Vereinsverwaltung
Suche
Mittwoch 28.08.13 11:00 Uhr|Autor: Thorsten Schaar974
1
Erfinder der Fair-Play-Liga: Ralf Klohr schaut genau hin. Foto: privat

Der Friedensstifter

Ralf Klohr hat sich die Fair-Play-Liga ausgedacht. Sein Ziel: Kinder sollen wieder mehr Spaß am Fußball haben
FuPa Weser-Ems blickt über den regionalen Tellerrand hinaus: Hier ist eine schöne Geschichte der Kollegen vom Niederrhein. Denn wer kennt es nicht?

Ralf Klohr ist einer der größten Fußball-Visionäre unserer Zeit. Der Mann aus Herzogenrath ist gerade dabei, den Kinderfußball in ganz Deutschland umzukrempeln. Oder wie er sagt: die Normalität wiederherzustellen. Seine einfache wie geniale Idee: die Einführung von Spielregeln, mit denen Kinder vor den Eltern am Spielfeldrand geschützt werden.

Wenn es nach Klohr geht, wird auf einen Schiedsrichter verzichtet, stehen die beiden Trainer nebeneinander in der Mitte und halten die Erziehungsberechtigten einen Sicherheitsabstand ein. Immer mehr Landesverbände erkennen, wie wegweisend seine Gedanken sind. Die Probleme mit den Eltern sind überall dieselben. In den Niederlanden erhielt Klohr sogar den Ehrenpreis „Meer dan Voetbal“ (Mehr als Fußball). Doch, bis seine Erfindung anerkannt wurde, war es ein langer Weg.

Es ist acht Jahre her, dass Klohr endgültig nicht mehr mitansehen konnte, wie am Spielfeldrand geschrien und dirigiert wurde. Immer, wenn er mit seinen Söhnen zum Fußball ging, waren dort Eltern und Trainer, die ihr Engagement übertrieben. Der Erfolgsdruck für die kleinen Kicker in ihren Beckham- Trikots war maximal. Dann las er in der Zeitung von einem F-Jugend-Spiel, das abgebrochen werden musste, weil die Eltern in Streit geraten waren und sich vor den Kindern geprügelt hatten. Klohr ließ das keine Ruhe. In dieser Zeit erinnerte er sich an ein Spiel, das ihn über alle Maßen begeistert hatte. Er war einmal mit der F-Jugend seines Sohns nach Kerkrade gefahren. Wegen eines Missverständnisses wurden sie auf gegnerischem Platz von einer E-Jugend empfangen – es drohte ein ungleicher Kampf. Spontan entschieden die Eltern, einfach zwei gemischte Mannschaften auflaufen zu lassen. „Es wurde das schönste Fußballspiel, das ich je gesehen habe“, sagt Klohr. Eltern und Trainer der RKVV Haanrade und des SuS Herzogenrath standen zusammen an der Bande.

Die Erinnerung an dieses Spiel wurde zum Erweckungserlebnis. Wie konnte man einen solch friedlichen Zustand im normalen Spielbetrieb herstellen? Fußballromantiker Klohr setzte sich hin, kritzelte Spielfelder auf Papier und zog neue Zonen ein. Er kreierte den jüngsten Kickern einen Schutzraum, in dem sie einfach nur Fußball spielen dürfen. Seine Überzeugung: Wer nach den neuen Spielregeln kickt, hat automatisch weniger Druck von außen. Und Eltern und Trainer werden dafür sensibilisiert, dass ihre Einflussnahme nicht erwünscht ist.

Dass seine Erfindung überhaupt nötig wurde, sieht er als Folge einer gesellschaftlichen Entwicklung. Der Kinderfußball hat sich in den vergangenen Jahren zu einem merkwürdigen Wettstreit verwandelt, ist seine Beobachtung. Die Kinder fangen immer früher an, Fußball zu spielen – und hören viel früher wieder auf. Natürlich wollen sich die Eltern am Spiel erfreuen, die Kinder sollen aber gefälligst auch gewinnen. „In der heutigen Gesellschaft zählt nur der Sieg“, sagt Klohr. Wenn die Siege ausbleiben, so die Beobachtung des Experten, wird es kritisch, auch schon in der E-Jugend. Es gibt viele Eltern, die nicht sofort einsehen, dass ihr Sohn kein zweiter Schweinsteiger ist und dass man in der Pampers-Liga noch keine Viererkette spielt. Die Folge: Die Kinder stehen unter Druck und verlieren den Spaß. Die Zahl der Spieler nimmt ab der D-Jugend rapide ab. „Gerade in der Pubertät, wenn sie den Sport brauchen, fehlt er vielen Jugendlichen dann“, sagt Klohr.

2006 wurde sein revolutionäres Modell im Fußballkreis Aachen zum ersten Mal ausprobiert, erst einmal bei Freundschaftsspielen. Die zunächst skeptischen Funktionäre, die zur Spielbeobachtung kamen, sagten hinterher begeistert: „Das machen wir!“ Ein Jahr später gab es das erste Pilotprojekt mit zwölf Mannschaften. In der Saison 2007/08 spielten bereits 60 Mannschaften freiwillig nach den modernen Spielregeln. Der größte Etappensieg für Klohr war die Spielzeit 2008/09, als sein System verpflichtend für die F-Jugend eingeführt wurde. Dass sich die neuen Spielregeln durchsetzten, hatte aber auch viel mit seiner Beharrlichkeit zu tun. Er musste reichlich Überzeugungsarbeit leisten – irgendwann kam der Fußballverband aber nicht mehr an ihm vorbei. Dieser hat die Steilvorlage 2011/12 aufgegriffen. Michael Kurtz aus dem Jugendausschuss des FVN sagt: „Kinder werden zu Eigenverantwortung angetrieben, entwickeln Selbstbewusstsein und erleben den Fußball in einem kindgerechten, ruhigen Rahmen!

Durch den Modus der Fair-Play-Liga werden soziale Komponenten geschult, Kreativität gefördert und die Kinder lernen selbständig Entscheidungen zu treffen. Es sind eben keine Tippkick-Männchen mehr, die zu schießen haben, wenn der Trainer oder ein Elternteil es von der Seitenlinie hereinbrüllt.“ Der DFB engagierte Klohr, der als Klimatechniker in Köln arbeitet, vor drei Jahren als Fair-Play-Experten und empfiehlt die Einführung seiner Liga inzwischen bundesweit. Der 51-Jährige ist inzwischen regelmäßig von Flensburg bis zur Zugspitze unterwegs und erklärt seine Erfindung. Zuletzt hielt er drei Vorträge in Bad Segeberg, Edenkoben und Koblenz. Als im Dezember 2012 in den Niederlanden ein Linienrichter von jugendlichen Spielern erschlagen wurde, dauerte es nicht lange, bis bei Klohr das Telefon klingelte. Er hatte seine Idee dort schon einmal präsentiert, ohne dass etwas passierte. Jetzt wollten die niederländischen Funktionäre schnellstmöglich ein Fair-Play-Spiel sehen. Sie reisten im Frühjahr mit einer Delegation nach Herzogenrath. Drei Monate später, fand in Njustaad das erste Fair-Play-Turnier statt.

Während seine Idee allerorts aufgegriffen wird, ist Klohr schon wieder einen Schritt weiter. Er möchte junge Schiedsrichter fördern und ihnen die Chance geben, in einem ruhigen Umfeld zu lernen. In Aachen und Köln laufen seine nächsten Pilotprojekte: Die Kinder der D-Jugend entscheiden selbst über Einwurf, Abstoß und Ecken. Der Schiedsrichter muss sich nur noch um Fouls und Abseits kümmern. Es scheint, dass Klohr seinem Ziel immer näher kommt: Kinder zu selbständigen Menschen zu erziehen.

Kontakt: www.ralf-klohr.de

DIE DREI GRUNDREGELN DER FAIR-PLAY-LIGA:

1. Zuschauer und Angehörige halten sich in angemessenem Abstand zum Spielfeld auf, 15 Meter sollten es schon sein.

2. Außerdem gibt es keinen Schiedsrichter; die Kinder sollen selbst entscheiden, wann der Ball im
Aus oder wann ein Foul passiert ist.

3. Trainer verfolgen das Spiel nebeneinander in
einer gemeinsamen Coachingzone.

 
1 Kommentare2 Mitleser |
Du möchtest mitdiskutieren? Jetzt hier anmelden.