Jahr noch geplant waren, abgesagt (FuPa berichtete).


Wie die sieben regionalen Vertreter der höchsten Spielklasse des Fußballverbandes mit der aktuellen Situation umgehen, welches der fünf vom FVR vorgestellten Szenarien sie sich vorstellen können – von dem Spielen einer Normalrunde, über eine abgekürzte Saison bis hin zur kompletten Annullierung ist alles möglich – und wie sich die Mannschaften fithalten, geht aus einer TV-Umfrage unter Trainern und Verantwortlichen hervor.

Ralf Weinacht, Sportlicher Leiter der SG Hochwald Zerf, sieht im Beschluss des FVR, frühestens im Januar zu starten, Vor- und Nachteile: „Endlich gibt es klare Regelungen von oben, was im Frühjahr noch nicht der Fall war. Die Situation ist nicht schön, aber die Szenarien vom Verband sind nachvollziehbar.“

Die Spieler des aktuellen Tabellenzweiten hätten sich individuell fitgehalten und einmal wöchentlich online zusammengeschaltet. Sorge bereiten den Hochwäldern laut Weinacht die drohenden Geisterspiele – der FVR hat in seiner jüngsten Stellungnahme klargemacht, dass die Verfügungslage in den Landkreisen bindend für ihn sei. Werden also beispielsweise in einem Landkreis Zuschauer zugelassen und in einem anderen  nicht, werde man dies akzeptieren und die Spiele trotzdem entsprechend durchführen, heißt es vom Verband.

Aus Sicht der Vereinigten aus Zerf, Greimerath, Hentern und Lampaden betont Weinacht derweil: „Wir leben von unseren Zuschauern, weshalb ein Ausschluss ganz übel wäre. Aber wir wollen die Saison möglichst zu Ende spielen.“ Notfalls werde man den Anhängern Angebote wie einen Livestream und eine Spielzusammenfassung machen.

Einen Trainingsauftakt Anfang Januar würden die Hochwälder wetter­technisch aufgrund des Kunstrasens in Zerf gestemmt bekommen, aber Fußball mache nur mit offenen Duschen Sinn. Generell sagt Weinacht zum bisherigen Saisonverlauf bei der Spielgemeinschaft: „Wir sind total glücklich darüber, wie die neuen Spieler integriert sind. Sie  passen auch menschlich toll ins Team. Man erkennt Spaß und eine Weiterentwicklung.“

Thomas Kempny ist seit knapp drei Wochen offiziell Fußball-Abteilungsleiter beim FSV Tarforst und hat schon alle Hände voll zu tun: „Ich bin froh, dass wir die Mitglieder in vielen Bereichen unterstützen und trotz der Pandemie ansprechen können. Natürlich wäre das Szenario mit kompletter Hin- und Rückrunde optimal, aber daran glaube ich nicht. Für mich ist nur schwer nachzuvollziehen, dass Unterschiede bei den Zuschauern gemacht werden. Eine einheitliche Linie wäre wünschenswert.“

Mit der nach neun Spielen und 17 Punkten auf Tabellenplatz vier rangierenden Mannschaft ist Kempny „mehr als zufrieden“ und betont die Fortentwicklung im Vergleich zur schwierigen Vorsaison. Ob man im Januar, Februar oder gar erst im März wieder starten kann, sei schwer vorherzusagen: „Die Jahreszeit ist nicht die idealste, aber es wäre super, wenn es wieder losginge.“

Auch in Mehring ist die Wiederaufnahme des Spielbetriebs nur mit Zuschauern vorstellbar. „Ansonsten ist die Sache nicht finanzierbar, da die Kosten hoch bleiben und Einnahmen komplett wegbrechen“, findet Peter Dietz, der Vorsitzende des SV Mehring deutliche Worte. Zudem betont er, dass Fußball im Winter nur mit zugänglichen Umkleide- und Duschbereichen Sinn mache. „Ansonsten muss die Saison ausgesetzt werden. Wir brauchen Fußball und wollen Fußball spielen, aber hierfür müssen die Rahmenbedingungen stimmen“, sagt der Verantwortliche des mit zwölf Punkten auf Platz acht stehenden Teams. Die Moselaner wünschen sich, dass unter den zuvor genannten Voraussetzungen der Ball ab Mitte Januar wieder rollt und die Saison zu Ende gespielt werden kann. Während man nach dem angekündigten Abschied von Trainer Bernd Körfer (TV berichtete) weiter auf der Suche nach einem neuen Coach ist, will der Vorstand nun kurzfristig über die Trainingssteuerung entscheiden – ob individuell trainiert oder eine Pause eingelegt wird.  

Für Georg Schuh den Sportlichen Leiter des fusionierten FV Hunsrückhöhe Morbach (vor der Saison machten die Fußballabteilungen des SV Morbach und des SV Monzelfeld gemeinsame Sache), ist die Sache klar: „Zwei Szenarien machen am meisten Sinn: Nummer eins: die Saison normal zu Ende spielen oder die Saison komplett zu annullieren. Andere Möglichkeiten halte ich für brandgefährlich, da sie wieder zu Ungerechtigkeiten führen.“

Die Akteure des auf Tabellenplatz zehn liegenden FVM haben die letzten Wochen im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten weiter trainiert und zuletzt auf eine Trainings-App zurückgegriffen, um die individuellen Einheiten  besser steuern zu können. Hinzu komme pro Woche eine Online-Zoom-Einheit. Schuh erklärt, dass die Saison bislang „nicht ganz so verlaufen ist, wie wir uns das vorgestellt haben. Sportlich gesehen sind der Tabellenplatz und die Defensive nicht zufriedenstellend.“ Mit 16 Gegentreffern in neun Partien weisen die Hunsrücker eine der löchrigsten Abwehrreihen der Liga auf. Ohne Zuschauer werde der Verein die Krise nicht überleben, da alle Einnahmen wegbrächen und Sponsoren zu kämpfen hätten, macht Schuh unmissverständlich klar und kritisiert Walter Desch, den FVR-Präsidenten: „Ich bin angefressen, da in einer Videokonferenz der Vereine mit Herrn Desch vereinbart wurde, dass nur gespielt wird, wenn auch Zuschauer erlaubt sind. Nun werden die Interessen der Vereine nicht berücksichtigt, indem gegen sie gearbeitet wird. Der Präsident lebt wohl in einer anderen Welt, aber wir kämpfen um die Existenz. Klar wollen wir Fußball spielen, aber nicht mit aller Gewalt.“

René Diederichs, Teammanager der SG Ellscheid, bewertet die im Raum stehenden Szenarien, was eine Saisonfortsetzung angeht, so: „Um Auf- und Absteiger bestimmen zu können, brauchen wir eine möglichst aussagekräftige Tabelle. Daher wäre es am fairsten, die Hin- und Rückrunde spielen zu lassen. Es gibt aktuell wichtigere Dinge und mein Gefühl sagt mir, dass die Pandemie noch lange andauert.“ Wenn es nicht besser werde, befürwortet er eine Annullierung und prophezeit, dass Fußball momentan „eigentlich nur im Sommer denkbar“ sei. Geisterspiele sind für die um den Klassenverbleib kämpfenden Alfbachtaler keine Option, da Zuschauer- und Sponsoreneinnahmen überlebenswichtig seien. Zudem müsse das Duschen erlaubt werden. Diederichs ist sich aufgrund des bevorstehenden Winters sicher, dass Partien ausfallen werden. Ohne Corona habe man in den vergangenen Jahren im Dezember oft noch spielen können, aber die ersten beiden Monate des Jahres seien sehr schwierig, was die Platzverhältnisse angeht.

Um das Team bei Laune zu halten, hat sich Daniel Haas, der die Vereinigten aus Ellscheid, Strohn, Gillenfeld, Steiningen und Udler gemeinsam mit Michael Häb coacht, ein Online-Trainingskonzept überlegt. Diederichs berichtet: „Daniels Videos halten die Stimmung und den Zusammenhalt hoch und zeigen, welch große Moral in der Mannschaft steckt. Es hat gedauert, bis wir mit dem komplett neuen Team als Einheit zusammengewachsen sind. Selten habe ich so einen starken Teamgeist erlebt.“

Der FC Bitburg ist das Rheinlandligateam mit den wenigsten absolvierten Spielen (sechs; der Großteil hat bereits neun Partien hinter sich), weshalb Trainer Fabian Ewertz realistisch ist: „Ich hoffe, dass wir die komplette Saison zu Ende spielen. Angesichts der aktuellen Lage und 28 ausstehenden Spielen wird das aber wohl nicht funktionieren. In der Eifel ist Fußball Mitte Januar sowieso noch schwierig und nicht planbar.“ Geisterspiele seien „eine Katastrophe“ und die mögliche unterschiedliche Behandlung in den Landkreisen sorge für eine Ungleichbehandlung. Ewertz wünscht sich eine einheitliche Regelung und hat aufgrund der Gesundheit der Spieler Sorge vor vielen drohenden englischen Wochen: „Hoffentlich wird der Trainingsbetrieb ab Dezember wieder möglich sein.“ Aktuell stellt er seinen Schützlingen den Kraftraum in der von ihm geleiteten Sportschule individuell zur Verfügung.

Er geht davon aus, dass „wir bis zum Re-Start durchtrainieren“. Sein junges Team sei schwierig in die Saison gestartet, habe aber mit zwei Siegen in Folge die Konkurrenzfähigkeit bewiesen. Mit acht Punkten rangiert es auf Platz 13, hat aber noch die Nachholspiele in der Hinterhand.

Martin Knuppen, Sportlicher Leiter der SG Schneifel Auw, bewertet die möglichen Terminengpässe im Frühjahr so: „Die Gesundheit der Spieler darf nicht vergessen werden. Nur englische Wochen hält kein Körper aus. Dann sind Verletzungen programmiert. Auch für Geisterspiele habe ich kein Verständnis. Pro Heimspiel hätten wir dann einen Verlust von 500 Euro, was auf Dauer nicht funktioniert.“

Die Kicker aus Auw, Ormont, Hallschlag und Stadtkyll seien motiviert, und die Pause sei für die Verletzten „goldrichtig gekommen“, so Knuppen. Vor der Saison sei das veränderte Team nicht richtig einzuschätzen gewesen – man habe die starke Vorsaison in den bisherigen neun Spielen mit zwölf Punkten bestätigt, was auch der eigene Anspruch sei. Ziel bleibe der Klassenverbleib. Dazu soll weiter auch Fitnesstrainer Daniel Gaussner beitragen, der einen Fitnesswettbewerb initiiert hat. Zudem traf sich das Team kürzlich erstmals virtuell für eine gemeinsame Trainingseinheit. Knuppen hofft aufgrund des traditionell eher ausgeprägten Winters in der Schneifel zumindest darauf, die Hinrunde austragen zu können, um Chancengleichheit zu erzielen. Aufgrund der langen Pause hält er zwei Wochen Vorbereitungszeit bis zu einem Re-Start Mitte Januar für zu knapp.


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