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Mittwoch 31.08.16 09:37 Uhr|Autor: Reinhard Hübner - Münchner Merkur3
Deutschland schaut nach Reichersbeuern: Initiator Alexander Varro, Abteilungsleiter Sebastian Bartsch und Trainer Josef Reiter (v.l.) fiebern dem Samstag entgegen. F: Reinhard Hübner

Spiel des Lebens: Und der Kommentar kommt vom Bulldog

A-Klassekick live und unverschlüsselt auf Sky
SC Reichersbeuern - Eine Partie der A-Klasse wird für die Amateurkicker des SCR und des SV Wackersberg zum „Spiel des Lebens“. Weil Alexander Varro die verrückte Idee hatte, sich bei Sky für eine hochprofessionelle Live-Übertragung zu bewerben. Nun herrscht am Samstag Ausnahmezustand im Dorf.

Sechs Jahre lang hat er wirklich geglaubt, er schafft das. Dann aber hat Alexander Varro dieses Kribbeln gespürt, diese Sehnsucht. Und gemerkt: „Ich kann nicht ohne Fußball“. Vielleicht ist der heute 25-Jährige, der in seiner Jugend sogar mal ein Probetraining beim 1. FC Nürnberg absolviert hat, nach der langen Pause noch nicht die ganz große Verstärkung für den SC Reichersbeuern, was er aber schon in der kurzen Zeit für den kleinen Dorfklub nahe Bad Tölz geleistet hat, sollte ihm eine Ehrenmitgliedschaft auf Lebenszeit einbringen. Mindestens.

Sky mit großem Aufgebot vor Ort

Am Samstag wird ab 15 Uhr Deutschland auf Reichersbeuern schauen. Riesige Übertragungswagen werden sich den engen Weg zum Sportplatz bahnen, 60, 70 Mitarbeiter von Sky werden mit 19 Kameras in die dörfliche Idylle einfallen, an ihrer Spitze Wolf-Christoph Fuss, der Kommentator. Sebastian Hellmann wird mit Didi Hamann und Christoph Metzelder die Partie analysieren, das ganze Dorf wird Kopf stehen. Ein Aufwand wie für das Topspiel der Bundesliga. Dabei spielt nur der SC Reichersbeuern sein A-Klassen-Derby gegen den SV Wackersberg.

Und alles wegen Alexander Varro. Erst im Winter ist er zur Mannschaft gestoßen, hat aber gleich mit seiner ersten größeren Aktion Reichersbeuern verändert. „Erst haben wir die Sache belächelt“, erinnert sich Vereinsvorstand Sebastian Bartsch. Man ließ Varro halt gewähren, der drehte einen originellen Film über die Dorf-Kicker, auch Bartsch fand, dass der „ganz gut ausschaut“. Bei Sky sah man das ähnlich, die Bewerbung des SC Reichersbeuern für das „Sky-Spiel des Lebens“ schaffte es in die Top 30 und nun begann das große Wett-Voten. „Die Sache bekam plötzlich eine ungeheure Dynamik“, so Bartsch, nach bescheidenem Start holte man auf, schob sich nach vorne, plötzlich war das ganze Dorf mobilisiert, beim Bäcker wurde um Stimmen geworben, beim Metzger, schließlich machte sich die Mannschaft gemeinsam auf, andere Fußballplätze im ganzen Oberland abzuklappern und die Zuschauer für sich und ihr Projekt zu gewinnen. Selbst von den im Voting abgeschlagenen bayerischen Konkurrenten kam Hilfe.

"Gänsehaut pur"

5941 Stimmen waren schließlich für Reichersbeuern zusammengekommen, Platz eins vor den Niedersachsen aus Altenlingen. Nun musste eine Jury mit Timo Hildebrand entscheiden, welcher Amateurverein sich bundesweit in einer aufwändigen Live-Übertragung auf Sky präsentieren darf, und als dann Wolf Fuss das Ergebnis bekannt gab, bebte der Ort. „Gänsehaut pur“, Bartsch schüttelt noch immer ungläubig den Kopf darüber, was aus Varros Schnapsidee plötzlich geworden war.

Nichts ist seit dem 14. Mai wie es war in Reichersbeuern. „Dieses einmalige Event ist eine tolle Wertschätzung für den Amateurfußball“, freut sich BFV-Präsident Rainer Koch. Live und unverschlüsselt wird Sky die A-Klasse Zugspitze in die deutschen Haushalte bringen, Amateurkicker wie Michael Scharf. Reichersbeuerns Kapitän sagt, „die Nervosität hält sich noch in Grenzen“, ahnt aber, dass sie „von Stunde zu Stunde steigen“ werde, je näher der große Tag rückt. Josef Reiter, der Trainer, steht nun vor der schwierigen Aufgabe, die Mannschaft zu nominieren, die sich dann dem Fernsehpublikum und den erhofften 2000 Zuschauern vor Ort präsentieren darf. Dass es „Härtefälle geben“ wird, weiß Reiter, selbst Varro, der Initiator, hat seinen Platz nicht sicher.

Fuss kommentiert vom Bulldog aus

Aber egal, das Event hat alle elektrisiert, die Fußballer bekommen Zuspruch und Unterstützung aus der ganzen Region, aus der Gemeinde, aus dem Verein, von Eishockeyspielern ebenso wie von Skifahrern. Seit Monaten wird geplant und gewerkelt, das Programm steht: Vor der Halle wird eine Tribüne für 1000 Zuschauer errichtet, ein Hügel zur „Fankurve“. Fuss wird von dem Bulldog aus kommentieren, der eine wichtige Rolle im Bewerbungsvideo gespielt hat, der Spielball wird mit einem Fallschirmspringer auf den Platz schweben, vorher werden die Plattler auftreten und die Goaßlschnoizer, „wir wollen den TV-Zuschauern urbayerische Tradition zeigen“. Bartsch weiß, das kommt an im Norden, er selbst stammt aus der Nähe von Cottbus, ist aber auch ohne Sprachprüfung längst „voll integriert“.

Highlight des dörflichen Lebens in Reichersbeuern ist bisher der überregional bekannte Faschingszug gewesen, der alle zehn Jahre zur Eroberung des Marktplatzes von Bad Tölz führt. „Jetzt machen wir Fußballer mal Schlagzeilen“, meint der Trainer, der früher, wie viele aus dem Ort, Wintersportler war. Ein richtig guter Skirennfahrer ist er gewesen, andere aus der Mannschaft haben Eishockey gespielt, die Abteilung gilt als Talentquelle für die Oberligamannschaft des EC Bad Tölz, hat sogar schon Nationalspieler hervorgebracht.

"Wir wollen bei allem Ehrgeiz Spaß haben"

Die Fußballer sind reine Amateure, das Spektrum ihrer Berufe reicht vom Bauingenieur über Zimmerer, Groß- und Außenhandelskaufmann, Landschaftsgärtner bis zum Psychologen. Im Sommer ist die Mannschaft wieder mal von der B- in die A-Klasse aufgestiegen und hofft, sich dort halten zu können. Höherklassige Erfahrungen haben nur wenige, Alex Thiel, der Neuzugang, hat mal in der Unterhachinger Jugend gespielt. Aktiv aber werden Verstärkungen von außen nicht geholt, man sieht sich als verschworene Gemeinschaft von Freunden, es würde nicht passen, mit aller Macht höhere Ligen anzustreben: „Wir wollen bei allem Ehrgeiz Spaß haben“, sagt der Trainer.

Den Ehrgeiz hat Reiter zuletzt im Training immer deutlicher gespürt, je näher das große Spiel rückte: „Ich hoffe, das bleibt auch danach so.“ Jetzt aber freut er sich erst mal auf das Duell mit Wackersberg, „die Rivalität ist groß, die Spieler kennen sich gut“, sein Spielmacher wohnt sogar mit dem gegnerischen Torhüter in einer WG. Rücksichtnahme aber wird es nicht geben, nicht nur, weil Deutschland zuschaut. „Die Burschen sind natürlich alle heiß“, spürt Reiter, Wackersbergs Michael Ostler wird für das Spiel extra aus Toulouse einfliegen, wo er ein Auslandssemester absolviert.

Kosten von insgesamt 30.000 Euro

Es herrscht Ausnahmezustand in Reichersbeuern. Noch werden die Banden aufgebaut, die Hälfte der Werbeflächen hat Sky dem Verein überlassen. Sie zu verkaufen, sei aber nicht so einfach gewesen, sagt Bartsch: „Die Betriebe vor Ort haben kein so großes Bedürfnis, deutschlandweit zu werben.“ So bleibe ein „gewisses Risiko“ für den Sportclub, der die Kosten von rund 30.000 Euro für Tribüne, Security, Sanitätsdienst und all die Dinge, die so ein Event benötigt, selbst aufbringen muss. Ein reichhaltiges Programm bis hin zur großen After-Match-Party soll für einen Run auf das Sportgelände sorgen.

Sollte man am Ende doch auf höheren Kosten sitzen bleiben, dann wird es wohl doch nichts werden mit der Ehrenmitgliedschaft für Alex Varro. Aber dankbar werden sie ihm trotzdem ewig sein, zumindest die Kollegen, für die ein eigentlich normales A-Klassen-Punktspiel zum „Spiel des Lebens“ geworden ist. Von dem sie noch ihren Enkeln erzählen können.

Auch interessant:So bereitet sich Wolff Fuss auf das Sky-Spiel des Lebens vor

Die Amateurfußballseite erscheint jeden Mittwoch. Autor ist Reinhard Hübner, erreichbar unter komsport@t-online.de

 
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