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Donnerstag 28.09.17 23:00 Uhr|Autor: Nicu Burgheim138

Akkurate Auswahl

oder: über die (un-) gesunden Zweifel von Spieler - Müttern am System…
Ob der auch alles im Blick hat?“, höre ich die Dame links neben mir zwei Plätze weiter laut sagen. Die skeptische Frage, die eine minimale Voreingenommenheit im Hinblick auf das Kompetenzspektrum suggeriert, bezieht sich auf den Mann vor ihr auf dem Kunstrasenplatz. Gemeint ist der Kreis-Auswahltrainer, der mehr als zwei Dutzend kleiner Jungen eingeladen hat, ihre Fußballkünste unter Beweis zu stellen. Ich habe diese Gelegenheit nicht ungenutzt gelassen und befinde mich nun mit drei Fußball - Müttern, die unterschiedlicher kaum sein könnten, auf der Ersatzbank des Gästeteams an der Radrennbahn des Heeper Sport - und Lernparks. Sie alle sind gekommen, um ihren Sohnemännern moralischen Beistand zu leisten bei ihrem ersten wichtigen „Karriere“ Schritt. Denn es ist ein wichtiger Tag für sie. Sie zählen zu den besten Spielern ihres Kreises. Eine Ehre, die ihnen zuteil wird. Definitiv. Ein Ort, der das Sprungbrett zu anderen Auswahlteams ist. Daher markiert er eine Momentaufnahme, die in den Köpfen der Kleinen Träume aktiviert, groß werden lässt, Doch Vorsicht ist geboten. Für mindestens sechs von den kleinen Nachwuchskickern werden diese Traumblasen heute schon zerplatzen. Denn nur zwölf werden am Ende „wieder eingeladen.“ Die Auslese beginnt früh. Eine willkommene Gelegenheit, das ganze (Auswahl-)Konzept kritisch zu hinterfragen? 

Drei Mütter, drei Söhne. Vereint und getrennt zugleich, denn streng genommen, sind sie ja alle in diesem Moment Konkurrentinnen. Zumindest ihre Kinder. Das führt zu Spannungen: 

„Wie will der denn da überhaupt erkennen, wer gut ist? Das sieht doch alles gleich aus...?“, deutet eine Mutter das fehlende Vertrauen in die Auslese - Fertigkeiten der Verantwortlichen an. Sicherlich  - für das ungeschulte und mütterlich liebende Auge scheinen sich da Unterschiede in nichts aufzulösen. Ich nehme sie liebevoll auf den Arm und entgegne, dass das natürlich gar nicht gehe und daher erfahrungsgemäß gewürfelt werde. Sie schaut mich verdutzt an. Ich löse den Witz auf und sage ihr, dass es da schon Parameter gebe, die aber, wie in allen Zusammenhängen des Lebens, mit den beurteilenden Instanzen variiere. Sie ist beruhigt und erkennt eine einmalige Gelegenheit: „Du scheinst ja von Fußball Ahnung zu haben, sag doch mal was zu unseren Kindern!“ Um die Autorität der Trainer nicht zu untergraben und gleichzeitig das aufkeimende Vertrauen in das System nicht auf einen Schlag zunichte zu machen, unterlasse ich es, in Erfahrung zu bringen, welcher dieser kleinen quirligen Zwerge zu welcher Mama gehört. Neutralität ist natürlich das A und O bei der Talentsuche. Aber vorher werde ich gebeten, mein Expertenwissen zu legitimieren. Ich nenne ihr einige Stationen meines fußballerischen Wirkens, verschweige aber das Detail, dass es sich dabei um Vereine im Frauenfußball handele. Sie scheint sichtlich beeindruckt (Spätestens bei der Nennung des Vereins „DSC Arminia Bielefeld“ hahaha). Ich muss grinsen. Eine eingeweihte Mutter auf der Bank schmunzelt unverhohlen. Es kann losgehen. Also beschränke ich mich darauf, ihr an exemplarischen Beispielen zu erklären, wie der Trainer die Qualität der einzelnen Kids bei einer so vermeintlich langweilig ausschauenden Passübung erkennen bzw. unterscheiden kann. Explosivität im Antritt, koordinatives Geschick bei der An - und Mitnahme des Balles,  Beweglichkeit in der Auftaktbewegung (vom Gegner lösen und zum Ball hin bewegen), Dynamik  in der Körpersprache und so weiter. Die Zweiflerin verstummt andächtig für Sekunden, um dann wieder zum verbalen Gegen-Angriff auszuholen: 

„Müssen die mal nicht langsam die Übungen wechseln. Das ist doch total unfair so?“ 

Ich muss ihr zustimmen und bin auch etwas überrascht über die Verweildauer. Ich kann sie ein wenig mit dem Hinweis beruhigen, dass es durchaus Variationen in diesem Übungsarrangement gibt. Und argumentiere mit einem zuversichtlichen Vertrauensvorschuss, dass sie sich dabei schon was denken werden. Aber sicher wissen kann man es nie. Ich will auch der Zweiflerin nicht zu viel Nahrung geben und mache mich darüber lustig, dass die Aufteilung der einzelnen Gruppen bestimmt einer Vorentscheidung gleich käme. Sie verstummt irritiert.

Es wird ungemütlich(er): Ein Sturm zieht auf, der Himmel verdunkelt sich, die ersten Regentropfen lösen sich zaghaft vom Himmel, verbinden sich zu einzelnen Regenfäden, um dann in einen prasselnden Regenschauer zu münden. Die kleinen Fußballer stört es nicht, dafür werden die Damen auf der Gästebank unruhig. „Müssen die jetzt ernsthaft weiterspielen bei diesem Regen? Können die sich nicht unterstellen und warten bis der Regenschauer vorbei ist?“ Ich muss lachen über so viel Naivität. Der Satz klingelt mir noch in den Ohren aus eigenen Fußballer - Kindertagen. In dieser verständnislosen Nachfrage kumuliert sich das ganze Potenzial besorgter Mütterlichkeit, welche die fehlende Vorstellungskraft transparent macht, dass äußere Faktoren der eigenen Leidenschaft Einhalt gebieten könnten. Ich weise diesen Einwand damit zurück, dass die Dauer eines solchen Regenschauers ja nicht abzusehen sei und nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen ein Training unterbrochen werden kann, wenn wirkliche Gefahr bestehe. Die zweite Mutter der Dreierband ist da schon etwas weiter und bedient fein das Phrasenschwein: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“. Genau! Ping! Das Schwein klingelt vergnügt. 

Das Training neigt sich dem Ende zu. Die erste Mutter hat schon den Platz verlassen, weil wichtigere Aufgaben auf sie warteten. Zeit, sich nun den unangenehmen Fragen zu stellen: „Und wie erkläre ich dann meinem Sohn, wenn er nicht ausgewählt wurde?“ „Naja du sagst ihm einfach, dass er zu schlecht war!“ Sie ist entrüstet über diese Herzlosigkeit. „Oh nein das kann ich nicht machen, das ist zu hart. Ich kann ihm doch nicht das Herz brechen!“ Ich versuche sie neckend zu besänftigen: „So darfst du das nicht sehen: Er hat sich selbst das Herz gebrochen, weil er nicht gut genug war. Aber gut, du kannst ihm auch sagen, dass die anderen ein klitzekleines bisschen besser waren. Vielleicht kann er die schmerzhafte Erkenntnis dann besser annehmen.“ Sie wirkt nicht einverstanden. Die Neugier der dritten Mutter im Bunde scheint nun auch geweckt. Erwartungsvoll am Seitenrand stehend ihren Sohn in Empfang zu nehmen, fragt sie sich laut: „So, wissen die jetzt etwa schon, wer weiter gekommen ist? Ich glaube, ich frage den Trainer jetzt….“ Voller Tatendrang nimmt sie die Fährte zum Auswahltrainer auf, der das restliche Material energisch einsammelt. Ich rate ihr von diesem gutgemeintem Ansinnen ab, sofern sie nicht die Ausgangschancen ihres Sohnemannes um ein Vielfaches verschlechtern will. Ein solch dringliches Insistieren ist kontraproduktiv, zumal diese überaus lebenswichtige und zukunftsträchtige Entscheidung bestimmt nicht am Fußballseitenrand in der Gegenübersituation mit den erwartungsvoll dreinblickenden Augen mitfiebernder Elternteile getroffen werden kann. Sie besinnt sich rechtzeitig eines Besseren.

Weil es mir zwischenzeitlich auch zu langweilig geworden ist, nur zuschauen zu müssen, spiele ich mit einem kleinen Jungen Fußball. Wir passen einige Bälle hin und her. Direktspiel. Onetouch. Ich bin verblüfft über die Zielgenauigkeit und technische Versiertheit und frage überrascht: „Wieso bist du nicht eingeladen worden?“ Er weiß es nicht. Die Frage, ob Freunde aus seinem Team bei der Kreisauswahl anwesend sind, kann er ebenfalls nicht beantworten. Es scheint ihn auch nicht zu interessieren. Ich bewundere ihn für dieses gesunde Desinteresse, seine Selbst-Vergessenheit. Eigentlich ein schöner, unschuldiger Zustand, der mit solch gesehenen und gehörten Vergleichen verloren geht: Denn: Er spielt: Ohne Leistungsdruck. Er spielt: Aus Spaß am Spiel. 

 

 
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