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Von wo Rudi Gutendorf einst in die Welt aufbrach

REGIONALLIGA SÜDWEST: +++ Die Gegner der Teutonen +++ Heute: TuS Koblenz +++

von Christian von Berg · 15.06.2016, 08:25 Uhr · 0 Leser
Rudi Gutendorf
Rudi Gutendorf

Giessen. Noch kann man es nicht so richtig glauben. Der SC Teutonia aus Watzenborn-Steinberg spielt in der kommenden Saison in der Regionalliga und trifft auf Mannschaften wie den 1. FC Saarbrücken, Waldhof Mannheim oder die Kickers aus Stuttgart. Statt mit Lehnerz, Hadamar und Flieden misst sich eine Mannschaft aus Mittelhessen plötzlich mit ehemaligen Erstligisten und Europacup-Teilnehmern und tritt in Stadien an, die nicht selten Heimstatt von Nationalspielern waren. Bereits ein flüchtiger Blick auf das Teilnehmerfeld der Regionalliga Südwest reicht aus, um zu erkennen, in welch prominentem Umfeld sich die Teutonen künftig bewegen werden und welchen Stellenwert der Aufstieg der Mannschaft für den heimischen Fußball haben dürfte. Aber Bange machen gilt nicht, denn zum einen liegen die großen Erfolge der kommenden Gegner oft weit zurück und zum anderen haben bei manchem Kontrahenten in den vergangenen Jahren nicht Meisterschaften oder Pokalsiege, sondern Konkurse, Lizenzentzüge und Zwangsabstiege die Schlagzeilen bestimmt.

Beginnen wir die kleine Zeitreise durch das Teilnehmerfeld der Regionalliga rund 100 km westlich von Watzenborn am Zusammenfluss von Rhein und Mosel in Koblenz. Hier im Stadtteil Neuendorf ist der gleichnamige Turn- und Sportverein beheimatet, der seit 1982 unter dem Namen Koblenz spielt, seine große Zeit aber in den 1940er und 50er Jahren als TuS Neuendorf erlebte.

Untrennbar sind die Erfolge des Neuendorfer Fußballs mit dem Namen ,,Jupp" Gauchel verbunden, dem antrittsschnellen und mit hartem Schuss ausgestatteten Stürmer, der in seinen 16 Länderspielen zwischen 1936 und 1942 stolze 13 Tore erzielte und auch an der Weltmeisterschaft 1938 in Frankreich teilnahm. Gauchel führte Neuendorf als Meister der Gauliga Moselland Ost 1943 und 1944 in die Endrunde der Deutschen Meisterschaft und sorgte als Spielertrainer ab 1946 dafür, dass die Neuendorfer fester Bestandteil der erstklassigen Oberliga Südwest wurden. 1948 stand man im Halbfinale der nationalen Meisterschaft und konnte anschließend im Stadion Oberwerth bis 1956 noch drei Vizemeisterschaften in der Oberliga feiern. Der dreifache Nationalspieler Karl Adam, von dem es hieß, nur sein Durst habe weiteren Berufungen in die Länderelf im Wege gestanden, hütete das Tor und im Angriff ruhten die Hoffnungen bald auf Jakob Miltz, der ebenfalls zu internationalen Ehren kommen sollte.

Für die Bundesliga reichte es in Neuendorf aber nicht, und ab 1963 spielte der TuS daher nur noch zweitklassig in der Regionalliga Südwest. 1968 und 1969 klopfte man als Vizemeister zwar noch zwei Mal an das Tor des Oberhauses, aber aus dem Aufstieg wurde nichts. Als 1974 die 2. Liga eingeführt wurde, fiel der Verein sogar ins Amateurlager und die große Zeit des Neuendorfer Fußballs war zunächst einmal vorbei. Die Renaissance ließ schließlich drei Jahrzehnte auf sich warten, denn erst 2006 war der TuS mit dem Aufstieg in die 2. Liga zurück im bezahlten Fußball. Es folgten vier Jahre Profifußball am Deutschen Eck, die am Ende in einem Insolvenzantrag und dem Abstieg in die Fünftklassigkeit mündeten. Erst in diesem Sommer glückte zumindest die Rückkehr in die Regionalliga.

Aber halt, da war doch noch was. Richtig: Rudi Gutendorf. Die schillernde Trainerpersönlichkeit, die 1926 in Koblenz-Moselweiß das Licht der Welt erblickte, spielte von 1944 an fast zehn Jahre für Neuendorf. Dann, nachdem er unter Sepp Herberger sein Trainerdiplom erworben hatte, packte er seine Koffer und startete eine wohl einzigartige Trainerkarriere, die ihn über Zürich und Meiderich schließlich auf alle Erdteile führen sollte, die Südsee inbegriffen. ,,Machen Se et jut. Vom Deutschen Eck in alle Welt" heißt folglich auch ein prächtiger Bildband, der von seinem aufregenden Leben erzählt.

Archivfoto: dpa/2008



- Tradition soweit das Auge reicht. Gegner mit klangvollen Namen und großer Vergangenheit warten auf Teutonia Watzenborn-Steinberg in der Regionalliga Südwest. Christian von Berg, Fachmann für Fußball-Historie und Autor des Buches über die Geschichte des VfB 1900 Gießen, begibt sich für den Gießener Anzeiger auf eine Zeitreise in die Fußball-Historie zwischen Rhein, Saar und Donau. Christian von Berg wird in insgesamt elf Teilen die elf Vereine mit überregionaler Fußball-Vergangenheit aus der Regionalliga Südwest in loser Folge beleuchten. (rd)

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