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Sonntag 16.04.17 09:00 Uhr|Autor: Alex Raack174

Der Online-Trainer

Interview mit Mike Möllensiep, Trainer des TC Freisenbruch
Mike Möllensiep, 41, muss sich als Trainer des Essener Kreisligisten TC Freisenbruch dem Willen der virtuellen Gemeinde beugen. Kann das gut gehen?

Mike Möllensiep, Sie haben Huub Stevens Ihre beiden Bundesligaeinsätze für den FC Schalke 04 zu verdanken. Glauben Sie, dass er jemals Spaß daran gefunden hätte, einen Kreisliga-Verein zu trainieren, bei dem die Fans die Aufstellung bestimmen?

Mike Möllensiep: Das hätte wohl eher nicht zu ihm gepasst.

Ihr Klub, der TC Freisenbruch, wird wie ein Online-Managerspiel geführt. Interessierte können sich für fünf Euro im Monat einkaufen und mitbestimmen, wer am Wochenende auf dem Rasen steht und was mit den Einnahmen passiert. Wie viel Spaß macht Ihnen dieses Projekt?

Möllensiep: Es ist ein spannender Versuch, und es macht auch noch unheimlich viel Spaß, mit den Jungs zu arbeiten. Aber es ist letztlich auch der Grund, warum ich den Verantwortlichen nach reiflicher Überlegung
mitteilen werde, dass ich nach der Saison aufhöre. Ich möchte ins normale Trainerleben zurück.

Wie bitte? Warum?

Möllensiep: Ein Grund ist zum Beispiel auch, dass der Verein mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht die  Rahmenbedingungen garantieren kann, die für mich wichtig sind. Der Klub selbst muss immer bis Anfang April abwarten, wie viele Manager überhaupt für die nächste Saison zur Verfügung stehen.

Warum ist das so problematisch?

Möllensiep: Der Verein kann erst im Anschluss sagen, wie das Budget aussieht. Und anschließend müssen die Manager sogar noch darüber abstimmen, für was das Geld überhaupt verwendet werden soll. Sprich: Werbung, Jugendarbeit, Trainerteam, Mannschaft und so weiter.

Ist das Freisenbrucher Pilotprojekt also gescheitert?

Möllensiep: Ich finde dieses Projekt nach wie vor großartig und bin längst ein großer Fan von diesem Verein geworden. Aber auf Dauer ist mir doch eine klassische Trainertätigkeit lieber, in der einzig und allein
der Trainer für die Aufstellung und die Mannschaft verantwortlich ist.

Wo sehen Sie die Schwachstellen im Projekt?

Möllensiep: Am Ende des Tages sind meine Spieler echte Menschen und keine virtuellen Avatare. Als Online-Manager kann man den Spielern natürlich nicht annähernd so nahe kommen wie ich als Trainer.
Wobei ich sagen muss, dass sich die mir von den Usern vorgegebenen Aufstellungen zu 90 Prozent mit meinen Wunschaufstellungen glichen.

Was würden Sie verbessern?

Möllensiep: Vielleicht wäre es eine gute Idee für die Zukunft, wenn Trainer und Manager häufiger miteinander direkt kommunizieren würden. Gibt es weitere Kritikpunkte? Aktuell stehen wir auf Platz eins in der Tabelle der Kreisliga B. Das ist wunderbar, aber ich bin gespannt, was passieren wird, wenn der Verein weiter nach oben kommt. Unsere Anlage hier hat Charme, aber sehr rustikalen Charme. Beschreiben Sie die Platzanlage mal. Wir spielen auf einem Ascheplatz. Im Winter mussten viele Trainingseinheiten ausfallen. Das mag in der Kreisliga seinen Reiz haben, in der Bezirksliga dann schon nicht mehr. Besonders, wenn man neue Spieler nach Freisenbruch locken möchte.

Was hat Ihnen trotzdem gefallen?

Möllensiep: Sehr vieles. Insbesondere die Energie, die die Macher des Klubs in den Verein investieren. Im  Amateurfußball ist es doch so: Meistens ist kein Geld vorhanden und den Verantwortlichen fehlen die Visionen. Das war hier von Beginn an anders. Das Managerspiel ist eine sehr kreative Idee, um Geld zu verdienen. Man will hier auf jeden Fall nach oben und hat sehr konkrete Ziele. Das imponiert mir.

Sie waren Bundesligaspieler und sind in Sachen Kompetenz überqualifiziert für den Posten eines Kreisligatrainers. Gibt es trotzdem Dinge, die Sie in Freisenbruch lernen?

Möllensiep: In Sachen Trainingsarbeit stellt mich das Projekt sogar vor eine große Herausforderung. Normalerweise weiß ich, wie meine Viererkette in der Abwehr aussieht und kann unter der Woche entsprechend trainieren. Hier weiß ich hingegen nie, wer in die Startelf gewählt wird. Das erfahre ich immer erst zwei Stunden vor dem Spiel.

Wie reagieren Sie im Training auf diesen Umstand?

Möllensiep: Ich muss so trainieren, dass jeder meiner acht, neun Defensivleute für die Viererkette in Frage kommt. Gleiches gilt natürlich auch für alle anderen Mannschaftsteile. Und es ist zusätzlich anspruchsvoll, weil wir es ja hier mit Amateuren zu tun haben.

Ist es schon mal vorgekommen, dass ein Spieler vom Vorabend so angeschlagen war, dass Sie ihn unter normalen Umständen nicht aufgestellt hätten, sich aber der Mehrheit beugen mussten?

Möllensiep: Einmal. Der Spieler schoss dann allerdings vier Tore. Die fälligen 50 Euro, weil er mit Fahne zum Spiel erschienen war, musste er natürlich trotzdem bezahlen.

Sie müssen Ihrer Online-Gemeinde nach Trainingseinheiten und Spielen regelmäßig Rede und Antwort stehen, die Partien werden per Liveticker begleitet, die entscheidenden Spielszenen können anschließend via Youtube noch einmal angeschaut werden. Kein Kreisligist in Deutschland dürfte transparenter sein. Nur: Wo sind die Aufnahmen von der letzten Weihnachtsfeier geblieben?

Möllensiep: Es gab gar keine Weihnachtsfeier. Irgendwie hat sich niemand darum gekümmert. Auch das sollte dringend auf die Liste mit den Verbesserungsvorschlägen (lacht).

Letzte Frage: Wenn Sie einen Cheat verwenden dürften, um Ihren Klub zu verbessern, was würden Sie dann machen?

Möllensiep: Einen richtig schönen Naturrasenplatz nach Freisenbruch zaubern. Ich bin mir sicher, dass auch unsere Manager nichts dagegen hätten.

 
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