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Montag 19.06.17 15:50 Uhr|Autor: Garmisch Partenkirchener Tagblatt: Oliver Rabuser232
Die Freunde helfen mit: Josef Niklas (in schwarz) und Selina Schauer (links daneben) weisen mehrere Camp-Teilnehmer ein. Oft geht das nur mit Handzeichen. FOTOS: OLIVER RABUSER

Camp im Ammertal: So hilft Ollert gehörlosen Kindern

Andrang aus der ganzen Welt

Sie hören kaum etwas, verständigen sich nur mit Mimik und Gestik. Doch die Sprache des Fußballs sprechen alle. 43 hörgeminderte Kinder haben in einem Camp im Ammertal trainiert. Organisiert von Simon Ollert, der nur zu gut weiß, wie es sich anfühlt, ohne Gehör zu kicken.



Ammertal – Im Vorjahr, so erzählt man’s sich in Altenau, haben die Mütter alle geweint. Vor Freude. Noch nie haben sie ihre Kinder, die alle an einer Hörschädigung leiden, so glücklich gesehen.

Fußball-Profi Simon Ollert, der so gut nachvollziehen kann, wie schwer es ist, ohne Gehör zu kicken, weil er selbst fast nichts hört, hatte ein Turnier organisiert. Für sie. In Altenau. Auf dem Sportplatz, der Schauplatz großer Fußballspiele längst ausgedient hat. Früher, als der TSV noch in der A-Klasse kickte, war das anders. Heute spielt wenn überhaupt noch der Nachwuchs dort. In den vergangenen Tagen aber rührte sich wieder was in Altenau. 43 hörgeminderte Kinder kamen.

Für Ollert war nach 2016 klar gewesen: Eine Neuauflage muss her. Sein Camp hat sich europaweit herumgesprochen. Die Flut der Anfragen war enorm. Auf maximal 44 Kinder einigten sich die Organisatoren. Deutschland alleine hätte als Einzugsgebiet gereicht. Nun kamen sie von überall. Sogar ein russischer Bub flog ein. Für Interessenten aus Schottland und den USA schafften es die Ausrichter nicht, kurzfristig Flüge zu buchen. Ollert teilte das Feld in vier Sektionen auf. Um eine kümmerte er sich.

Der 20-jährige Regionaliga-Kicker des FC Memmingen machte Übungen vor, gab Anweisungen, erklärte. Vieles natürlich in Gebärdensprache. Der Minderungsgrad der Kinder ist völlig unterschiedlich. Manchmal reicht ein Hörgerät. Andere benötigen ein Implantat, um überhaupt im Alltag klarzukommen. Die Sprache des Fußballs verstehen sie aber alle. Sie eint Menschen, deren Alltag nicht einfach ist. 16 Millionen Deutsche würden von einem Hörgerät „profitieren“, betont Jan-Christian Fross. „Nur drei Millionen sind versorgt.“ Fross ist für die Öffentlichkeitsarbeit bei Phonak zuständig. Der Firma, die Ollerts Camp mit einem maßgeblichen Betrag unterstützt. So können Kinder aus allen Gesellschaftsschichten kostenlos teilnehmen. Zudem dürfen sie die Trikots der fünftägigen Veranstaltung behalten. Für die Zeit, wenn Kratzer und blaue Flecken verschwunden sind. „Wir haben noch nie so viele Pflaster gebraucht“, sagt Ollerts Freundin Theresa.

Die Idee eines solchen Camps fußt auf seinem Erlebnis während einer Zugfahrt. Ein Vater berichtete ihm, dass es unmöglich sei, seinen Sohn in einem normalen Verein kicken zu lassen. Ollert möchte den Kindern „Mut und Selbstvertrauen vermitteln“. Jedes Kind soll sich zutrauen, seine Stärken über Gebärdensprache und Gestik zu erklären, sagt der 20-Jährige. Oft wird er angesprochen, wie er über die Jahre mit dem Handicap zurechtkam. Als ihn Eltern im Vorjahr baten, das Camp zu wiederholen, habe ihm das einen „zusätzlichen Schub“ gegeben. Die Tage Altenau sowie Ettal und Bad Kohlgrub bezeichnet er als anstrengend. Disziplin sei ein „sehr aufwändiges“ Thema. Doch mit jeder Trainingseinheit kommt er seinem Ziel, „Teamgeist zu schaffen“, einen Schritt näher.

Ollert ist inzwischen weit mehr als nur ein guter Fußballer mit kognitiver Einschränkung. Er ist ein außergewöhnlicher Mensch. Reif in der Entwicklung, klar in den Zielen. Im Herbst beginnt der Ammertaler ein Fernstudium im Life-Coaching. Hinterher könne er sich einen Job im Bereich Trainer und Motivator vorstellen. Freilich mit Kindern. Dazu dient er längst als Markenbotschafter der Hörgeräte-Industrie. Ähnlich wie der Schauspieler Christoph M. Orth oder Skateboarder Titus Dittmann. Eine Kamera sammelte bewegte Bilder vom Camp, Fachjournalisten tauchten auf, Fotografen suchen nach Motiven mit Ollert. Alles dreht sich um den Blondschopf.

Die übrigen Stationen betreuen seine Freunde. Unter anderem die Bad Kohlgruber Kreisliga-Akteure Luis Mair und Josef Niklas. Aber auch Fußballerinnen. Torhüterin Veronika Gratz aus Ohlstadt half mit, genauso die erst 17-jährige Selina Schauer vom BCF Wolfratshausen. Noch nie hat sie davor Kinder trainiert. „Ich freue mich total, hier mitmachen zu dürfen. Es ist schön, Kindern etwas mitgeben zu können“, sagt sie. Schauer fasziniert die Selbstständigkeit der Teilnehmer. „Sie erklären sich sogar die Übungen gegenseitig.“

Fross beeindruckt das „tolle Umfeld“ und Ollerts Freunde, die ihm „kostenlos und gerne“ zur Seite stehen. „Schön, mit solch geerdeten Menschen zu arbeiten“, betont der PR-Mann. Und Ollert? Der denkt derweil schon an die dritte Auflage. „Ich habe vor, es nächstes Jahr wieder zu veranstalten, denn es soll ein langfristiges Projekt werden.“

 
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