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Montag 10.08.15 11:31 Uhr|Autor: Nürnberger Nachrichten852
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"Die spielen wie die Teufel": Matthias Lochmann inmitten seiner G-Jugend. Fotos: Huber/

"Es werden so viele Messis sein wie noch nie"

Sport-Professor Matthias Lochmann möchte den Jugendfußball reformieren. Viel zu lange, findet er, haben Erwachsene auf dem Platz geschimpft und gebrüllt.
Ein Fußballplatz, irgendwo in der Pro­vinz. Zwei Kinder stehen vor dem Klein­feldtor herum, der Torwart hat die An­weisung, auf der Linie zu bleiben, dass ja kein Gegentor fällt. Trainiert hat die­se Mannschaft der Fünf- bis Sieben­jährigen gezielt hohe Bälle – weil die Gegner ja meistens auch klein sind. So fallen bestimmt viele Tore. Das Ziel des Trainers ist das Siegerbild in der Zeitung, dafür sitzen die Schwächeren auf der Bank oder durften sich gar nicht erst umziehen. Der Trainer brüllt Anweisungen — unterläuft ein Fehler, wird das Kind geschimpft oder gleich ausgewechselt. „Ist das der Fußball, den wir unseren Kindern beibringen wollen?“, fragt Pro­fessor Dr. Dr. Matthias Lochmann. Der Erlanger Sport-Professor, der einst die Einführung der Nachwuchs­leistungzentren mitgestaltete, möchte jetzt das verkrustete Jugendfußball-System reformieren, „Funino“ heißt das Projekt. Es wäre laut Lochmann das „modernste Wettspielsystem für Nachwuchsfußball der Welt“. Alle Kinder sollen gefördert werden, niemand wird aussortiert, Trainer und Eltern moderieren gemeinsam und kon­fliktfrei. Den 1. FC Nürnberg und die Spielvereinigung Greuther Fürth hat er bereits überzeugt, jetzt sucht er weite­re Jugendmannschaften, die mitma­chen. „Wir tun es doch für unsere Kin­der“, sagt Lochmann. Ein Interview.

Herr Professor Lochmann, haben Sie ein traumatisches Jugendfußball-Erlebnis hinter sich, oder warum wol­len Sie das ganze System reformieren?

Professor Matthias Lochmann: Ich selbst zum Glück nicht, aber viele Tau­send Kinder in Deutschland, die nie­mand fragt, schon. Ich war lange Trai­ner, habe selbst Fußball gespielt. Mir war immer klar, dass im Jugend­bereich einiges verkehrt läuft. Aber erleiden muss ich es erst, seitdem mein kleiner Sohn Fußball spielt.

Aber Sie sind doch selbst sein Trai­ner.

Lochmann: Es geht mir um alle Fuß­ball spielende Kinder. Hier haben mir wenige Spiele genügt um zu erkennen, dass es so nicht weitergehen darf: Ein Wettkampfsystem, indem Trainer die Kinder wüst schimpfen, wenn sie Feh­ler machen, aber auch Kinder, die nur herumstehen auf dem Platz und stän­dig Anweisung von außen bekommen, was sie jetzt zu tun haben.

War das nicht schon immer so?

Lochmann: Ja, und das ist das ei­gentlich Unfassbare daran. Diese nicht gewollten Verhaltensweisen von Kindern, Trainern und Eltern werden durch die bestehenden Wettspielfor­men regelrecht provoziert, das Gewin­nenwollen schon in kleinsten Jahr­gangsstufen unterläuft massiv die Be­mühungen von Tausenden engagier­ten Menschen. Es ist aus meiner Sicht der stärkste Bremsklotz für die Weiter­entwicklung des Fußballs in Deutsch­land überhaupt.

Wo wollen Sie also anpacken?

Lochmann: Wir müssen die Wett­spielformen grundlegend reformieren. Die Toranzahl, die Feldgröße, die Spieleranzahl, die Wechselsystema­tik, die Spielregeln und die Organisati­onsformen der Wettkämpfe müssen wir auf ein altersgemäßes, kindgerech­tes Maß bringen. Wettkämpfe müssen zu einer optimalen Entwicklung der Fähigkeiten und Fertigkeiten der Kinder führen.

Aber Beckenbauer, Matthäus, Cris­tiano Ronaldo, Messi – alle wurden im bestehenden, wettkampforientierten System zu Superstars. So schlecht kann das also nicht sein...

Lochmann: All diese Spieler haben sich nicht wegen dieses Systems, son­dern trotz des Systems entwickelt. Sie hatten Freiräume, die Kinder heute kaum noch haben. Es waren Straßen­fußballer, die den ganzen Tag Fußball spielten. Heute sind die Kinder sehr lange in und mit der Schule beschäf­tigt. Aber es gibt noch einen anderen Aspekt, der gegen diesen Vergleich spricht.

Welchen?

Lochmann: Suchen wir immer nur nach Beckenbauers und Messis? Ist das der einzige Antrieb, unsere Kin­der Fußball spielen zu lassen? Und selbst wenn es so wäre, wird der Pool an Nachwuchskickern aufgrund der geburtenschwachen Jahrgänge immer kleiner. Das Potential zum Profi hät­ten vielleicht viele, die aber in jungen Jahren durch irgendein Raster eines Trainers aufgrund der bestehenden Wettkampfordnung gefallen sind – und deshalb aufgehört haben mit Fuß­ball. Wir müssen endlich alle gleich­mäßig und altersgerecht fördern — dann werden wir Beckenbauers und Messis in einer Anzahl in Deutschland erhalten, wie es das Land noch nicht erlebt hat.

Und das funktioniert damit, dass der Leistungsgedanke vom Fußball­feld verschwindet?

Lochmann: Das tut er ja gar nicht. Die Anforderungen von „Funino“ lie­gen mehrfach höher als in einem übli­chen Jugendfußballspiel. Nach sechs, sieben Minuten sind alle Kinder erst einmal ausgepowert – weil kein Einzi­ger rumstehen musste obwohl kein Trainer auch nur einmal gebrüllt hat. Weil grundsätzlich bei Funino auf vier Tore gespielt wird, müssen Kin­der ständig den Kopf hochnehmen und ein alternatives Ziel mit dem Ball am Fuß suchen. Das schult bereits in jungen Jahren viel intensiver als bis­her die Handlungsschnelligkeit.

„Es werden so viele Messis sein wie noch nie“

Dann ist die Professionalisierung der Förderung im Nachwuchsleis­tungszentrum verkehrt? Ihnen verdan­ken wir doch die Wiederauferstehung des deutschen Fußballs . .. 

Lochmann: Da sind wir wieder bei der Aussortierung. Die kommt zu früh. Bei den 13-Jährigen etwa ent­scheidet oft die körperliche Entwick­lung gegenüber Gleichaltrigen über ihren Verbleib im Leistungszentrum und nicht ihr technisch-taktisches Fer­tigkeitsniveau. Deshalb werden vor allem die Großgewachsenen früh über­durchschnittlich gefördert, dabei sind sie meistens nur früher im Jahr gebo­ren und deshalb noch überlegen. Da frage ich Sie: Hat Gott nur den Frühge­borenen Fußballtalent geschenkt?

Sicher nicht.

Lochmann: Eben. Die Prognose, ob jemand Profi wird oder nicht entschei­det sich doch nicht in der C-Jugend. Das Aussortieren in der bestehenden Art und Weise ist daher schädlich für den gesamten Profifußball. Wie viele gute Fußballer verlieren wir, nur weil sie sich erst ein wenig später entwi­ckeln? Es sind Tausende.

Gehört es aber nicht auch zur gesun­den Entwicklung fürs Leben im Sport zu lernen, dass man sich auch mal durchbeißen muss?

Lochmann: Natürlich. Aber wenn ein kleiner Junge zehnmal gesagt be­kommt, dass er am Wochenende nicht dabei sein kann, weil der Kader schon voll ist, dann wird er bald enttäuscht aufhören mit Fußball. Auch gibt es eine latente Spannung zwischen dem Trainer und den Eltern der Kinder, die zu einem Spiel fahren, aber nur auf der Bank sitzen. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, wie sich dieses Nicht-gut-genug-sein auf die charakterliche Entwicklung der Kin­der auswirkt. Was haben wir für ein Menschenbild, wenn wir dieses Sys­tem, dessen Fehler wir kennen, weiter verfolgen?

Was passiert mit schwächeren Kin­dern bei Funino?

Lochmann: Hier können auch zwan­zig Spieler aller Leistungsstärken mit­machen, aber auch nur kleine Dorfver­eine mit nur vier Kindern, die bisher auf Spielgemeinschaften angewiesen waren – und alle bekommen die glei­che Einsatzzeit, weil nach jedem Tor beide Mannschaften durchrotieren. Je nach Alter und Entwicklungsstand werden die Felder größer oder kleiner, die Spieleranzahl nimmt zu oder ab, die Tore werden diagonal bespielt, um­gedreht oder müssen durch Rückpässe erzielt werden. die Aufgaben werden komplexer. Der Fußball wächst mit den Kindern, systematisch.

Aber schafft man sich so nicht eine Blase, eine heile Jugendfußballwelt, die so neben allen anderen modernen Anforderungen existiert?

Lochmann: Das ist keine Blase, son­dern eine ideale Plattform, um mit mehr Action, mehr Toren ein Höchst­maß an Selbstwirksamkeitserfahrung zu erleben. Alle Kinder können Tore schießen und sich so Selbstvertrauen holen, sie werden fitter, können schneller laufen, nehmen ab, verbes­sern radikal ihre Wahrnehmungsfähig­keit und lernen selbst richtige Ent­scheidungen zu treffen. Es macht sie zu Höchstleistern – und nicht zu Ver­lierern. Sie werden besser, obwohl nie­mand Zwang oder Druck ausübt. Es ist im Grunde ähnlich wie mit dem Regelschulsystem. Auch das zwingt Lehrer, Eltern und Kinder zu Verhal­tensweisen, die sie im Grunde selbst tief verachten. Ich halte es daher eben­so reformbedürftig.

„Es geht um mehr als eine fußballerische Ausbildung“

Erhoffen Sie sich durch Funino auch gleich, das ganze Schulsystem mitzureformieren?

Lochmann: Na ja, die negativen Fol­gen sind ähnlich: durch Überforde­rung erleiden Kinder Burn-out. Durch Bewegungsmangel werden sie motorisch schwach, werden überge­wichtig. Hinzu kommt massiver Stress, weil sie – anders als im Fußball – nicht einfach aufhören können, son­dern über Jahre in der Situation gefan­gen bleiben. Aber das ist ein anderes Thema.

Warum? Es gibt ja bereits Grund­schulen, die Funino in den Sportunter­richt integrieren wollen.

Lochmann: Ich finde, die Leute sol­len sich selbst davon überzeugen, wie Funino auf sie wirkt. Wir haben auch im Kleinen in der G-Jugend be­gonnen, sind dann in den Verein, dann in die Grundschule gegangen, haben dann ein Funino-Festival veranstaltet – jetzt sind wir am nächsten Schritt, die Leute in der Region aufzusam­meln, die diesen Weg mit uns gemein­sam gehen wollen. Deshalb laden wir sie zu einem Funino-Workshop an der Uni Erlangen ein, wo wir die vielen guten Ideen der engagierten Trainer, Eltern und Betreuer aus der Region aufgreifen werden, um das System weiter zu verbessern.

Braucht man für Funino eine spezi­elle Ausbildung?

Lochmann: Einer der großen Vortei­le von Funino ist, dass es mit wenigen Handgriffen, ohne Vorerfahrungen, angewendet werden kann. Wir haben Grundschullehrerinnen, die nach drei­ßig Minuten ein Kinderfußballtrai­ning anbieten können, das die Kinder lieben und das obendrein zu einer optimalen Förderung der Sechs- bis Zehnjährigen führt.

Kennen Sie Trainer, die Funino ablehnen?

Lochmann: Es gibt natürlich einige Trainer, die sich für sehr wirksam hal­ten. Die bekommen in unserem Kon­zept ein Problem mit ihrem Selbstver­ständnis, wenn sie plötzlich in eine moderierende Rolle schlüpfen sollen. Das ist dann eine Frage der Souveräni­tät und der Eitelkeit. Aber arbeiten diese Personen für sich – oder für die Kinder?

Brauchen Kinder keine Anleitung?

Lochmann: Natürlich. Aber wir wol­len ihnen die Möglichkeit geben, auf dem Fußballplatz eigene Kompeten­zen fürs Leben zu erwerben. Wir wol­len die Kinder fit machen für unsere Welt. Auf dem Platz geht es um mehr als nur eine fußballerische Ausbil­dung. Wir wollen ihnen einen Entfal­tungsraum geben, in dem sie Hand­lungsalternativen kennenlernen und die bestmögliche Lösung selbst he­rausfinden müssen – die Lösungswege müssen aber altersgerecht sein. Das sind sie derzeit nicht.

Spüren Sie schon erste Erfolge?

Lochmann: In der Jugend von Mainz 05 haben die Jungs nach sechs Mona­ten gespielt wie die Teu­fel, bis zur Halbsaison 117 Tore geschossen, das war unglaublich. Bei der G- Jugend meines Soh­nes gibt es nur meine sub­jektiven Eindrücke. Hier spüre ich, dass ich ein echter Freund der Eltern und der Kinder gewor­den bin. Es gibt keinen, ob Mädchen oder Junge, ob klein oder groß, guter oder schlechterer Fußbal­ler, der nicht gern „Hal­lo“ zu mir sagt.

 
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